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Aus: Ausgabe vom 25.03.2020, Seite 15 / Antifa
Propagandaaktionen zur Krise

Braune Einkaufshelfer

Faschisten wollen während Coronapandemie »Volksgemeinschaft leben«. Anbiederung an Bedürftige, Belästigung von Klinikpersonal
Von Markus Bernhardt
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Um echte Solidarität geht es den Neonazis selbstredend nicht (Dortmund, 25.5.2019)

Faschisten verschiedener Couleur versuchen dieser Tage den Kampf gegen eine weitere Ausbreitung der Coronapandemie für ihre Zwecke zu missbrauchen. So bieten sich Anhänger der Splitterparteien NPD, »Die Rechte« und »Der III. Weg« in einer Reihe von Städten als Einkaufshilfen für betagte oder gesundheitlich vorbelastete Menschen an. Während letztgenannte Partei unter anderem im bayerischen Bamberg eine sogenannte Nachbarschaftshilfe anbietet, biedert sich »Die Rechte« als Einkaufshilfe an. »Als Zeichen der nationalen Solidarität hat Die Rechte für den Bereich Dortmund deshalb ab sofort einen Einkaufslieferdienst eingerichtet, mit dem der Risikogruppe geholfen werden kann, soziale Kontakte und den öffentlichen Raum zu vermeiden«, heißt es auf einer Internetseite der Neonazis.

Auch die Jugendorganisation der NPD verteilte bereits Flugblätter vor einem Klinikum der Stadt. Darauf bieten die Jungfaschisten ihre Hilfe für aufgrund der Pandemie besonders gefährdete Menschen an. Es gehe darum, die »Volksgemeinschaft« nicht nur zu fordern, sondern sie auch wirklich zu leben, sagt ein Anhänger der 2018 in »Junge Nationalisten« (JN) umbenannten NPD-Jugendorganisation in einem auf der Internetseite des Berliner Landesverbandes veröffentlichten Video.

Im Gegensatz zu den anderen faschistischen Splitterparteien versucht ausgerechnet »Der III. Weg«, dessen Anhänger als äußerst gewaltbereit gelten, nicht nur angebliche praktische Solidarität, sondern auch sich selbst als Wahrer von Bürgerrechten zu inszenieren. So findet sich auf der Internetseite der Partei ein »Diskussionsbeitrag zur Coronakrise«, der die Überschrift »Notwendiges Vorgehen oder Ausbau der Diktatur?« trägt. Sogar eine Art Rechtsratgeber hat die Partei »für Arbeitgeber und Selbstständige« dort veröffentlicht.

Dem Treiben jener Rechten will offensichtlich auch die AfD in nichts nachstehen. In Hoyerswerda versuchte das AfD-Ratsmitglied Toni Schneider in einem Krankenhaus einen Blumenstrauß zu übergeben, um sich beim Pflegepersonal anzubiedern. Die Reaktion der Klinikleitung ließ nicht lange auf sich warten: »Ihre Wertschätzung können Sie gerne auf anderem, infektionssicheren Wege zum Ausdruck bringen«. »Das Infektionsschutzgesetz und die von allen Mitbürgern erwarteten Verhaltensregeln sprechen ganz klar gegen ihr Handeln. Sie bringen damit sich selbst, unsere Patienten und unsere Mitarbeiter unnötig in Gefahr«, erläuterte Frank Dietrich, Chefarzt der Klinik, in einem Schreiben an die AfD-Vertreter, die – Medienberichten zufolge – auch in einem Baumarkt erschienen waren, um »Helden des Alltags« zu belästigen und für die eigene Propaganda zu missbrauchen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • René Osselmann, Magdeburg: Wölfe im Schafspelz Heilsbringer von ganz weit rechtsaußen klingt nicht nur komisch, nein, es ist absurd! Wenn Neonazis sich als Einkaufshelfer anbiedern, dann lässt es einen schon ganz schön bitter aufstoßen, es ist kau...

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