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Katastrophenfeuilletonismus

Von Helmut Höge
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Die kanadische Globalisierungskritikerin Naomi Klein spricht von »Katastrophenkapitalismus«. Die Coronakrise ist aktuell so eine Katastrophe. Weil alle mehr oder weniger zur Vereinzelung und Immobilität gezwungen sind oder sich dazu zwingen, ist es auch das, worüber zwangsläufig alle reden, berichten, posten. »Experten warnen vor übereilten Publikationen zu Corona,« hieß es am 24. März in der FAZ.

Die »G7«, das heißt »die Außenminister der führenden westlichen Industriestaaten« (wie sich das anhört!), wollten gemeinsam eine »Coronaerklärung« publizieren, sie kam aber nicht zustande, unter anderem weil der US-Außenminister auf dem Begriff »Wuhan-Virus« bestand. US-Präsident Donald Trump hatte zuvor von einem »China-Virus« gesprochen. Seine Wortwahl stieß auf Empörung, woraufhin er als Kompromiss den Ausdruck »Wuhan-Virus« prägte. Mit seinem »Gebt China die Schuld« mache Trump den Rassismus wieder salonfähig, schimpfte der italienische Philosoph Giorgio Agamben, der sowieso in all den umfassenden staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 eine Art Generalprobe für eine totalitäre E-Herrschaft sieht.

Ich fand dagegen beide Namen für die Viren, die sich zuerst in der Provinzhauptstadt am Yangtse ausgebreitet hatten, insofern passend, als die Chinesen der Welt gezeigt haben, dass nur ein Staat unter der Führung der Kommunistischen Partei (und dank Krankenhausblitzbauten) solch eine Pandemie eindämmen kann. Für die neoliberalen G7-Staaten würde das eine Veränderung ihrer Politik um 180 Grad bedeuten. Und tatsächlich schwenkt eine Regierung nach der anderen jetzt zu einem Neokeynesianismus um. Und sie sehen alle dabei zu, wie einzig China, Russland und Kuba (!) dem EU-Mitgliedsland Italien Hilfe leisten.

Der slowenische Kulturkritiker Slavoj Zizek bezeichnet in der NZZ Agambens schlechtgelaunte Feuilletons als Gedanken »linker Konstruktivisten«. Mit den »rechten Konstruktivisten« hätten sie gemein, dass sie sich weigerten, »die tatsächliche Realität der Epidemie zu akzeptieren. Das ist Ideologie.« Zu den »Rechten« zählt er namentlich Trump und seine Anhänger, die das Coronavirus als fieses Attentat aus China begreifen, um seine Wiederwahl zu verhindern. Einige arabische Führer tun inzwischen kund, dass diese virale Waffe von den Zionisten hergestellt worden sei. Ich weiß nicht, ob es schon eine Landkarte von Russland gibt, auf der die CIA alle postsowjetischen Biolabore eingetragen hat, in denen ganz sicher an der Entwicklung von tödlichen Viren und ähnlichen Untoten (Viren sind keine Lebewesen!) gearbeitet wird.

Slavoj Zizek rät uns: All das – und vor allem die antikapitalistische Pandemie – müssten wir »aushalten können, ohne verrückt zu werden«. Ich glaube, er meint damit den Menschen schlechthin, also alle sieben Milliarden potentiell Gefährdeten, egal ob alt oder jung, arm oder reich, Inuit oder Inder. Man sollte hinzufügen, dass die hier erwähnten Feuilletonisten Ausnahmen sind. Die meisten sagen natürlich wie noch bei jeder Katastrophe des Kapitalismus: »Die Gesellschaft muss sich neu erfinden«, oder: »Danach wird nichts mehr so sein wie zuvor.«

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Georg Fries, Hamburg: Westlicher Rausch Ich glaube leider nicht, dass Slavoj Zizek an die gesamte Menschheit, derzeit über sieben Milliarden, denkt, wenn er meint, was wir aushalten müssten. Sonst hätte Zizek, der auch schon dadurch auffiel...

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