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Aus: Ausgabe vom 30.03.2020, Seite 6 / Ausland
Flüchtlinge in Griechenland

Hass statt Hilfe

Griechische Regierung verfrachtet Flüchtlinge aufs Festland. Asyl und ärztliche Versorgung gestoppt
Von Hansgeorg Hermann
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Flüchtlinge warten auf eine Fähre, mit der sie auf das Festland gebracht werden sollen (Lesbos, 20.3.2020)

Die rechtskonservative griechische Regierung hat in der vom Coronavirus verursachten Gesundheitskrise begonnen, sich auf ihre Weise der Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Syrien und im Irak zu entledigen. Seit mehr als einer Woche werden Familien, alleinstehende Frauen mit Kleinkindern und Jugendliche ohne erwachsene Begleitung aus den völlig überfüllten »Hotspots« der Inseln Lesbos, Samos und Chios auf das nördliche Festland verfrachtet – quasi in die Wildnis verbannt, ohne Kontakt zu menschlichen Siedlungen, eingesperrt in isolierte, mit Stacheldraht befestigte Lager, die von Polizeieinheiten bewacht werden. Menschliche Müllhalden, in denen es auch keine ärztliche Hilfe mehr gibt. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis, der jüngst bereits die Bearbeitung von Asylanträgen unterbunden hatte, kommt damit auch der Forderung europäischer Faschisten nach, die Flüchtlinge von medizinischer Versorgung ausschließen wollen.

Jüngster Streich der Regierung: Die Zwangsverlegung 189 Asylsuchender von Lesbos in ein »improvisiertes Camp« namens »Kleidi« (Schlüssel, jW), wie die griechischen Tageszeitungen I Avgi (Die Morgendämmerung) und Efimerida ton Syntakton (Efsyn, deutsch »Zeitung der Redakteure«) berichteten. Dort gibt es nach Angaben der von Journalisten befragten Familien, unter ihnen ein drei Monate altes Kleinkind, weder elektrischen Strom, noch ist irgendein Kontakt zur Außenwelt vorgesehen. Das Lager in der Nähe der Gemeinde Serres (Zentralmakedonien), zusammengebastelt aus einigen Zelten und über nur eine Wasserstelle verfügend, wurde mitten in einem trockenen Flussbett angelegt, um einem Streit um Eigentums- und Baurechte aus dem Weg zu gehen. Wie die dort nun gefangenen Menschen berichteten, mussten sie auf Lesbos ein in griechischer Sprache abgefasstes Dokument unterschreiben. Sie genehmigten der Polizei damit selbst ihren Abtransport, ohne es zu wissen.

Auf den Inseln in der nördlichen Ägäis vegetieren gegenwärtig mehr als 40.000 Menschen in Zelten und selbstgebauten Plastikhütten. Die wenigen Duschen und Toiletten müssen sich Männer, Frauen und Kinder teilen. Mehr als 1.000 Menschen steht bisweilen nur eine einzige Wasserstelle zur Verfügung. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zählte in den vergangenen Monaten rund 8.000 Kinder und mehr als 1.000 Jugendliche ohne erwachsene Begleitung. Mediziner beurteilen die »Hotspots« als »idealen Ort« für eine zu befürchtende Verbreitung der Lungenkrankheit Covid-19. Vergessen werde dabei, dass das Coronavirus keineswegs von den in Griechenland gestrandeten Kriegsflüchtlingen nach Europa eingeschleppt worden sei, sondern »allein von Geschäftsreisenden und Touristen«, erläuterte die Ärzteorganisation. Viele Asylsuchende litten allerdings an Herzproblemen, Asthma oder chronischen Infekten, die in den während der vergangenen Wochen in Windeseile aus dem Boden gestampften, von der Außenwelt abgeschnittenen Ausweichlagern nicht mehr behandelt werden könnten.

»Welcher Verbrechen haben sich diese Menschen schuldig gemacht, dass wir sie unter solch unmenschlichen Bedingungen einsperren?« fragten in der vergangenen Woche die Efsyn-Redakteure. Im Lager »Kleidi« bekämen die Flüchtlinge eine Nummer – »wie Strafgefangene«, Namen seien nicht notiert worden. Selbst die hartgesottenen Polizisten der Spezialeinheit MAT seien weich geworden, erzählten dort gefangene Frauen den Journalisten. Sie hätten den Menschen im Lager, wo mit Baumaschinen noch an den Betonsockeln der hohen Absperrgitter gearbeitetet werde, belegte Brote besorgt. Und ihren Vorgesetzten über »unerträgliche Zustände« Bericht erstattet.

Weil in den Lagern eine Masseninfektion mit dem Virus droht, verlangt inzwischen auch das EU-Parlament die Evakuierung. »Keine angemessenen hygienischen Bedingungen«, erklärte der Vorsitzende des Innenausschusses, Juan Fernandez López Aguilar. Nur: Wohin mit diesen Menschen, die niemand aufnehmen will? Der Hass, den Faschisten in Griechenland ebenso wie in Deutschland oder Frankreich säen, ist für die Flüchtlinge weit gefährlicher als alle Krankheiten.

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