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Aus: Ausgabe vom 21.03.2020, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
»Balkanroute«

Vergessen in Bosnien

Tausende Geflüchtete sitzen weiter vor kroatischer EU-Außengrenze fest. Nach Räumung von menschenunwürdigem Lager wurden sie allein gelassen
Von Valerio Nicolosi
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Durch die Berge über die Grenze: Zwei afghanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Kroatien (Januar 2020)

»Ich habe es fünfmal versucht, und es ist immer schiefgegangen: Einmal haben die kroatischen Polizisten mich abgefangen und geschlagen und mich ohne meine Schuhe zurückgeschickt. Meine Füße vereisten, und ich habe Plastikflaschen zerschnitten und sie darübergezogen, um laufen zu können. Das tat sehr weh, aber wenigstes bin ich nicht im Gebirge erfroren.«

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Abendessen im Dunkeln: Eine kurdische Familie in der Grenzregion zwischen Bosnien und Kroatien (August 2019)

Ahmed ist 40 Jahre alt. Zehn Jahre hat er in Italien verbracht, wo er als Tischler arbeitete. Als es wegen der Krise immer weniger Aufträge gab, beschloss er, nach Ägypten zurückzukehren. Aber auch dort fand er keinen Erwerb, und so machte er sich vor sechs Monaten wieder auf den Weg. Sein Ziel war Mailand. Zunächst konnte er, ohne dass er dafür ein Visum benötigte, von Ägypten über Kenia in die Türkei fliegen, um dann auf dem Landweg über Griechenland, Albanien, Kosovo, Serbien und nun Bosnien weiterzuziehen.

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Seit vier Jahren auf der Flucht: Reza aus Afghanistan sitzt dort, wo sich früher das Lager von Vucjak befand (Januar 2020)

Die »Balkanroute«, oder besser gesagt »die Balkanrouten«, werden von den Flüchtenden, die in die Europäische Union wollen, bevorzugt. Im Jahr 2019 erreichten 75.000 Menschen Griechenland über diesen Weg, verglichen mit den 13.000, die über das zentrale Mittelmeer nach Italien (11.000) und Malta (2.000) kamen. Gegenwärtigen Schätzungen zufolge befinden sich etwa 7.000 Geflüchtete in Bosnien und Herzegowina.

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Barbier im »Jungle«: Die Menschen versuchen sich im Provisorium ein Stück Normalität zu erhalten (August 2019)

Einen Knotenpunkt dieser Routen bildet Bihac, eine kleine Stadt im Nordwesten des Landes, an der Grenze zwischen der Region Bosnien und Kroatien. Von hier aus begibt man sich auf die Bergpfade. Wer nicht von den vielen Sperren der kroatischen oder slowenischen Polizei aufgehalten wird, erreicht nach sechs Tagen Fußmarsch Triest in Italien. Solche Sperren gibt es an allen Haupt-und Nebenstraßen. Verschiedene NGO haben zahlreiche Fälle von Gewaltanwendung gegen Flüchtende angeprangert: Sie werden geschlagen, ihnen werden ihre Kleidung und ihre Handys abgenommen, um sie dann illegal über die Grenze zurückzubringen. Derartige Fälle wurden zu Hunderten gemeldet.

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Eine neue Wasserzisterne: Ein pakistanischer Junge nutzt die Gelegenheit zur Erfrischung (August 2019)

»Big problem, my friend: croatian police!« (Großes Problem, mein Freund: die kroatische Polizei!) Das war der Satz, der im vergangenen Sommer wie ein Mantra im »Jungle« wiederholt wurde, dem Flüchtlingslager in Vucjak. Die kleine Ortschaft liegt in der Nähe von Bihac, direkt zu Füßen der Berge, durch die man auf kleinen Pfaden zur Grenze gelangt. Das Lager wurde vom Bosnischen Roten Kreuz verwaltet und von der örtlichen Polizei kontrolliert, aber die Lebensbedingungen waren unbeschreiblich schlecht. Bereits im August wurde es kühl, und immer, wenn es regnete, versank das Lager im Schlamm. Trinkwasser gab es einmal am Tag, und es reichte nie für alle. Die Toiletten waren dermaßen überfüllt, dass die Leute lieber in den Wald gingen. Noch dazu lag das Lager auf einer früheren Müllhalde, die mit Erde aufgeschüttet und dann eingeebnet worden war. Dadurch kam es zur Freisetzung von Methan, so dass das Leben nicht nur menschenunwürdig, sondern auch gefährlich war. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hatte diese Zustände mehrmals angeprangert.

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Eine der vielen Verletzungen, die den Geflüchteten von der kroatischen Polizei zugefügt wurden (August 2019)

Als es die ersten Schneefälle gab und die Zustände nicht mehr tragbar waren, wurde der »Jungle« im Dezember geschlossen. Danach wurde die Lage in der Gegend jedoch noch schwieriger, weil die Leute nun in verlassenen, baufälligen Häusern wohnen, ohne medizinische Versorgung und ohne Unterstützung bei der Beschaffung von Lebensmitteln. Hilfe bekommen die Geflüchteten nur über ein informelles Netz von Freiwilligen, soweit es möglich ist – die bosnische Polizei versucht stets, dies zu verhindern.

»Ich habe drei Wochen im Lager gelebt, aber als es geschlossen wurde, hat mir niemand gesagt, wohin ich gehen konnte, und es gab keinerlei Hilfe.« Reza ist Afghane und 24 Jahre alt. Als er zwölf war, ging er zu seinem Onkel in den Iran. Die Taliban hatten seine Familie ermordet, als er in der Schule war. Von einem Tag auf den anderen war er ganz allein. Nach einigen Jahren im Iran und nachdem er ein Sprachstudium absolviert hatte, beschloss Reza, nach Europa zu gehen. Nun ist er seit vier Jahren unterwegs und hatte dabei nicht viel Glück.

»The Game«, wie man den Versuch des Grenzübertritts auf dieser Route nennt, ist für ihn nie gut ausgegangen. Nachdem er übers Meer nach Lesbos gelangt war, lebte er ein Jahr lang in Athen, wo er als Übersetzer und Kulturmediator für eine NGO arbeitete. Dann beschloss er, nach Italien zu gehen. Er durchquerte sehr schnell Mazedonien und Serbien und blieb dann in Bosnien stecken. »The stranded« (die Gestrandeten) nennt Reza die Afghanen, die zusammen mit ihm in einem verlassenen und baufälligen Fabrikgebäude leben. Einige Räume dienen als Schlafzimmer, andere als Küchen. Erstere sind dank primitiver Öfen warm, die anderen sind offen und durchlüftet, damit der Rauch abziehen kann. Aber nicht alle Bewohner schaffen es, sich so gut zu organisieren, und es kommt vor, dass sie, wie Ahmed, in ein und demselben Raum schlafen und kochen müssen.

In Tuzla jedoch gibt es noch nicht einmal verlassene Gebäude, in die man sich flüchten kann. Tuzla liegt ebenfalls an der Grenze zu Kroatien, aber im Nordosten. Es ist eine Industriestadt mit einem Atomkraftwerk, das praktisch in der Stadt selbst liegt. Die Bahnstrecke zwischen Sarajevo und Bihac führt an der Stadt vorbei. Heute ist der Bahnhof verlassen, und die hier kampierenden Geflüchteten laufen nicht einmal Gefahr, dass ein Zug kommt: Die Regierung hat den Zugverkehr eingestellt, damit die Flüchtenden nicht schnell und billig an die Grenze gelangen können. Dieser Geisterbahnhof mit Zelten auf dem Vorplatz und zwischen den Bänken, wo die Menschen völlig sich selbst überlassen sind, verbildlicht die Odyssee der »Gestrandeten«.

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