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Aus: Ausgabe vom 24.03.2020, Seite 7 / Inland
Algerien

Protestpause angenommen

Steigende Zahl von Coronavirusfällen in Algerien. Massenbewegung lenkt ein
Von Sofian Philip Naceur
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Auch während die Proteste noch liefen, wurde auf Vorsorge geachtet: Schutzausrüstung für Demonstranten (Algiers, 13. März)

Mehr als ein Jahr lang hat Algeriens Massenprotestbewegung auf ihren allwöchentlichen Demonstrationen friedfertig einen politischen Wandel in dem nordafrikanischen Land gefordert. Doch am Wochenende herrschte auf Algeriens Straßen gähnende Leere. Nur ein abgespecktes Aufgebot an Polizeikräften war in Algier und anderen Städten zusammengezogen worden. Grund für das Pausieren der fast schon traditionellen Freitagsproteste ist die Coronaviruspandemie, die Algerien hart zu treffen droht.

Seit einer Woche werden im Land immer mehr Infektionen bestätigt. Allein seit Freitag hat sich die Zahl verdoppelt. Mittlerweile gebe es 201 Infizierte und 17 Tote, hieß es am Montag. Bestätigte Fälle konzentrierten sich anfangs fast ausschließlich auf die Provinz Blida südlich von Algier. Die Behörden agierten daher zunächst abwartend, während die Protestbewegung fleißig weiter mobilisierte und die Pandemie mit Humor zu nehmen versuchte. »Weder das Coronavirus noch die Cholera werden uns stoppen« oder »Corona macht uns keine Angst, wir sind im Elend aufgewachsen«, hallte es vor zehn Tagen durch die Straßen Algiers.

Zeitgleich mehrten sich die Stimmen innerhalb der Bewegung, die Pandemie nicht zu unterschätzen und der Staatsführung keine Steilvorlage für Diskreditierungsversuche zu liefern. In der Tat gab es Vorwürfe, mit den Demonstrationen der Virusverbreitung Vorschub zu leisten. Mit dem jüngsten Anstieg bestätigter Fälle wurden jedoch die Warnungen in der Aktivisten- und Oppositionsszene eindringlicher und ließen schließlich jene verstummen, die eine Protestpause zunächst abgelehnt hatten. Eine Pause sei keine Niederlage, heißt es bei dem der Opposition nahestehenden Internetmedium Radio M. Den erkämpften öffentlichen Raum werde man nicht aufgeben, sondern ihn sich wieder aneignen. Heute jedoch müsse man die Ausbreitung des Virus verhindern.

Premierminister Abdelaziz Djerrad hatte letzte Woche erklärt: »Die Regierung wird diesen Moment nicht politisch instrumentalisieren, aber es geht um eure Gesundheit und eurer Leben.« Kurz zuvor hatten die Behörden endlich entschlossener reagiert und Moscheen, Gastronomiebetriebe und Geschäfte geschlossen, die Landesgrenzen abgeriegelt und den Fähr- und Flugverkehr praktisch eingestellt. Staatspräsident Abdelmadjid Teb­boune erließ ein landesweites Versammlungs- und Demonstrationsverbot – in den Reihen der Protestbewegung zunächst mit Argwohn betrachtet, wird es inzwischen aber eingehalten.

Die Staatsführung versucht sich indes zwar als Krisenmanagerin zu inszenieren und betont unaufhörlich, die Situation sei unter Kontrolle und die Versorgung innerhalb des Gesundheitssystems sichergestellt. Doch letztere Behauptung dürfte zum Bumerang werden, ist das Gesundheitssystem doch in einem katastrophalen Zustand. Die Tageszeitung El Watan und Radio M berichteten, es mangele den Krankenhäusern an Handschuhen, Desinfektionsmitteln und Beatmungsgeräten. Patienten könnten nicht auf das Virus getestet werden, da Materialien fehlten. Selbst Patienten mit Symptomen müssten wieder nach Hause geschickt werden. Auch die Anästhesistengewerkschaft schlägt Alarm und erklärt in einem Schreiben an die Gesundheitsbehörden, die Behauptung über die Versorgungslage der Krankenhäuser sei »übertrieben«. Pikant daran: 2018 hatte es im Land eine monatelange Streikwelle im Gesundheitssystem gegeben, in deren Rahmen die Unterversorgung der Krankenhäuser kritisiert wurde. Sollte Algerien tatsächlich hart getroffen werden von der Pandemie, dürften die Proteste in einigen Wochen um so heftiger fortgesetzt und durch das Versagen der Staatsführung zusätzlich angeheizt werden.

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