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Aus: Ausgabe vom 26.03.2020, Seite 15 / Medien
Werbemarkt ausgetrocknet

TV-Mogul baut vor

Kaum noch Werbeeinnahmen: Niederländischer TV-Tycoon John de Mol will Krise auf Kosten der Beschäftigten überstehen
Von Gerrit Hoekman
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Der niederländische Milliardär und Medientycoon John de Mol

Ein Oligarch will sein Kapitalistenrisiko auf die Beschäftigten abwälzen: »Alles wird anders«, zitierte die niederländische Internetseite Mediacourant am Freitag den TV-Tycoon John de Mol. Vor allem wohl für die Mitarbeiter von Talpa Network, dem Medienunternehmen des Milliardärs. Eine noch nicht bekannte Zahl der 1.600 Angestellten wird wahrscheinlich bald auf der Straße stehen, wie der Unternehmer in einer Rundmail angedeutet hat.

Damit wäre de Mol einer der ersten »Arbeitgeber« in den Niederlanden, der in der momentanen Krise mit Entlassungen liebäugelt. Weil immer mehr Werbekunden ihr Budget für Reklame erheblich zurückfahren, müssten »drakonische Maßnahmen« ergriffen werden. »Es gibt in diesen Krisenzeiten keine Heiligen Kühe mehr, und wir müssen alle bereit sein, zu tun, was notwendig ist«, heißt es in der Rundmail, die dem Financieele Dagblad nach eigenen Angaben vorliegt.

Talpa Network gehört in den Niederlanden zu den größten Medienkonzernen. Es betreibt unter anderem die TV-Sender Veronica, SBS6 und Net 5 sowie die Radiostationen Radio 538, Sky Radio und Radio 10. Auf dem Printmarkt ist man mit der Frauenzeitschrift Linda vertreten, in der Johns Schwester im Mittelpunkt steht. Linda de Mol wurde in Deutschland durch die Schluchz-und-Tränen-Show »Traumhochzeit« bekannt. Auch die Nachrichtenagentur ANP gehört zum Imperium.

Dem Sender Veronica fehlen vor allem die üppigen Werbeeinnahmen aus der Übertragung der Fußball-Champions-League. Auch die Europameisterschaft fällt ins Wasser. Geplante TV-Formate werden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Eigentlich wollte de Mol in Kürze mit einem eigenen Nachrichtenkanal auf Sendung gehen – das Projekt liegt ebenfalls erst einmal auf Eis. »Talpa Network hat beschlossen, in diesen turbulenten Zeiten den gesamten journalistischen Fokus auf die heutigen Programme und Kanäle zu legen«, zitierte das Financieele Dagblad am Freitag einen Konzernsprecher.

Ein weiteres Problem für Talpa: Die Internetseite »Vakantie Veilingen«, auf der u. a. Eventpakete und Urlaubsarrangements versteigert werden, ist inzwischen so verlassen wie die von den Ausgangsbeschränkungen betroffenen Innenstädte. Der zu ersteigernde Saunabesuch in einer Therme in Nijmegen findet aktuell ebensowenig Interessenten wie das Frühstück in einem Beach Club am Strand von Scheveningen.

Der Einnahmeausfall trifft alle Medien. Hotels, Restaurants, die Reisebranche – ein Betrieb nach dem anderen verzichtet auf Werbezeit und Inserate. Die Supermarktkette Albert Heijn hatte eigentlich zu Ostern eine Kampagne »Hamsterwochen« geplant. Wegen der auch in den Niederlanden grassierenden Konsumentenpanik rund um Mehl, Nudeln und Klopapier landet die erst einmal in der Schublade, berichtete der Senderverbund NOS am Montag online. Für die Öffentlich-Rechtlichen ist der Verlust kleiner als für die Privaten – weil sie Geld vom Staat erhalten, sind sie nicht im gleichen Maß auf Reklame angewiesen.

RTL Nederland will vorerst auf Kündigungen verzichten, auch wenn Werbekunden sich zurückziehen. »Wir haben das Glück, zu einem großen europäischen Konzern zu gehören, der gut läuft«, zitierte das NRC Handelsblad am 20. März einen Sprecher. Außerdem kämen auch neue Kunden hinzu, zum Beispiel Onlinekaufhäuser. Weil die Niederländer nun überwiegend zu Hause sitzen, sei die Reichweite von Reklame immerhin erheblich gestiegen.

»Wir schauen von Woche zu Woche. Wir können nicht vorhersagen, wie lange die Coronakrise anhält«, ließ sich der Konzern laut ANP am Montag allerdings ein Hintertürchen offen. Aufgrund der geltenden »physischen Distanz« von anderthalb Metern stehen die Dreharbeiten der täglichen Seifenoper »Goede Tijden, Slechte Tijden« und anderer Serien still. Dafür ist die Zahl der Abos für den RTL-Streamingdienst »Videoland« deutlich gestiegen.

Auch die Printmedien leiden. DPG Media, zu der die Tageszeitungen Volkskrant und Algemeen Dagblad gehören, lebt zu einem Drittel von Werbung, meldete ANP am Montag. Im April erwartet das belgische Verlagshaus 40 Prozent weniger Einnahmen. »Kurzfristig sind wir sicher betroffen«, sagte ein Sprecher. Entlassungen seien bislang nicht geplant.

Um John de Mol muss sich niemand Sorgen machen, er wird die Zeiten der Pandemie zumindest finanziell deutlich besser überstehen als seine Angestellten. Das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt de Mols Privatvermögen auf umgerechnet knapp zwei Milliarden US-Dollar. Dieses für die Löhne seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzusetzen, steht für ihn aber offenbar nicht zur Debatte. Lieber schickt er sie in die »Obhut« des Staates. Verluste werden sozialisiert.

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