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Aus: Ausgabe vom 31.03.2020, Seite 6 / Ausland
Coronavirus in Puerto Rico

Von Washington im Stich gelassen

Puerto Ricos Gesundheitssystem ist auf die Viruspandemie nicht vorbereitet
Von Jürgen Heiser
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Kontrollen gegen die Ausbreitung des Coronavirus am Flughafen in Carolina, Puerto Rico (17.3.2020)

Bei der Bevölkerung der Karibikinsel Puerto Rico, einem sogenannten Außengebiet der USA, schwindet in diesen Tagen die Hoffnung, ausreichend vor der Pandemie mit dem neuartigen Coronavirus geschützt zu sein. Die ersten Fälle von Covid-19-Erkrankungen gab Puerto Ricos Gouverneurin Wanda Vázquez am 13. März bekannt: Zwei italienische Touristen sowie eine 71jährige Krebspatientin wurden positiv getestet. Zum 28. März galten offiziell 100 Personen als infiziert. Zwei waren an der Lungenkrankheit verstorben, als erste eine 68jährige Touristin aus Italien.

Die Verbreitung des Virus nahm in Puerto Rico insbesondere im Tourismusbereich und dabei vor allem von den Kreuzfahrtschiffen ihren Anfang, die Scharen von Urlaubern aus Europa und den USA auf die Insel brachten. Als eine der ersten Maßnahmen gegen die Pandemie wurde daher ein striktes Anlegeverbot für die Schiffe verhängt. Die ökonomische Abhängigkeit der Insel von den Vereinigten Staaten birgt weitere Gefahren: Nur 3,5 Millionen Purtoricaner leben heute noch auf der Insel, rund vier Millionen sind in die USA übergesiedelt. Weil vor allem die Jüngeren emigrieren, ist die puertoricanische Gesellschaft überaltert. Ein Fünftel der Bevölkerung ist über 65 Jahre alt und damit besonders durch die Infektionswelle gefährdet. Zudem verhindert die verbreitete Altersarmut den Zugang zu teuren Arztleistungen.

Die Migration hat starke Reisebewegungen zwischen dem US-Festland und der Insel zur Folge. Infizierte Heimreisende aus der Diaspora in New York und Florida haben nachweislich Inselbewohner angesteckt. So sprach Puerto Ricos Chefepidemiologin Carmen Deseda gegenüber dem Miami Herald von einem »Import« des Virus. Deshalb müsse »jeder Bürger die Maßnahmen zur sozialen Isolierung aufrechterhalten«, so Deseda – zumal die Hospitäler der Insel noch weitaus weniger Betten der Intensivmedizin hätten als die der USA. Bereits zuvor hatte die Gouverneurin Vázquez Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wie eine inselweite Ausgangssperre und die Schließung der Schulen sowie aller nicht für die Grundversorgung notwendigen Geschäfte und Unternehmen angeordnet.

Bereits am 19. März zitierte der US-Sender NBC News Epidemiologen, die davor warnten, dass Puerto Rico von Washington »während der Coronaviruspandemie ignoriert« werden. Das Land gilt als »frei assoziierter Staat« der USA, wenngleich selbst die Vereinten Nationen es seit Jahrzehnten als letzte De-facto-Kolonie der USA behandeln und in Resolutionen regelmäßig seine Unabhängigkeit fordern.

Wie alle anderen gesellschaftlichen Bereiche ist auch das Gesundheitssystem Puerto Ricos von Washingtons Gnaden abhängig. Schon lange vor der Pandemie konnte es die Einwohner nicht angemessen versorgen. Seit 2015, als die USA Puerto Rico eine rigide Sparpolitik aufzwangen und so auch den Gesundheitsbereich kaputtschrumpften, protestierten in den vergangenen Jahren Abertausende gegen den Zustand.

Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde Health Resources and Services Administration (HRSA) gelten 72 der 78 Kommunalbezirke der Insel als »medizinisch unterversorgt«. Laut einem Untersuchungsbericht des in Washington D. C. ansässigen gemeinnützigen Urban Institute von 2017 böten »der eingeschränkte Zugang zu Ärzten« sowie ein »erheblicher Mangel an medizinischem Personal durch massive Abwanderung auf das US-Festland« größten Anlass zur Besorgnis.

Angesichts dessen schauen die von der Pandemie Bedrohten nicht nur voller Sorgen in die Zukunft, sondern hoffnungsvoll auf das benachbarte sozialistische Kuba, das mit seinem vorbildlichen Gesundheitssystem nicht nur die eigene Bevölkerung schützt, sondern auch anderen Ländern in Lateinamerika oder auch Italien durch die Entsendung von Ärzten beistehen kann. Doch auf Hilfe aus Havanna darf Puerto Rico nicht hoffen: Die war schon nach den Verwüstungen des Hurrikans »Maria« 2017 sowie nach einem starken Erdbeben in diesem Januar im Süden der Insel per Anordnung aus Washington verboten worden.

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