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Aus: Ausgabe vom 26.03.2020, Seite 10 / Feuilleton
Corona

Nacktrodeln

Es wird warm: Noch ein Corona-Tagebuch
Von Pierre Deason-Tomory
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»Die Kunden sind schon nett, erzählt die Kassiererin, sie bekomme von ihnen viel Schokolade geschenkt.«

Montag, 23. März

Nürnberg. Wir sitzen daheim und die Sonne lacht uns aus. Jetzt herrscht in ganz Deutschland eine faktische Ausgangssperre. Am letzten Wochenende hatten sich noch schnell Hunderte Ausnahmevollpfosten zum Nacktrodeln und Saufen im sächsischen Oberwiesenthal getroffen. Es war die letzte Gelegenheit für länger, sich auf ein und derselben Veranstaltung gleichzeitig Schnupfen, Covid-19 und Tripper zu holen.

Der hervorragende Genosse Barth liest gerade, wie er mich benachrichtigt hat, »Das Haus der Regierung« des emigrierten russischen Historikers Yuri Slezkine (Hanser, München 2018). Das war für mich das Buch des Jahres. Nicht wegen der Schilderung tragischer Schicksale sowjetischer Spitzengenossen und ihrer Familien. Sondern wegen der vielen Texte, die Slezkine im ersten Drittel des Buches seitenweise zitiert. Sie sind geschrieben von Altbolschewiki, unter dem Eindruck des beendeten Bürgerkrieges und der Neuen Ökonomischen Politik, und handeln vom Ende des Traumes, dass nach der Revolution übergangslos das Tor zum Paradies aufgestoßen wird. Erschienen in den Zwanziger Jahren in der Sowjetunion, fast nichts davon auf Deutsch. Ich habe beim Lesen einen Absatz eines dieser Texte abfotografiert und Autorennamen, Titel und Seitenzahl auf einen Zettel notiert. Genau diese Angaben fehlen mir hier, weil der Zettel zu Hause in Weimar am Schreibtisch an der Pinnwand hängt. Gleich neben meiner Stimmkarte von der Nürnberger DKP-Kreisdelegiertenversammlung im Mai 1990, die das regionale Ende einer kleinen Epoche in der langen Geschichte unserer ewigen Niederlagen markierte. Seitdem will es nicht besser werden.

Dienstag, 24. März

So gehen die stillen Tage dahin. Man macht jeden Tag zur selben Zeit dasselbe. Und wenn man mal nicht weiß, was als nächstes dran ist, geht man sich einfach die Hände waschen. Noch ist es sehr kalt, übermorgen soll es warm werden. Biergartenwarm. Biergartenmitfränkischemlandbierwarm. Ich weiß nicht, ob mein glänzender Quarantänefatalismus das ertragen wird.

Die Olympischen und Para­lympischen Spiele in Tokio werden nun doch verschoben, hat das IOC endlich entschieden. Das war schon der letzte Cold Case der Sportwelt, der Deutschlandfunk wird in seiner Rubrik »Sport am Morgen« ab sofort einen Pfeifton senden müssen.

Heute morgen habe ich einen Ausflug mit der Strambas (Tram) gemacht. Ich fuhr zum Aufseßplatz, dem gentryfreien Zentrum der Nürnberger Südstadt, weil es dort eine Drogerie gibt, hier in Gleißhammer aber nicht. Einen Fahrschein habe ich nach kurzer Risiko-Nutzen-Abwägung vergessen zu ziehen. Die Straßenbahn schiebt sich die Wölckernstraße entlang, ein Radler quert die Kreuzung, fast nackt, nur mit einem knappen Jeanshöschen und Sandalen bekleidet.

An Bier fehlt es übrigens nicht in Nürnbergs Supermärkten, die Regale sind voll. Gestern hatte ich ein paar Paulaner Helles, heute bin ich etwas verkatert. Deshalb habe ich auch die saure Sahne vergessen zu kaufen, versehentlich Kräuter-Crème-fraîche eingepackt statt normaler und Vollkornnudeln statt normalen. Beim Rewe in der Zerzabelshofstraße gibt es jetzt Einlassbeschränkungen, aber immer noch keinen Spuckschutz an den Kassen oder andere Vorkehrungen aus Fürsorge für die Angestellten. Die Kunden sind schon nett, erzählt die Kassiererin, sie bekomme von ihnen viel Schokolade geschenkt. Statt Infektionsschutz von der angeblichen Genossenschaft Rewe-Group, die vermutlich gerade den größten Reibach ihrer Geschichte macht.

Verweilen wir kurz bei verkürzter Kapitalismuskritik. Im Frühjahr werden die rund 18.000 Manager des BMW-Konzerns deftige Bonuszahlungen kassieren, im Jahr 2019 hatte der Autobauer Rekordgewinne erzielt. Aber: Der Spiegel befürchtet, BMW könnte für dieses Jahr wegen der teilweise stillgelegten Produktion frühere Bonusversprechen »womöglich nicht mehr halten«. Nicht auszudenken. Ich werde meine Hausangestellten anweisen, für die armen Teufel zu spenden.

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