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Aus: Ausgabe vom 26.03.2020, Seite 8 / Inland
Soziale Folgen der Pandemie

»Dezentrale Unterbringung, zur Not in Hotels«

Hamburg: Obdachlose und andere Gruppen sind von Coronavirus und dessen Folgen besonders stark betroffen. Gespräch mit Deniz Celik
Interview: Kristian Stemmler
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Im »Coronaviruszeitalter« noch mehr auf sich gestellt: Zahlreiche Anlaufstellen für wohnungs- und obdachlose Menschen bleiben geschlossen

Die Coronaviruspandemie trifft Obdachlose besonders hart. Im Hamburger Winternotprogramm wurden vor kurzem rund 300 Nutzer unter Quarantäne gestellt, nachdem ein Hilfsbedürftiger positiv getestet worden war. Hat der Träger richtig reagiert?

Nein. Es darf nicht sein, dass rund 300 Obdachlose für zwei Wochen auf engstem Raum in der gleichen Einrichtung leben müssen und somit der Gefahr ausgesetzt werden, sich gegenseitig anzustecken. Diese Menschen haben teilweise Vorerkrankungen und deshalb einen erhöhten Schutzbedarf. Um die Infizierungskette so kurz wie möglich zu halten, fordern wir dringend eine dezentrale Unterbringung möglichst in Wohnungen oder zur Not in Hotels, die zur Zeit leer stehen.

Zahlreiche Einrichtungen der Obdachlosen- und Drogenhilfe schränken ihre Angebote derzeit ein oder schließen sogar ganz. Wie kann den Betroffenen jetzt geholfen werden?

Obdachlose und Klienten in der Drogenhilfe sind eine gesundheitlich hoch belastete Bevölkerungsgruppe. Sie brauchen besonderen Schutz. Damit sie nicht auf sich allein gestellt auf die Straße müssen, muss das Winternotprogramm verlängert und durch dezentrale Unterbringung möglichst infektionssicher umgestaltet werden. Auch in der Drogenhilfe braucht es weiterhin dezentrale Angebote.

Statt dessen finden in Hamburg weiterhin Zwangsräumungen von Wohnungen statt …

Viele Menschen befürchten Kündigungen und Kurzarbeit. Sie haben keine Rücklagen, um ihre Miete zahlen zu können. Wohnen ist ein Menschenrecht, und der Staat muss alle Anstrengungen unternehmen, damit Menschen ihre Bleibe nicht verlieren. Zwar hat das städtische Wohnungsunternehmen SAGA angekündigt, Zwangsräumungen auszusetzen, jedoch ist das nicht ausreichend. Es müssen wie in Barcelona alle Zwangsräumungen gestoppt, die Mieten für mittellose Menschen gestundet und leerstehende Wohnungen beschlagnahmt werden. Wir haben 400.000 Quadratmeter leerstehende Bürofläche, ein Teil davon sollte für wohnungslose Menschen akquiriert werden.

Wie bewerten Sie die Situation in Hamburg insgesamt?

Hamburg hat in Relation zu der Bevölkerung die höchste Anzahl an Infektionen aller Bundesländer. Sicherlich spielt dabei eine Rolle, dass wir in einem Ballungsgebiet leben und mit dem Ende der Schulferien viele Urlauber zurückgekehrt sind. Dennoch hat der Senat in den letzten Wochen viel zu zögerlich reagiert. Als andere Bundesländer schon beschlossen hatten, Großveranstaltungen zu verbieten oder Schulen und Kitas zu schließen, hat der Senat sich dagegen entschieden und erst aufgrund des öffentlichen Drucks nachgezogen. Ich finde es skandalös, dass medizinisch nicht dringliche, aufschiebbare Operationen in den Kliniken immer noch nicht untersagt werden und somit Kapazitäten und Personal gebunden werden.

Auch in der Hansestadt ist das Gesundheitswesen in den letzten Jahren privatisiert worden, ein Volksbegehren für Verbesserungen in der Pflege wurde abgeschmettert. Rächt sich all das jetzt?

Die Krise legt die Schwachstellen unseres profitorientierten und in großen Teilen privatisierten Gesundheitswesens offen. Es werden keine Reservekapazitäten vorgehalten, weil es sich nicht rechnet. Eine »Just in time«-Versorgung scheitert aber in der Krise. Es wurde jahrelang am Personal gespart, gesetzlich festgelegte Personalschlüssel wurden abgelehnt und Menschen aus Pflegeberufen vergrault, die jetzt händeringend gesucht werden. Nun fehlt es an Schutzmasken, Schutzklamotten und Coronateststäbchen, weil aus Kostengründen die Pandemielager nicht gefüllt wurden. Die Krise zeigt, dass Marktorientierung und Profitstreben in Krisenzeiten zur Überlastung der Gesundheitsversorgung führen und Menschenleben kosten können. Gesundheitsversorgung gehört in staatliche Hände, und eine gute Versorgung erfordert weitreichende Investitionen in Personal und Ausstattung.

Deniz Celik ist gesundheitspolitischer Sprecher der Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

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Debatte

  • Beitrag von Petra S. aus B. (26. März 2020 um 20:20 Uhr)
    In der jetzigen Krise ist immer wieder von notwendigen Maßnahmen die Rede. Die erste Maßnahme müsste die Beschlagnahmung ungenutzten Wohnraums sein, um allen Menschen sicheres und geschütztes Wohnen zu ermöglichen, statt, wenn überhaupt, von Notunterkünften zu reden. Obdachlose müssen nicht obdachlos sein und geflüchtete Menschen nicht in Massenunterkünften leben. Beides ist ein Skandal! In der jetzigen Zeit müssen wir beides thematisieren und politischen Druck machen.


    Petra Scharrelmann, Bremen

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