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Aus: Ausgabe vom 27.03.2020, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Digital ist besser

Christian Y. Schmidts Weltpremierelesung aus seinem Roman »Der kleine Herr Tod«
Von Kristof Schreuf
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Ist halt fit: Christian Y. Schmidt

Der Journalist und Schriftsteller Christian Y. Schmidt zog Ende der 90er Jahre viel und völlig zu recht Aufmerksamkeit auf sich, als er ein paar noch fast junge Menschen, die keine Lust mehr hatten, arm zu sein und deshalb politische Karrieristen wurden, in dem Buch »Wir sind die Wahnsinnigen« beschrieb. Danach hat sich der ehemalige Titanic-Redakteur auf jeder Seite der Welt umgeschaut. Bis heute wirkt er auf Veranstaltungen, etwa als Redner auf einer Jubiläumsfeier der Edition Tiamat, wie ein Gehetzter – wenn man nicht wüsste, dass Schmidt halt fit ist, immens viel vorhat und einfach seiner inneren Hochbetriebsgeschwindigkeit nachgibt.

Vorgestern Abend saß er vor einer Laptopkamera in einer Kreuzberger Galerie, um sein Buch »Der kleine Herr Tod« mit Illustrationen von Ulrike Haseloff vorzustellen. Die neue Situation, sich bei abwesendem Publikum live an die virtuelle Zuhörerschaft zu wenden, produzierte von Anfang an heiterste Momente. Zunächst ist ein Lebenskünstler mit Hut zu sehen, der einige Anläufe unternimmt, um Schmidt anzukündigen. Dann setzt sich Schmidt selbst ins Bild, um zu erklären, dass es sich bei dem Lebenskünstler um seinen Bruder handle, der entgegen ihrer Verabredung vergessen habe, die »Weltpremierelesung« seines Romans anzukündigen. Er verspreche, wenn er irgendwann mal wieder eine »normale« Veranstaltung abhalten könne, weniger zu »ähen«, und hoffe, dass dieser Youtube-Film trotzdem nicht so wirke, als würden »Dick und Doof versuchen, eine Literatursendung zu produzieren«.

Während ein Virus zur Zeit jeden Menschen dazu bringt, fast jeden anderen Menschen als Lebensgefahrenquelle zu betrachten, jede Berufsausübung, vorsichtig gesagt, massiv einschränkt und nicht zuletzt die Kernfamilie durch kaum unterbrochene räumliche Dauernähe ihrer Mitglieder vor eine ganz neue Belastungsprobe stellt, erreicht Schmidts Sendung wie selbstverständlich höchsten Unterhaltungswert. Seine Geschichte vom überarbeiteten und deshalb zur Melancholie neigenden Herrn Tod und dessen Kumpel »Bengel« – also »Engel« mit einem »B« davor –, die ihre Stimmung mit der Gründung einer Band verbessern wollen, bekommt so etwas von einem Buch der Stunde. Gegen die derzeitige Melancholie des Lesers hilft »Der kleine Herr Tod« auf jeden Fall.

Christian Y. Schmidt: Der kleine Herr Tod. Rowohlt, Berlin 2020, 144 Seiten, 16 Euro

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