Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Gegründet 1947 Sa. / So., 30. / 31. Mai 2020, Nr. 125
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan«« Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Aus: Ausgabe vom 30.03.2020, Seite 8 / Ausland
Heuschreckenplage in Ostafrika

»So etwas habe ich in 30 Jahren noch nicht erlebt«

Neben Coronavirus haben afrikanische Staaten derzeit mit Heuschreckenplage zu kämpfen. Ein Gespräch mit Thomas Hoerz
Interview: Kristian Stemmler
Heuschreckenplage_in_64337903.jpg
Existentielle Bedrohung für das Leben vor Ort: Wüstenheuschrecken in Kenia (16.1.2020)

Vor gut einer Woche sind Sie wegen der Coronaviruspandemie aus Somaliland nach Deutschland zurückgekehrt. Wie ist die Lage auf dem afrikanischen Kontinent derzeit?

Dort beginnt die Ausbreitung des Virus gerade erst, aber es sind bereits fast alle Länder betroffen. In Somaliland, meinem Einsatzland, sind noch keine Fälle von Infektionen aufgetreten. Das liegt aber daran, dass dort bisher nicht getestet wird.

Was würde ein Ausbruch in afrikanischen Staaten bedeuten?

Man muss das Schlimmste befürchten. Die Gesundheitssysteme dort sind denkbar schlecht auf eine solche Entwicklung vorbereitet, Somaliland und Somalia noch einmal schlechter als etwa Kenia oder Äthiopien. Im Bereich der Intensivmedizin ist fast gar nichts da. Und die Systeme sind ohnehin überlastet durch Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose.

Auch die Lebensumstände begünstigen eine Ausbreitung des Virus. Zum Beispiel die große Enge in den Behausungen, vor allem denen der ärmeren Schichten. Die Kinder schlafen zu mehreren im Bett, man isst gemeinsam mit den Händen aus einer Schüssel. Die Hände werden oft nicht mit Seife gewaschen. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung kann sich Seife gar nicht leisten.

Die Frage ist auch, ob eine Ausbreitung in afrikanischen Ländern rechtzeitig erkannt wird, weil es dort weniger Testmöglichkeiten gibt. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?

Wir versuchen gerade ein Monitoring, indem wir viele Krankenhäuser kontaktieren. Danach gab es zuletzt eine Zunahme von älteren, aber auch von jüngeren Patienten mit coronatypischen Symptomen. Ich hoffe, dass die internationale Gemeinschaft einsieht, dass auch Afrika Tests braucht und dass die WHO nicht vergisst, dass es 140 Länder auf der Welt gibt, die im Gegensatz zu den Industriestaaten nicht mal eben Milliarden freischalten können.

Die Pandemie würde in Ostafrika auf Länder treffen, die derzeit von einer der größten Heuschreckenplagen der letzten Jahrzehnte heimgesucht werden. Wie ist da die Lage?

Betroffen sind vor allem Kenia und Äthiopien. In Somaliland bereiten wir uns jetzt auf den nächsten Schlupf vor, der in zwei bis vier Wochen stattfindet. Da kommt es auf die Regenfälle an – wenn sie ausbleiben, trocknen die Eier aus. Leider sieht es nach guten Regenfällen aus.

Die Welternährungsorganisation FAO hat vor Hungersnöten in Ostafrika gewarnt.

Zu Recht. Wenn der Schlupf der Heuschrecken und das Aufgehen der Saat auf den landwirtschaftlichen Flächen zusammenfallen – das wäre das schlimmste Szenario. Dann kann die einzelne Heuschrecke nämlich einen größeren Schaden anrichten, weil die Pflanze noch in einem frühen Entwicklungsstadium ist.

Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerhard Müller von der CSU, hat gewarnt, dass die bisherigen Hilfen nicht ausreichen.

Das kann ich nur unterstreichen. So etwas habe ich in 30 Jahren auf dem Kontinent noch nicht erlebt.

Hingewiesen wird auch auf einen Zusammenhang der Plage mit dem Klimawandel, starken Regenfällen und Überschwemmungen. Können Sie das erläutern?

Nach einer Massenablage von Eiern sterben meistens alle ab, indem sie einfach austrocknen. Wenn es aber, wie in der zweiten Jahreshälfte 2019, in den betroffenen Küstenregionen Ostafrikas fast durchgehend regnet und über zwei Generationen hinweg nahezu alle Tiere schlüpfen, dann explodiert die Population.

Sie warnen davor, die Plage mit Insektiziden zu bekämpfen. Was sind die Alternativen?

Für jede Million Heuschrecken, die Sie chemisch abtöten, töten Sie auch ein paar tausend Vögel ab sowie zigtausend Raubinsekten und andere Tiere wie kleine Säugetiere, Schlangen, Echsen. Wenn die Plage nur chemisch bekämpft wird, schaffen wir zudem keinen Anreiz für Dörfer, sich selbst darum zu kümmern. Wenn viele Menschen da mitmachen, kann man Heuschrecken auch mechanisch bekämpfen, sie etwa in einer bestimmten Phase mit Plastikplanen einfangen.

Thomas Hoerz arbeitet für die »Welthungerhilfe« und ist deren Programmleiter für das Somaliland

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

Die Tageszeitung junge Welt finanziert sich vor allem über Abonnements. Wenn Sie öfter und gerne Artikel auf jungewelt.de lesen, würden wir uns freuen, wenn auch Sie mit einem Onlineabo dazu beitragen, das Erscheinen der jungen Welt und ihre Unabhängigkeit zu sichern.

Mehr aus: Ausland