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Aus: Ausgabe vom 24.03.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
USA

»Wir sind hier besonders gefährdet«

Gefangene in den USA sind einer Infektion schutzlos ausgeliefert. Gespräch mit Juan Moreno Haines
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Coronapandemie in US-Gefängnissen: Allein gelassen in überbelegten Einrichtungen ohne ausreichende medizinische Behandlung (San Quentin, 29.12.2015)

Dieses Gespräch veröffentlichte das alternative US-Fernsehprogramm »Democracy Now!« am 17. März. Der Journalist Juan Moreno Haines ist in San Francisco im Gefängnis San Quentin inhaftiert. Von jW gekürzt.

Wir erreichen Sie mitten in der Corona­viruspandemie. Wie erleben Sie das in San Quentin, wo Sie inhaftiert sind?

Wir erhalten Nachrichten, wissen also, was außerhalb der Mauern geschieht. Wenn wir hören, wie tödlich das Coronavirus weltweit ist, entsteht natürlich Angst. Eins ist völlig klar: Es wird von außen eingeschleppt werden. Deshalb wurden hier alle Besuche abgesagt. Die Verwaltung hat auch Dutzende von Schildern über die richtige Handwaschtechnik und Informationen aufgestellt. Ich persönlich denke, dass es nicht darum geht, ob es passiert, sondern wann es passiert.

Das Büro der Pflichtverteidiger von San Francisco fordert die sofortige Freilassung aller Insassen, die sich in Untersuchungshaft befinden, über 60 Jahre alt sind oder durch Autoimmun-, Herz- oder Lungenkrankheiten, Diabetes, Krebs oder HIV ein erhöhtes Risiko haben, sich zu infizieren. Was ist mit den Strafgefangenen in San Quentin, die über 60 Jahre alt sind?

Die Gefängnisbehörde CDRC ist per Gerichtsbeschluss autorisiert, die Gefängnisbelegung bei 137,5 Prozent der geplanten Haftplätze zu halten. Auch San Quentin ist überbelegt, und das Durchschnittsalter der Insassen liegt über dem in den anderen kalifornischen Gefängnissen. Aber die Mechanismen zur Freilassung sind kompliziert und schwerfällig.

Können Sie die Lage in San Quentin während der Quarantänemaßnahmen – des Einschlusses aller Gefangenen – beschreiben? Haben Sie Zugang zu sauberem Wasser und Seife?

Toilettenartikel werden von den Kalfaktoren verteilt, die für die Reinigung des Trakts zuständig sind und einmal pro Woche zwei Seifenstücke pro Zelle ausgeben. Zusätzlich händigen sie auch Desinfektionsmittel aus, gehen herum und wischen alle Bereiche mit Desinfektionsmitteln ab, die mit Händen berührt werden. Gefangene dürfen alle drei Tage duschen.

Wenn Ihnen die Seife ausgeht, müssen Sie dann mehr Seife vom eigenen Geld kaufen oder bekommen Sie mehr geliefert? Was passiert mit denen, die sich das nicht leisten können?

Gute Frage. Solange wir unter Einschluss sind, haben wir nicht die Möglichkeit, in die Kantine zu gehen, um Seife zu kaufen. Wir sind also völlig abhängig davon, wie wir im Trakt versorgt werden. Wenn uns die Seife ausgeht, leihen wir sie uns in der Regel gegenseitig aus.

Was passiert, wenn Sie in San Quentin krank werden?

Wir leben hier so dicht beieinander, dass ich mich in den 13 Jahren, die ich hier bin, immer angesteckt habe, wenn jemand anders an Grippe erkrankt war. Man kann es nicht vermeiden. Und wenn sich eine Grippeinfektion ausbreitete, dann wurden die Gefangenen, die grippeähnliche Symptome aufwiesen, in die »administrative Einzelhaft« genommen.

Also Isolationshaft?

Ja. Das Problem ist, dass diese Kranken, wenn sie in Einzelhaft kommen, das Gefühl haben, keine angemessene medizinische Behandlung mehr zu erhalten. Sie fühlen sich völlig isoliert. Und das ist das vorherrschende Gefühl der Gefangenen hier, die krank ins Loch gesteckt werden, weil die Bedingungen dort für die medizinische Behandlung von Patienten ungeeignet sind.

Juan, noch kurz zum Schluss, weil Sie auch über 60 sind und bezüglich des Coronavirus zur Gruppe der Gefährdeten gehören – sind Sie besorgt?

Natürlich mache ich mir Sorgen. Ich wasche meine Hände. Der Kalfaktor kam gerade mit einer Sprühflasche Desinfektionsmittel vorbei und wischte die Telefonkabinen aus. Ich lebe hier. Und wenn sich das Coronavirus in diesem Gefängnis ausbreitet, hoffe ich einfach, dass ich es überleben werde.

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