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Aus: Ausgabe vom 23.03.2020, Seite 5 / Inland
Prioritäten der Industrie

Hauptsache Spargel

Agrarlobby wegen Pandemie für Deregulierung. Erwerbslose und Geflüchtete sollen auf den Acker
Von Steffen Stierle
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Spargelfeld bei Gülzow-Prüzen – von wem hier demnächst geerntet wird, ist unklar

In kaum einem Wirtschaftssektor sind Arbeitszeiten und Arbeitsschutz so »flexibel« geregelt wie in der Landwirtschaft, wenn die Ernte eingefahren wird. Dennoch nutzen die Lobbyisten vom Deutschen Bauernverband (DBV) die Coronapandemie und die damit einhergehende Angst vor Lebensmittelengpässen als Argument, den Grad der Ausbeutung auf den Äckern weiter zu erhöhen. Entsprechenden Forderungen erteilte die Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) am Donnerstag eine Absage.

Zuvor hatte sich der DBV gemeinsam mit anderen Agrarkapitalverbänden in einem Schreiben an Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) gewandt und eine Reihe von Maßnahmen angeregt, die notwendig seien, um »dringende und für die Lebensmittelversorgung erforderliche Arbeiten erledigen zu können«. Gefordert wird in dem Brief, was immer gefordert wird, wenn Profite auf Kosten der Arbeiter stabilisiert werden sollen: laxere Regeln für geringfügige Beschäftigung und Leiharbeit, längere Arbeitszeiten, weniger Pausen. Zudem bestehen die Verbände darauf, den Zufluss an Billigarbeitskräften politisch abzusichern. Man habe Innen- und Außenministerium gebeten, »die Anreise der ausländischen Saisonarbeitskräfte sicherzustellen«, heißt es in einer Mitteilung des DBV vom vergangenen Mittwoch.

Doch damit nicht genug: Auch Erwerbslose und Asylsuchende wollen die Vertreter des Agrarbusiness künftig zur Erntezeit als Billiglöhner auf die Felder schicken. Im Bundeslandwirtschaftsministerium stößt die Bauernlobby wie gewohnt auf offene Ohren. So will Ressortleiterin Julia Klöckner (CDU) einem Bericht der Bild vom Freitag zufolge auch Menschen ohne Erwerbsarbeit und anerkannte Schutzsuchende als Erntehelfer einsetzen, um »Engpässe in der Versorgung zu vermeiden«. Dies gehe aus einem Schreiben der Ministerin an Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) hervor.

Die IG BAU teilte mit, selbstverständlich müsse die Lebensmittelversorgung auch in der Coronakrise sichergestellt werden. Dies dürfe aber »nicht auf Kosten der ohnehin schon sehr benachteiligten Saisonkräfte gehen«. Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft, Harald Schaum, sagte, die Forderungen der Verbände hätten »nichts mit den Realitäten unserer Zeit zu tun«. Angesichts der schon bestehenden enormen Flexibilität in Landwirtschaft und Gartenbau zur Erntezeit erschienen sie als »absurd, zumindest unverständlich«.

In der Tat haben Agrarkonzerne zur Ernte bereits heute beispielsweise die Möglichkeit, die reguläre Arbeitszeit der Landarbeiter von acht Stunden pro Tag (bei sechs Werktagen, 48 Stunden pro Woche) per formlosen Antrag bei den zuständigen Behörden auf zwölf Stunden täglich erhöhen zu lassen. Und selbst da ist in wohlbegründeten Ausnahmefällen noch nicht Schluss. Gerade angesichts der körperlich sehr belastenden Arbeit zielen die Forderungen des DBV letztlich darauf ab, Billigarbeitskräfte schuften lassen zu dürfen, bis diese umfallen.

Wie wichtig es sei, dass Erntehelfer durch derzeitige Reisebeschränkungen nicht behelligt würden, erläuterte am Donnerstag auch der agrarpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Albert Stegemann. Das Auswärtige Amt müsse »bei unseren europäischen Partnern auf die möglichst unkomplizierte Durchreise von Saisonarbeitskräften hinwirken«. Schließlich wisse er um den »dringenden Bedarf, den unsere Landwirte an erfahrenen Saisonarbeitskräften aus dem Ausland haben«. Stegemann hat dabei die »Anpflanzung und Ernte von Spargel, Erdbeeren« im Blick – und weiß die Experten hinter sich. Auch der DBV warnte in seinem jüngsten »Statusbericht« am Freitag bezüglich der Pandemie vor »Auswirkungen auf die heimische Versorgung« mit Spargel. Man will schließlich nicht nur satt werden. Es soll auch schmecken.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Peter Meißner: Bundeswehr zur Ernte Wie jedes Jahr sollten ausländische Billigarbeitskräfte von den deutschen Feldern das Frühgemüse wie Spargel, Rhabarber und Erdbeeren ernten. Die zyklische Krise des Kapitalismus wurde durch die Coron...

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