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Aus: Ausgabe vom 21.03.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Das Massaker von Sharpeville

Erinnerung muss wachgehalten werden

Eine lange Geschichte der rassistischen Ausbeutung schwarzer Arbeitskräfte in Südafrika
Von Christian Selz, Kapstadt
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50 Jahre Sharpeville: Mitglieder des »Pan African National Congress« demonstrierten am 21. März 2010 in Johannesburg zur Erinnerung an die Opfer des Massakers und gegen die Regierungspolitik

Es ist kein Zufall, dass der Internationale Tag gegen Rassismus alljährlich am 21. März begangen wird. Ausgerufen wurde der Gedenktag bereits 1966 durch die Vereinten Nationen, die damit an ein Massaker in der südafrikanischen Township Sharpeville erinnern wollten. In der Schwarzensiedlung 50 Kilometer südlich von Johannesburg hatte die Polizei des Apartheidregimes am 21. März 1960 einen friedlichen Protest gegen rassistische Passgesetze niedergeschossen. 69 Menschen wurden getötet, mindestens 180 weitere verletzt.

In Südafrika ist der 21. März seit dem Ende der Apartheid 1994 ein gesetzlicher Feiertag, der als Tag der Menschenrechte begangen wird. Dem Gedenken an die Opfer von Sharpeville wird so ein Bezug zur Gegenwart gegeben und an die Bedeutung von universalen Menschenrechten erinnert. Dennoch verblasst die Erinnerung an die Ursachen des Massakers selbst, beschrieben wird es vor allem als brutale Tat eines diabolischen Systems. Keine Frage, das Apartheidregime, von der BRD noch bis spät in die 1980er Jahre hofiert und von deutschen Unternehmen trotz UN-Embargo mit Rüstungsgütern beliefert, wird heute im Nachhinein weltweit verurteilt, seine Praktiken gelten in Übereinstimmung mit der Definition der Vereinten Nationen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Weniger präsent sind jedoch die historischen Ursachen, die in Südafrika zur Politik der Apartheid und schließlich zum Massaker führten.

Mit den Passgesetzen, gegen die die Menschen in Sharpeville und an vielen anderen Orten in Südafrika damals protestierten, wollte das Regime den Zugang schwarzer Menschen zu den ökonomischen Zentren der weißen Oberschicht begrenzen. Eine Aufenthaltserlaubnis bekamen lediglich diejenigen, die als billige Arbeitskräfte benötigt wurden. Den Nachzug der Familien unterband das Regime, die Arbeiter wurden in nach Geschlechtern getrennten Sammelunterkünften untergebracht. Wer keinen Pass oder keine entsprechende Eintragung einer Arbeitsstelle nachweisen konnte, dem drohte Verhaftung und Ausweisung. Aus Protest gegen diese Diskriminierung zogen protestierende Schwarze landesweit vor Polizeiwachen, um ihre Pässe öffentlich zu verbrennen. Das System, das sie damit angriffen, war nicht nur ein rassistisches, sondern auch eines, das der Durchsetzung der kapitalistischen Verwertung von Menschen und ihrer Klassifizierung in nach ökonomischen Gesichtspunkten nützliche und unnütze diente.

Die Passgesetze waren dabei nur ein weiterer Schritt in einer langen Reihe von Regelungen zur Ausbeutung schwarzer Arbeiter bei gleichzeitiger Auslagerung der Reproduktionskosten in die Schwarzen zugewiesenen Siedlungsgebiete. Konkret bedeutete dies, dass die Betreuung und Pflege von Kindern, Kranken und Alten nahezu vollständig den Familien – und dort vor allem den Frauen – in den offiziell unabhängigen Homelands aufgebürdet wurde, während das Kapital lediglich die Arbeitskraft der gesunden Erwachsenen ausnutzte, um seine Profite zu maximieren. Den Grundstein dieser Politik hatte der Bergbauunternehmer Cecil John Rhodes bereits 1894 gelegt, kurz nach der Entdeckung großer Goldvorkommen im Gebiet des heutigen Johannesburg.

In seiner Zeit als Premierminister der Kapkolonie setzte Rhodes, einer der einflussreichsten und skrupellosesten Kolonialherren, damals den Glen Grey Act durch, mit dem er die Bildung eines schwarzen Proletariats beabsichtigte. Das Gesetz gestattete Schwarzen in den ihnen zugewiesenen Gebieten zwar einerseits Selbstverwaltungsrechte, zwang ihnen aber andererseits die Einführung von individuellem Landbesitz auf. Hatten Gemeinden zuvor gemeinschaftlich Weiden und Äcker bewirtschaftet, so durfte der auf 8,5 Hektar beschränkte Grundbesitz künftig nur noch an den ältesten Sohn weitergegeben werden. Da zugleich jeder arbeitsfähige Mann – ob tatsächlich beschäftigt oder nicht – eine Lohnsteuer zu zahlen hatte, waren die jüngeren Söhne faktisch zur Lohnarbeit auf Farmen und im Bergbau gezwungen. Rhodes verklärte sich damals als eine Art Entwicklungshelfer, der den Schwarzen »die Ehre der Arbeit« beibringen würde.

Auch der 1913 erlassene Natives Land Act, mit dem Schwarzen per Gesetz untersagt wurde, außerhalb der ihnen zugewiesenen Reservate Land zu besitzen oder zu pachten, diente nicht ausschließlich der Landnahme durch weiße Siedler. Vielmehr zwang das Gesetz in Kombination mit neuen Steuern Schwarze dazu, sich als Wanderarbeiter zu verdingen. Die ab 1948 erlassenen Apartheidgesetze stellten schließlich die Regulierung dieser bewusst in Gang gesetzten Arbeitsmigration nach rassistischen Kriterien dar. In der historischen Betrachtung werden häufig die daraus resultierenden tiefen Eingriffe ins Privatleben hervorgehoben – verboten waren beispielsweise Beziehungen zwischen Menschen, denen vom Staat unterschiedliche »Rassen« zugewiesen worden waren.

Beschränken lässt sich das Gedenken der Opfer von Sharpeville darauf aber nicht, denn die ökonomischen Grundlagen von Rassismus sind nicht nur in Südafrika bis heute weitgehend erhalten geblieben. Das Datum des Internationalen Tags gegen Rassismus behält auch deshalb seine symbolische Bedeutung.

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