Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Gegründet 1947 Dienstag, 31. März 2020, Nr. 77
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Probeabo abschließen und weiterempfehlen Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Aus: Ausgabe vom 27.03.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Spekulanten

»Der wirtschaftlich Starke hat Chance zuzugreifen«

Investoren wollen Geld verdienen. Auch in Zeiten der Coronaviruspandemie. Ein Gespräch mit Hendrik Leber
Von Simon Zeise
Virus_Outbreak_Nebra_64716007.jpg
Aktionärsversammlung von Warren Buffetts Fonds Berkshire Hathaway (Omaha/USA, 5.5.2017)

Unternehmen schließen, der Dax stürzt ab. Wie kann man als Investor überhaupt noch Gewinne machen?

De facto ist es ein perfekter Zeitpunkt, um in Aktien einzusteigen. Die sind im Vergleich zu allen anderen Anlageformen sensationell attraktiv geworden.

Kann man mit Wetten auf sinkende Kurse, sogenannten Leerverkäufen, große Geschäfte machen?

Ich selber mache keine. Es gibt aber ein paar sehr gute Leute, die das können. Um als Leerverkäufer Gewinn zu machen, muss ich doppelt so gut sein wie der Markt, weil ich mit hoher Treffsicherheit die Verlierer finden muss. Das können nicht viele. Etwa ein Drittel der Shortseller kann damit Geld verdienen.

Wer in den vergangenen Tagen auf einen Verlust des Dax gesetzt hat, ist heute ein reicher Mann, oder nicht?

Hätten Sie gegen den Dax gewettet, wären Sie jetzt gut dabei. Ich habe unter anderem einen vermögensverwaltenden Fonds. Dort muss ich darauf achten, dass meine Investoren abgesichert sind. Da sind Aktien und Anleihen drin. Wir haben im Januar beobachtet, dass es mit dem Coronavirus in China losgeht und haben deshalb eine Kurssicherung, sogenannte Put-Optionen auf fallende Kurse, reingekauft. Mit denen haben wir ein Supergeld verdient, das aber gerade so ausreicht, um die Verluste aus dem Aktiengeschäft, den klassischen Long-Positionen, zu kompensieren.

Verlieren auch die Reichen in der Krise ihr Geld?

Das ist falsch ausgedrückt. Sie haben in den Büchern momentan mal eine schlechte Zahl stehen. Nach der Krise wird es genauso viele Hotels, Flugzeuge und Fabriken wie früher geben. Nur die Eigentümer wechseln. Diejenigen, die etwa mit Aktienrückkäufen Schulden gemacht haben, weil sie dachten, es geht alles so weiter, die brauchen vielleicht Staatshilfe oder gehen pleite und wechseln den Eigentümer. Der wirtschaftlich Starke hat in der Krise die Chance zuzugreifen, die guten Gelegenheiten zu kaufen – wenn er denn mutig ist.

Sie sagen, die Großen können gewinnen. Was ist mit den Kleinen? Es werden viele auf der Strecke bleiben …

Die Klugen werden gewinnen. Man findet aber besonders unter den großen Anlegern häufig sehr überlegte und antizyklische Investoren. Ich habe schon als Schüler mit Aktienoptionen rumgespielt. In den Krisen kann man sehr gutes Geld verdienen – auch als Kleinanleger. Man muss sich nur von der öffentlichen Meinung freimachen, die in der Zeitung steht, sondern sich ein eigenes Urteil über die Firmen bilden, in die man investieren möchte.

Wird der Börsencrash große Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben?

Das glaube ich nicht. Die Börse nimmt die Geschehnisse eigentlich vorweg. Die Finanzierung wird teurer werden. Die sogenannten Risikoaufschläge gehen hoch. Das gilt für Aktien: Wenn der Kurs fällt, muss relativ mehr Dividende gezahlt werden. Die Kapitalbeschaffung wird teurer. Das sehen wir auch bei Unternehmensanleihen. Bis vor zwei Monaten hat jedes Unternehmen, das nicht bei drei auf den Bäumen war, reichlich Geld bekommen. Das ist vorbei. Es wird stärker auf die Bilanzen geachtet.

Wie ist es mit Staatsanleihen? Länder müssen sich zu steigenden Preisen finanzieren. Auch ein gutes Geschäft für Investoren?

Da halte ich mich raus, nachdem ich mir einmal die Finger mit Griechenland verbrannt habe. Ich dachte, ich mache ein gutes Geschäft, als Bundeskanzlerin Angela Merkel erzählte, die Anleihen wären sicher – das waren sie nicht, wie sich herausstellte. Meine Kunden haben mit dem Kauf griechischer Staatsanleihen Millionen verloren. Es gab eine freiwillige Schuldenumschuldung. Mich hatte niemand gefragt. Plötzlich war mein Geld weniger wert. Was auf der staatlichen Ebene läuft, folgt eigenen Gesetzen. Das ist unberechenbar.

Welche Branche steht für Sie ganz oben auf der Einkaufsliste?

Wir haben einige tolle Firmen aus der Pharmaforschung. Die Aktie der Mainzer Firma Biontech ist im Zuge der Coronaviruskrise um bis zu 150 Prozent im Kurs gestiegen. Gilead und Regeneron, die bei der Virenbekämpfung führend sind. Es gibt aber eine zweite Krise, die man gar nicht so wahrnimmt: die Ölkrise. Wegen des niedrigen Ölpreises gehen in den USA viele Öl- und Schiefergasbohrer kaputt. In der Branche sagt man, dass europäische Banken diese im Regelfall finanziert haben. Das dumme europäische Geld, wie man so sagt. Europäer gelten nicht als die klügsten Investoren. US-Banker sagen, Schweizer Banker seien im Grunde Bauern, denen könne man im Prinzip alles aufschwätzen. Ich glaube, die Europäer werden immer als letztes gefragt, wenn kein anderer mehr finanzieren möchte. Ich ahne, dass im europäischen Bankensystem die nächsten Probleme hochpoppen können.

Regierungen und Notenbanken stellen Unsummen für die Finanzmärkte bereit. Es bewirkt nichts. Wie erklären Sie sich das?

Die Frage ist, wem will man das Geld zukommen lassen und was würde es verändern? Normalerweise wird mehr investiert, wenn Zentralbanken mehr Geld für Kredite bereitstellen. Diese Zeiten gibt es nicht mehr. Geld ist reichlich da, es will nur keiner ausgeben.

Sie sind ein Anhänger des US-Investors Warren Buffett. Den meisten Leuten ist sein Zitat bekannt: »Es herrscht Klassenkrieg, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.« Stehen Sie auf Buffetts Seite?

Buffett hat schon nicht unrecht. Es gibt eine große Ungleichheit in der Welt, die ich mir auch sehr intensiv anschaue. Speziell in den USA wird einerseits das Kapital enorm geschont, andererseits ist die Gesellschaft enorm segregiert. Wenn ich schwarze alleinerziehende Mutter wäre und hätte morgens meinen Job bei McDonald’s und abends den Putzjob – aus der Falle käme ich nicht mehr raus. Ich könnte mir keine Krankenversicherung leisten und niemals ein College besuchen. Buffett hat bei null angefangen. Er hatte nichts von seinen Eltern mitbekommen, sich mit Zeitungsaustragen hochgearbeitet, durch Klugheit und Fleiß. Wenn man gegen den Trend geht und nachdenkt, hat man wie Buffett die Chance, enorm reich zu werden.

Hendrik Leber ist geschäftsführender Gesellschafter der Acatis Investment Kapitalverwaltungsgesellschaft in Frankfurt am Main

Mehr aus: Schwerpunkt

*** Tageszeitung junge Welt, drei Wochen gratis lesen: www.jungewelt.de/testen ***

Jetzt drei Wochen gratis im Probeabo!