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Aus: Ausgabe vom 26.03.2020, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Morales’ Fehler

Zu jW vom 17.3.: »Reiche Armut«

Über Evo Morales’ vergeblichen Versuch, die Kontrolle über den Abbau der vermutlich weltweit größten Lithiumvorkommen nicht aus den Händen seiner demokratisch gewählten Regierung zu geben, berichtete anlässlich des dann folgenden Staatsstreichs Nick Estes, Professor für Amerikastudien an der Universität von New Mexico, in der Zeitschrift Freitag: »Seit Morales entmachtet ist, schießen die Aktien des Elektrokonzerns Tesla in den Himmel. Bolivien hat Staaten wie den USA eine Lektion erteilt, als es den Weg eines Ressourcennationalismus eingeschlagen hat, um den Gewinn in der Gesellschaft neu zu verteilen – das war Evos Verbrechen.« Die bolivianischen Lithiumvorkommen befinden sich in der Salar de Uyuni – einer einzigartigen Naturlandschaft. Der Autokonzern Tesla fertigt in seiner »Gigafactory« in Nevada die Lithium-Ionen-Akkus für seine Elektroautos mit dem Ziel von mindestens 500.000 Fahrzeugen pro Jahr. Eine ebenso leistungsfähige »Gigafactory« mit Akkufertigung soll nun in Grünheide bei Berlin entstehen. Auch hier lautet das Ziel, mindestens 500.000 Elektroautos im Jahr vom Band rollen zu lassen. Eine weitere »Gigafactory« dieser Größenordnung ist in Shanghai eröffnet worden. Das wären dann 15 Prozent der derzeitigen Lithiumförderung nur für einen einzigen Elektroautohersteller! (…) Würden jährlich so viele E-Autos wie derzeit Autos mit Verbrennungsmotor produziert werden, wären die bekannten Lithiumvorräte vorläufigen Berechnungen zufolge in spätestens 16 Jahren aufgebraucht …

Iri Wolle, Berlin

Skandalöse Strategie

Zu jW vom 23.3.: Leserbrief »Bekämpfung notwendig«

Benedikt Hopmann hat vollkommen recht. Es ist eine »komplette Neuorientierung« bei der Bekämpfung des Coronavirus notwendig. Die Strategie unserer Regierung, nur die »Durchseuchung« der Bevölkerung zu managen und nicht die Ausrottung der Krankheit, ist ein Skandal. Sie nimmt Hunderttausende Tote in Kauf. Das ergibt eine kleine Rechnung. In Deutschland leben circa 83 Millionen Menschen, davon sollen 60 bis 70 Prozent krank werden. Man rechnet damit, dass das zwischen 0,7 und drei Prozent nicht überleben. Das ergibt bei 60 Prozent Erkrankungen und einer Mortalität von einem Prozent circa 500.000 Tote. Ich verstehe nicht, warum das nicht einen öffentlichen Aufschrei bewirkt hat. Das wäre doch auch ein treffender jW-Titel gewesen: »Regierung plant eine halbe Million Tote«. Die wird es auch geben, wenn man die »Durchseuchung« über einen längeren Zeitraum streckt.

Günter Reschke, Geretsried

Verschwörungstheorie

Zu jW vom 23.3.: »Integration oder Gegenmacht?«

Genossinnen und Genossen, die das Wort »Revolution« mit rollendem »R« aussprechen, basteln eine »linke« Verschwörungstheorie: Der Klassenfeind benutzt das Coronavirus als Vorwand, um den Ausnahmezustand zu proben. So ein Quatsch! Hier geht es um ein Problem, das naturwissenschaftlich angegangen werden muss: Eindämmung der Ausbreitung des Virus und Sicherung der körperlichen Unversehrtheit. Ist die nicht vorhanden, gibt es keine »Revolutionäre« mehr.

Ulrich Vanek, Twistringen

Solidarität, aber ungeteilt

Zu jW vom 24.3.: »Die Frage, was danach kommt«

Dass in diesen Zeiten die Kanzlerin das Wort ergreift und mit Emotion vor die Bürger tritt – wie anders. Sie ist klug genug, um mit Formulierungen vorsichtig umzugehen. Dennoch: Da ist die Fehlaussage über das vorbildliche Gesundheitswesen, wo tatsächlich stramm nach marktwirtschaftlichen Regeln Krankenhäuser betrieben werden, wie sich zeigt. Da ist der Appell zur Solidarität im Umgang miteinander. Wie soll das in Ostdeutschland verstanden werden, wo Werktätige mit Löhnen abgespeist werden, die beträchtlich unter denen ihrer westdeutschen Kollegen liegen – nach 30 Jahren? Von den Frauen gar nicht zu reden. Und wie ist zu begründen, dass noch immer die meisten Führungspositionen in Wissenschaft und Kunst von Personal aus dem Westen besetzt sind? (…)

Atti Griebel, Berlin

Kapitalismus ist die Krise

Zu jW vom 21./22.3.: »Obdachlose schutzlos«

Zu Hause bleiben? Gelten die gutgemeinten Ratschläge bzw. Vorschläge der Bundeskanzlerin für alle »Mitbürger«? Wohl kaum in dieser ohnehin sozialökonomisch gespaltenen Gesellschaft. Wie soll der »zu Hause« bleiben, der kein Zuhause hat? Da müssen »Vorsichtsmaßnahmen« wie »häufiges Händewaschen und -desinfizieren« wie Hohn erscheinen. Was soll einer tun, der auf der Straße lebt und die Nächte in Kaufhausecken und U-Bahn-Schächten verbringen muss, von wo er vielleicht demnächst durch behördliche oder polizeiliche Anweisung vertrieben wird? Was soll der Obdachlose (…) tun, wenn ihm demnächst wie schon jetzt in Italien auch in Deutschland die Straße verboten wird? Viele Suppenküchen, euphemistisch »Tafeln« genannt, sind bereits geschlossen, auch Hilfsbusse haben den Verkehr eingestellt. Und wie sollen sich angesichts der um sich greifenden Infektionsgefahr die Menschen verhalten, die an der türkisch-griechischen Grenze im Freien bei niedrigen Temperaturen und unter menschenunwürdigen Verhältnissen existieren bzw. vegetieren müssen? Was ist aus den Versprechungen der Bundesregierung geworden, wenigstens elternlose Kinder aufzunehmen? Angesichts der »Coronakrise« geht es dem Kapital in erster Linie darum, die Aktienmärkte zu regulieren und einem Finanzcrash vorzubeugen, mit riesigen finanziellen Hilfspaketen. Lenin stellt nicht nur die politische, sondern gleichzeitig damit die ökonomische Seite in den Mittelpunkt seiner Imperialismusdefinition: Kapitalismus schafft nicht nur Krisen, er ist die Krise. Die kommunistische chinesische Regierung hat inzwischen – das müssen auch die hiesigen bürgerlichen Medien zugeben – die Coronavirusepidemie im Griff. Darüber sollte nicht nur die EU, sondern alle europäischen Regierungen sollten darüber nachdenken.
Eva Ruppert, Bad Homburg

Die Strategie unserer Regierung, nur die ›Durchseuchung‹ der Bevölkerung zu managen und nicht die Ausrottung der Krankheit, ist ein Skandal. Sie nimmt Hunderttausende Tote in Kauf.

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