Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Ausgabe vom 31.03.2020, Seite 10 / Feuilleton
Engagierter Schauspieler

Mit leuchtenden Augen

Dem Revolutionär Rolf Becker zum 85. Geburtstag
Von Moshe Zuckermann
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Rolf Becker liest im »Heimathafen Neukölln« anlässlich des 130. Todestages von Karl Marx aus dem »Kommunistischen Manifest«

In die Jahre gekommene Linke, Sozialisten und Kommunisten zumal, haben etwas Irritierendes an sich: Sie begegnen ihrer Umwelt mit einem Optimismus, der ihrem Lebensabend nicht ansteht. Von selbst versteht sich, dass besagte Umwelt von einer entsprechenden Ideologie geprägt ist. Man streitet sich darüber, ob es Winston Churchill oder Georges Clemenceau war, der sarkastisch meinte: »Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.« Vermutlich haben es beide nicht gesagt, aber das Diktum trifft die Ideologie des erwähnten Unbehagens. Es spiegelt präzise die »realistische« Perspektive der Entfremdeten auf das, was sie als das gesellschaftlich einzig Wahre ansehen, wider: das schlecht Bestehende. Die schiere Möglichkeit, dass es anders, besser werden könnte, ja dass Gesellschaft und Dasein radikal werden, sich an der Wurzel erfassen, um eine wahre Emanzipation des Menschen verwirklichen zu können, kommt ihnen kindisch bzw. unerwachsen vor. Erwachsen ist man gleichsam, wenn man sich mit dem nun mal so Vorwaltenden abgefunden hat. Hoffnung ist infantil – Unfreiheit ist Mündigkeit.

Ernst Bloch hat die Motive der Wurzel und des Kindlichen in den philosophischen Kontext der menschlichen Emanzipation gebracht: »Die Wurzel der Geschichte ist (…) der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch.« Von diesem Menschen sagt er dann: »Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.« Das sind die Schlussworte aus Blochs monumentalem Werk »Das Prinzip Hoffnung«. Das, was das Kind im Stande seiner Unberührtheit noch erlebt und der Erwachsene durch Entäußerung und Entfremdung verloren hat, vermag der Radikale, sich an der Wurzel Erfassende, als menschliche Emanzipation herzustellen. Es bedarf hierfür der sich als das »Kindliche« erhaltenden Hoffnung, der »Unerwachsenheit« des die Entfremdung Überwindenden, die repressiven Gegebenheiten Überholenden. Es bedarf des revolutionären Menschen.

Rolf Becker ist ein solcher Mensch. Sein Arbeiten und Schaffen, seine Umbildung und Überholung der Gegebenheiten erstreckt sich über seinen Schauspielerberuf sowie seine fast sein ganzes Leben lang andauernde politische Aktivität, wobei freilich beide Praxissphären bei ihm untrennbar miteinander verbunden sind. Als er etwa 2006 den Berliner Heinrich-­Heine-Preis mitbegründete, um den wegen seines Protests gegen den NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien verächtlich gemachten Schriftsteller Peter Handke und die Freiheit kritischer Kunst zu verteidigen, schwamm er gegen den Strom deutscher Geschichtsvergessenheit und Normalisierung. Als er sich emphatisch für die Begnadigung des ehemaligen RAF-Mitglieds Christian Klar engagierte, brach er damit ein ehernes bundesrepublikanisches Tabu. Er setzt sich auch für die Freilassung des US-amerikanischen Journalisten, Autors und Bürgerrechtlers Mumia Abu-Jamal ein, sprach 2001 die Laudatio bei der Verleihung des Erich-Mühsam-Preises an den zum Tode, mittlerweile zu lebenslanger Haft Verurteilten. Nicht von ungefähr betrachtet die Sängerin und Auschwitz-Überlebende ­Esther Bejarano ihn als »Bruder« im unerschütterlichen Kampf gegen Faschismus, Krieg und Unmenschlichkeit. Dem sozialistischen Ethos der organisierten Arbeiter verpflichtet, erweist sich Rolf Becker als Mitglied von Verdi stets als unermüdlicher aktiver Gewerkschafter.

Der Schauspielerberuf ist stets prekär, wenn es um Produktionen geht, die den sie finanzierenden Institutionen politisch gegen den Strich gehen. Kritische Künstler sind strukturell der ideologischen Willkür von etablierten kulturökonomischen Eliten ausgesetzt, was die Existenz von freien, ständig auf Engagements angewiesenen Schauspielern gefährden mag. Man redet stets von der autoritären Einmischung des Staates in den sogenannten totalitären Regimes. Die Praktiken des Kapitalismus sind da vermeintlich liberal-toleranter, gleichsam subtiler, aber gerade deshalb neuralgischer, wenn es um Kunst geht, die dessen Ideologie entgegensteht. Viele Akteure knicken gesinnungsmäßig ein, passen sich an, wollen »nur Schauspieler« sein, wie es in István Szabós Meisterwerk »Mephisto« heißt. Selbst ein so renommierter und populärer Künstler wie Rolf Becker war der Verfänglichkeit dieser Interdependenz ausgesetzt, hat die Grenzen der liberalen Toleranz zu schmecken bekommen. Er war mit nicht wenig Zwängen konfrontiert, sich aus Gründen des elementaren Broterwerbs affirmativ einzufügen.

Aber was macht er, dieser nicht nur äußerlich schöne, allem Lippenbekenntnis abholde Mann? Er tourt durch Deutschlands Städte und trägt das Kommunistische Manifest vor Hunderten von Zuhörern vor. Und auf einer von der marxistischen Kulturzeitschrift Melodie & Rhythmus veranstalteten Künstlerkonferenz zu ihrem »Manifest für Gegenkultur« brachte er im Juni 2019 eine Hommage an Hans Werner Henzes Oratorium »Das Floß der Medusa« zur Aufführung – eine gesinnungstreue Adaption des Requiems für Che Guevara mit einem Libretto von Ernst Schnabel, dessen Uraufführung 1968 durch einen martialischen Polizeieinsatz verhindert worden war und das mit dem Schlachtruf der Studentenbewegung gegen den Vietnamkrieg »Ho, Ho, Ho Chi Minh!« endet.

Rolf Becker − dieser inspirierende Revolutionär feiert am heutigen Dienstag seinen 85. Geburtstag. Und das unbestechliche »Kindliche« leuchtet aus seinen Augen wie eh und je, hält unentwegt Ausschau nach dem, worin noch niemand war.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ralph Dobrawa, Gotha: Respekt und Gratulation Rolf Becker ist ein wunderbarer Zeitgenosse und hervorragender Schauspieler. Über all die Jahre hat er sich seine Überzeugungen nicht nehmen lassen. Auf vielen Veranstaltungen unterstützt er durch sei...

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