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Aus: Ausgabe vom 30.03.2020, Seite 8 / Ansichten

Ruhe im Protektorat

Ende der Regierung Kurti in Kosovo
Von Roland Zschächner
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Albin Kurti bei einer Abschlusskundgebung zum Wahlkampf in Pristina am 4. Oktober 2019

Einst war Albin Kurti der Hoffnungsträger der Vereinigten Staaten. Er und seine Partei Vetëvendosje! (Selbstbestimmung) erhielten bei der Parlamentswahl im vergangenen Oktober die meisten Stimmen. Begrüßt wurde das damals noch von dem über jeder Regierung stehenden US-Botschafter in Pristina, der an diesem »großartigen Tag« verkündete: »Kosovo ist unsere Heimat.« Das ist verständlich, denn die USA unterhalten in ihrem Balkan-Protektorat mit dem Camp Bondsteel den zweitgrößten Militärstützpunkt in Europa.

Doch der Jubel ist verflogen. Der Premierminister fiel in den 51 Tagen seiner Amtszeit in Ungnade, da er sich weigerte, die von seinem Vorgänger im November 2018 eingeführten 100prozentigen Strafzölle auf Waren aus Serbien und Bosnien-Herzegowina aufzuheben. Und das, obwohl Kurti dies Richard Grenell noch vor der Wahl versprochen hatte, wie der US-Diplomat am Freitag in einem Interview mit dem kosovarischen Fernsehsender T7 erklärte.

Grenell ist nicht irgendwer. Der US-Botschafter in Berlin und Vertraute von Präsident Donald Trump wurde von diesem im vergangenen Jahr zum Sondergesandten für den Dialog zwischen Belgrad und Pristina ernannt. Das Ziel: Trump soll vor der diesjährigen Wahl einen außenpolitischen Erfolg einfahren; und das in einer Region, die zunehmend an geopolitischer Bedeutung gewinnt, also unter den imperialistischen Staaten heiß umkämpft ist.

Dabei geht es nicht nur um die militärische Kontrolle der strategisch gut gelegenen Halbinsel zwischen Westeuropa und dem Nahen Osten. Auch wirtschaftlich entwickelt sich die Region zu einer wichtigen Transitroute von Erdgas und dank der chinesischen Initiative für eine neue Seidenstraße zum bedeutsamen Transportweg von Waren.

Vor allem die EU-Hegemonialmacht Deutschland betrachtet den Balkan als ihren eigenen Hinterhof. Dort werden die Vereinigten Staaten noch geduldet, denn ohne sie wäre die blutige Zerschlagung Jugoslawiens nicht durchsetzbar gewesen, genausowenig wie 2008 die völkerrechtswidrige Lossagung des Kosovo von Serbien.

Kurti ist das Produkt dieser Balkanisierung des Balkans. Sein Ziel: die Schaffung von Großalbanien. Aber anders als die restlichen als Politiker gekleideten Kriminellen hat er sich für die Bundesrepublik als Schutzmacht entschieden; noch am Dienstag stellte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel demons­trativ hinter ihn.

Es half ihm nichts, denn in jetzigen Zeiten wird die US-Politik mit der »Coronakrise« bemäntelt. Und so war am Mittwoch vorerst Schluss mit Kurtis erster Amtszeit. Vorgeschobener Grund für dessen per Parlament vollzogenen Sturz war, dass er es ablehnte, wegen der Pandemie den Ausnahmezustand auszurufen und so die Macht an den US-Zögling und Präsidenten Ha­shim Thaci zu übergeben. Ruhe wird der Geschasste deswegen nicht geben – zu unersättlich ist sein Machthunger. Größer ist nur noch Berlins Interesse an der Region.

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