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Aus: Ausgabe vom 27.03.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Zwangspause

Hilfspaket für Näherinnen

Bangladeschs Textilbranche leidet unter Folgen der Coronaviruskrise
Von Thomas Berger
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Bangladeschs Hauptdevisenbringer: Näherin in der Texilfabrik Antana Garments Ltd. in Savar

Bangladeschs Wirtschaft war zuletzt stark gewachsen. Im Finanzjahr 2018/2019 konnte das Land auf 8,15 Prozent Wirtschaftswachstum verweisen. Es war der höchste Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der asiatisch-pazifischen Region überhaupt. Für das jetzt Ende März auslaufende Folgejahr lag die letzte Prognose sogar bei einem Plus von 8,2 Prozent. Doch daraus wird nichts. Auch das 165-Millionen-Einwohner-Land im Mündungsdelta von Ganges und Brahmaputra bekommt die Folgen der Coronaviruskrise schmerzhaft zu spüren.

Am Mittwoch sagte Finanzminister Mustafa Kamal in einer Videokonferenz mit den Spitzen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds einen Rückgang des Wachstums von 1,1 Prozent voraus. Dieser Wert fußt auf einer Lagebewertung, die die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) schon vor zwei Wochen abgegeben hatte. Laut International Business Times geht die ADB von umgerechnet 3,02 Milliarden US-Dollar weniger BIP aus – und dem Verlust von 895.000 Jobs.

Rückgrat der Wirtschaft ist seit mehreren Jahrzehnten die Textilbranche. Die hatte sich in den letzten Dekaden des vorigen Jahrhunderts zu einer Werkbank für große Konzerne der globalen Bekleidungsindustrie entwickelt. Mit einem Exportvolumen von umgerechnet 34,13 Milliarden Dollar stand sie im vergangenen Finanzjahr für 84 Prozent aller Ausfuhren und trug mit über elf Prozent zum BIP bei. In 4.621 Fabriken, rechnete kürzlich das Portal Textilefocus.com vor, nähten gut vier Millionen Menschen vorrangig für die Kundschaft aus Westeuropa und den USA Hemden, Hosen, Shirts und Pullover. Weit mehr als 80 Prozent dieser Beschäftigten sind Frauen. Zwar wurden die Arbeitsschutzauflagen seit der Rana-Plaza-Katastrophe spürbar verschärft, bei der im April 2013 1.135 Menschen beim Einsturz des achtgeschossigen Gebäudes starben, in dem auch mehrere Textilfirmen produzierten. Insgesamt haben sich die Arbeitsbedingungen aber allenfalls minimal verbessert.

Das Land mag mit bisher offiziell einigen hundert an Covid-19 Erkrankten und zu Wochenmitte dem fünften Todesfall (noch) nicht besonders stark von der eigentlichen Pandemie betroffen sein. Doch auch hier erweisen sich die engen Verflechtungen einer globalisierter Verwertungs- und Lieferantenketten als extrem krisenanfällig. Die Betriebe können nur laufen, wenn es ausreichend Rohmaterial gibt – und das kommt vorwiegend aus China und ausgerechnet der Region um Wuhan, die über Wochen komplett abgeriegelt war, nachdem die Krise dort im Dezember ihren Ausgangspunkt hatte.

Bangladeschs produzierender Sektor ist zu 26 Prozent auf Zulieferungen aus China angewiesen. In der Textilindustrie ist die Abhängigkeit von der Belieferung mit Garn, Knöpfen, Reißverschlüssen und anderem noch größer, auch wenn die Angaben je nach Quelle variieren – die Dhaka Tribune schreibt von deutlich über 40, The Daily Star sogar von etwas mehr als 50 Prozent.

»Momentan sind die Fabriken mit den Aufträgen beschäftigt, die westliche Abnehmer für die Sommersaison erteilt haben. Aber die Zahl der Aufträge für den Herbst wird sinken, und erst dann können wir die Verluste verstehen«, wird Ahsan Mansur vom unabhängigen Policy Research Institute von der Agentur Benar News zitiert. Bisher habe die Branche durch Covid-19 Verluste in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar registriert, sagte Rubana Huq, die seit vorigem Jahr als erste Frau an der Spitze des Textilexportverbandes BGMEA steht, der Deutschen Welle. Ähnlich ernst äußert sich Siddiqur Rahman, Vizepräsident von Bangladeschs Industrie- und Handelskammer, der auf stornierte Aufträge bis in den Juni hinein verweist. 1,2 Millionen Näherinnen seien von den Rückgängen betroffen, man sei aber bemüht, die Fabriken nicht ganz zu schließen. Premierministerin Scheich Hasina Wajed hat immerhin ein Hilfspaket von umgerechnet 533 Millionen Euro angekündigt, mit dem ausschließlich die Löhne der Näherinnen in nächster Zeit gesichert werden sollen.

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