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Aus: Ausgabe vom 20.03.2020, Seite 12 / Thema
Literaturgeschichte

Das zerbrochene Genie

Vor 250 Jahren wurde Friedrich Hölderlin geboren. Die deutschen Verhältnisse hatten ihn irre gemacht
Von Elvira Seiwert
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Mittlerweile jubiläumstauglich herausgeputzt – Hölderlin-Denkmal im Alten Botanischen Garten in Tübingen (Aufnahme vom 13.9.2015)

Es klingt alles nach einem stillen Tod. Oder war es verschwiegener Mord? Auf jeden Fall herrschte Einverständnis. In der Mitwelt, die ihn, ohne Einspruch, im Turm ließ; in der Nachwelt, die ihm allerlei andichtete. Inzwischen sind seine Idyllen, ohne Naturschutzsiegel, verwelkt; sind seine vaterländischen Hymnen im Marschgepäck der in den Weltkriegen verschlissenen deutschen Soldaten vermodert. Und sein Freiheitspathos, das den fernen Klang griechischer Freiheitskämpfe mit schwäbischer Seele suchte, ist verklungen.

Überhaupt ja wusste man schon zu seiner Zeit nicht so recht, wohin mit ihm. Man einigte sich auf das Bild des »feinen, stillen Nebenpoeten« im Schatten der grellen Sonne der Weimarer Klassiker Goethe und Schiller. »Diese Leutchen …«, höhnte Schiller von olympischer Höhe aus gegen ihn und Jean Paul. Zu den »Romantikern« aber zählte er auch nicht, obwohl die ihn anschwärmten. Allein: Deren spätere Rückkehr in den bergenden Schoß der römisch-katholischen Kirche hätte ihn, der schon im Tübinger Stift über den vorherbestimmten Zwang zur »Galeere der Theologie« seufzte, in die Flucht geschlagen. Und schließlich, das sei nicht vergessen, war er wahnsinnig geworden. – Hölderlin selbst sagte, in später Zeit: Er werde nicht gebraucht. – Er hätte sich, weitere Möglichkeit, selber begraben, zu Lebzeiten?

Eventtaugliches Gedenken

Die Kunst heute also wäre es, Hölderlin zu entgehen. Einem Hölderlin jedenfalls, wie er derzeit – aus Jubiläumsgründen – abgefeiert, ausgeweidet, durchs Nadelöhr professioneller Biographen gezwängt wird; dessen Spuren mit Pomp saniert und nach Kulturbetriebsnorm planiert werden. Der Tübinger Turm, Schauplatz der zweiten Hälfte seines Lebens als eben vermutlich, vermeintlich, angeblich Wahnsinniger, ist aufpoliert; ausstaffiert mit Lichtinstallationen, Hörstationen, Touchscreens zur demokratischen Qualitätskontrolle per Smileyvotum. »Eine multimediale Dauerausstellung, die im Februar 2020 eröffnet wurde, macht Hölderlins Gedichte mit allen Sinnen erfahrbar«, heißt es. Dichter-Disneyland? Gedenkstätte eventtauglich gelenkten Gedenkens? Jedenfalls bedauert man, dass der »Zugang zum Hölderlinturm auch nach der Sanierung nur über Treppenanlagen zu erreichen ist. Dies ist aufgrund von Topographie und Denkmalschutz nicht anders möglich. Für die Entwicklung eines inklusiven Multimediaguides sucht die Museumsleitung das Gespräch mit Betroffenen.« – Und Hölderlin, der »Betroffene« der ersten Stunde? Schreibt in dem späten, Entwurf gebliebenen Hymnus »Der Adler«: »Will einer wohnen, / So sei es an Treppen, / Und wo ein Häuslein hinabhängt / Am Wasser halte dich auf. / Und was du hast, ist / Athem zu hohlen. / Hat einer ihn nemlich hinauf / Am Tage gebracht, / Er findet im Schlaf ihn wieder. / Denn wo die Augen zugedekt, / Und gebunden die Füße sind, / Da wirst du es finden. / Denn wo erkennest –«. Der Hymnen-Fortgang, der enthüllen könnte: Was da zu finden, was zu erkennen wäre, bleibt offen. Die »gebundenen Füße« und »zugedeckten Augen« allerdings sind einer komfortabel kulturtouristischen Einfühlung kaum günstig.

Christoph Theodor Schwab, ein später Besucher Hölderlins im Turm, erzählt 1842: »Das Haus, in welchem Hölderlin wohnt, liegt auf der südlichen Seite der Stadt; in einem auf den Fundamenten eines alten Thurmes erbauten Erker desselben ist das Zimmer Hölderlins, welches eine lachende Aussicht auf den Fluß, der unten ›vorbeiglänzt‹, jenseits desselben auf freundliche Wiesen und Platanenalleen und nach beiden Seiten einen offenen Blick das Thal hinauf und hinab hat. Noch ehe man dieses Zimmer betritt, hört man gewöhnlich innen laut reden, vernimmt aber auf die Frage, ob schon jemand Fremdes da sey, eine verneinende Antwort, man klopft daher an, tritt auf ein ziemlich scharf tönendes »Herein« ein und sieht sich einem Manne gegenüber, der mit vielfachen, tiefen Verbeugungen den Fremdling begrüßt – es ist Hölderlin.« – Seit 1807 und bis zu seinem Tod im Jahre 1843 lebt Hölderlin hier, im Haus des fast gleichaltrigen Schreinermeisters Zimmer, der Hölderlin während Berufsarbeiten im nahe gelegenen Klinikum des Professor Autenrieth – wo Hölderlin einsaß – kennengelernt, sich Hölderlins, dessen »Hyperion« er kannte und verehrte, angenommen und ihn bei sich zu Hause aufgenommen hat.

Wilhelm Waiblinger, der erste Biograph Hölderlins und ein häufiger Besucher im Turm, erzählt: »In der ersten Zeit, da er bei dem Tischler war, hatte er noch sehr viele Anfälle von Raserei und Wut, so daß jener nötig hatte, seine derbe Faust anzuwenden, und dem Wütenden tüchtig mit Schlägen zu imponieren. Einmal jagte er ihm seine sämtlichen Gesellen aus dem Hause und schloß die Türe. In Zorn und Konvulsionen geriet er gleich, wenn er jemand aus dem Klinikum sah. Indem er oft frei herumging, so war er natürlich dem Spott heilloser Menschen ausgesetzt, deren es überall gibt.« Meister Zimmer selbst liefert – Rückschau haltend – in einem Brief Ansichten Hölderlins aus langer Erfahrung und nächster Nähe. »Jetzt ist es 30 Jahre, daß er bei mir ist. Ich habe keine Beschwerlichkeiten mehr von ihm, aber früher war er oft rasend, das Blut stieg ihm so in Kopf, daß er oft ziegelrot aussah und dann alles beleidigte, was ihm ingegen kam. War aber der Paroxismus vorbei, so war er auch immer der erste, welcher die Hand zur Versöhnung bot. Hölderlin ist edelherzig, hat ein tiefes Gemüt, und einen ganz gesunden Körper, ist so lang er bei mir ist nie krank gewesen. Seine Gestalt ist schön und wohlgebaut, ich hatte noch kein schöneres Auge bei einem Sterblichen gesehen als Hölderlin hatte. Er ist jetzt 65 Jahre alt, ist aber noch so munter und lebhaft als wenn er erst 30 wäre (…) Hölderlin hat keine fixe Idee, er mag seine Fantasie auf Kosten des Verstands bereichert haben. Hölderlin ging durch widriges Geschick zu Grunde (…) Daß Hölderlin zuweilen seinen Zustand fühlt ist keinem Zweifel unterworfen. Er machte vor ein paar Jahre folgenden Vers auf Ihn selbst: ›Nicht alle Tage nennet die schönsten der, / Der sich zurücksehnt unter die Freuden wo / Ihn Freunde liebten wo die Menschen / Über dem Jüngling mit Gunst verweilten.‹«

Das klingt, wie gesagt, nach stiller Ergebung. Das Bild aber des »Adlers«, dessen Füße gebunden, dessen Augen zugedeckt werden – zum Schutz der Täter, gegen den letzten Blick des Opfers? Sinnbild oder Selbstbildnis des Gefangenen im Turm?

Freund der Revolution

»Er entzieht sich«, kommentiert Pierre Bertaux Hölderlins Leben im Turm; »er führt ein Pflanzenleben«. Als Wurzel der pflanzenhaften Verwesungsform eruiert Bertaux: dass Hölderlin politisch unter Verdacht geraten war. Seine Nähe zu dem fünf Jahre jüngeren Aristokraten Isaac von Sinclair, dem 1805 wegen Hochverrats der Prozess gemacht werden sollte, habe ihn verdächtig gemacht.

Bertaux übrigens, Jahrgang 1907, deutsch schreibender französischer Germanist, Widerstandskämpfer, Politiker – erfahren also in den konspirativen Möglichkeiten von Sprache und Politik gleichermaßen – bürstete Hölderlins Leben und Werk gegen den Strich der gängigen Forschung und Klichees und sorgte damit zuverlässig für Skandal. In den 1960ern mit seiner Arbeit über »Hölderlin und die Französische Revolution«; in den 1970ern mit seiner weiträumigen Studie über Hölderlins Wahnsinn. Radikal machte er Schluss mit den frommen Lügen über Hölderlin als unpolitischen, »reinen« Dichter, als Metaphysiker des Vaterlands. Folgt man Bertaux, so lieferte Hölderlin mit seinen Werken einen fortlaufenden Kommentar zu den revolutionären Ereignissen, wie sie, von Frankreich übergreifend, in deutschen Landen für staatsgefährdende Unruhe sorgten. Bertaux, 1968: »In Deutschland wurde die politische Dimension von Hölderlins Leben und Werk unterschätzt, ja sie blieb unberücksichtigt. (…) Dass Hölderlin ein begeisterter Anhänger der Französischen Revolution, ein Jakobiner war und es (…) immer geblieben ist, wurde ignoriert, als ob es sich um einen Makel gehandelt hätte.« Und: »Um mich bildlich auszudrücken: Wenn im Vierfarbendruck eine Farbe fehlt, mag das Bild noch so scharf sein – es ist arg entstellt. Dem deutschen Hölderlin-Bild, das ›in lieblicher Bläue blühet‹, fehlt eine Farbe: das Rote. Als ob die deutsche Forschung rotblind wäre; oder vielleicht rotscheu.«

Bertauxs farblich komplettiertes Hölderlin-Bild hat Peter Weiss zu früheren Jubiläumszeiten auf die Bühne gebracht. In seinem Hölderlin-Stück von 1970/71 schickt Weiss gar, in einer Art visionärer Phantasie, Karl Marx zu Hölderlin auf Besuch in den Turm, nachdem er zuvor in einem quasi Sängerwettstreit in Lehrstückmanier Hölderlins Mit- und Gegenspieler hat Revue passieren lassen. Doch das ist eine andere Geschichte – die freilich derzeit, jubiläumskonform, ein Revival erfährt.

Mit dem Einzug in den Turm jedenfalls endet Hölderlins politische Biographie, die früh ihren Anfang genommen hatte. 1788 kam Hölderlin, 18jährig, als Stipendiat ins Tübinger Stift, eine der Eliteanstalten zur Einübung in die theologische Laufbahn. Er teilt sich das Zimmer mit Hegel; wird, wie dieser, infiziert vom revolutionären Geschehen in Frankreich. Ein revolutionär-patriotisch gesinnter politischer Klub wird im Stift gegründet: Hegel gilt als »derber Jakobiner«. Auch Hölderlin sei »dieser Richtung zugetan«. Überhaupt, so registrieren es die Annalen, seien die jungen Stiftler »großenteils von dem Freiheitsschwindel angetan« gewesen. Es gärt im Stift. Erste Gedichte Hölderlins erscheinen im Druck. Christian Friedrich Daniel Schubart, Herausgeber der Wochenzeitung Deutsche Chronik, bescheinigt Hölderlin, dass seine Muse »eine ernste « sei, und er nimmt sich »mit väterlicher Zärtlichkeit« des jungen Kollegen an. Schubarts Chronik, die unbeirrt von Zensur und Repression die Praktiken des absolutistischen Despotismus dokumentiert (wie etwa den Menschenhandel in Form der lukrativen Soldatenzwangsrekrutierungen), steht unter Beobachtung. Das Ende vom Lied: Herzog Carl Eugen von Württemberg (Protektor auch des Tübinger Stifts) lässt Schubart auf fremdem Hoheitsgebiet 1777 entführen, und in die Festung Hohenasperg verschleppen. Wo Schubart dann, ohne Gerichtsverfahren, zehn Jahre in Gefangenschaft vegetiert, die freilich als »Umerziehungsmaßnahme« deklariert wurde. Schubart stirbt vier Jahre später, und bis heute hält sich das Gerücht, dass er lebendig begraben wurde. Heiner Müller sprach 1995 von einer eigenen Tradition, die da gestiftet worden sei: von der »großen Angst deutscher Dichter«, scheintot beerdigt zu werden. – Und Hölderlin wäre da nicht traumatisiert gewesen?

»… aber keine Menschen«

Den Studienjahren als Stiftszögling folgen die Wanderjahre als Hofmeister in wechselnden Verhältnissen und mit einem Zwischenspiel in Jena, damals, mit Fichte, Schiller, Goethe, ein Gravitationszentrum der modernen Bewusstseinsindustrie. Hölderlin arbeitet am Briefroman »Hyperion«. Hyperion, der junge, im Geist einer heroischen Antike erzogene Grieche, träumt einen Freiheitstraum. Sein Vaterland solle von der türkischen Fremdherrschaft befreit werden. Geheimbünde, Konspirationen, Gewissensnot und heroische Aktionen bewegen das Romantableau, das die aktuelle Zeit der Französischen Revolution und ihrer Erschütterungen chiffriert. Diotima, die idealische Geliebte Hyperions: Auch sie kommt von weit her, ist Echo jener Priesterin aus Mantineia im antiken Griechenland, von welcher Platon nach eigener Auskunft »einst eine Rede über den Eros gehört, welche hierin und auch sonst sehr weise war, auch den Athenern einst bei einem Opfer vor der Pest zehnjährigen Aufschub der Krankheit bewirkte«. Wandernd verschlägt es Hyperion unter die Deutschen. An Freund Bellarmin schreibt er: »Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag’ ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinanderliegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?«

Unterwegs schreibt Hölderlin am 4. September 1795 an Schiller, der ihn damals noch protegierte: »Es ist mir oft, wie einem Exulanten, wenn ich mich der Stunden erinnere, da Sie sich mir mitteilten, ohne über den trüben oder ungeschliffenen Spiegel zu zürnen, worin Sie Ihre Äußerungen oft nimmer erkennen konnten. (…) Ich friere und starre in den Winter, der mich umgibt. So eisern mein Himmel ist, so steinern bin ich. Auf dem Oktober werd ich wahrscheinlich eine Hofmeisterstelle in Frankfurt beziehen.« Er kommt zu den Gontards, ist wieder für länger mit Hegel zusammen: jetzt in nachrevolutionärer Zeit, da Robesspierre eben gestürzt wurde, die Revolution ihre Kinder frisst. Isaac von Sinclair, mittlerweile ein hoher Staatsbeamter in der nahen Landgrafschaft Homburg, ist mit von der Partie, »der junge Mann, der in Deutschland eine Revolution stiften wollte«, so Bettina von Arnim über ihn, später. Suzette Gontard wird zur »Diotima« im immer wieder überarbeiteten »Hyperion«.

Auf Schiller übrigens, mittlerweile zum eigenen Denkmal ästhetisch-moralischer Sittlichkeit versteinert, ist nicht mehr zu bauen. An Goethe schreibt Schiller über den einstigen Protegé, 1797: »Er hat eine heftige Subjektivität und verbindet damit einen gewissen philosophischen Geist und Tiefsinn. Sein Zustand ist gefährlich, da solchen Naturen so gar schwer beizukommen ist.« Von Goethe selber gibt’s den überväterlichen Rat: »Kleine Gedichte zu machen und sich zu jedem einen menschlich interessanten Gegenstand zu wählen«.

»Dass Ihr noch einen König wollt«

Interessant und hochbrisant die Beschäftigung Hölderlins zu dieser Zeit – mittlerweile ist er in die Nähe Sinclairs, nach Homburg, übersiedelt –, das Trauerspiel »Der Tod des Empedokles«, die Aktualisierung des Schicksals jenes vorsokratischen Naturphilosophen und Universalgelehrten, der sich, nach der Legende, aus radikalem Vereinigungswillen mit der Natur in den brodelnden Ätna gestürzt. Hölderlin lässt aufmarschieren: die staatstragende Priesterelite, repräsentiert durch Hermokrates, die Empedokles erst hetzt, dann falschen Frieden bietet. Empedokles: »Hinweg! Ich kann vor mir den Mann nicht sehn, / Der Heiliges wie ein Gewerbe treibt. / Sein Angesicht ist falsch und kalt und tot, / Wie seine Götter sind.« Hermokrates: »So dankst du uns?« Er tut’s. Das Volk, erst, aufgewiegelt, geneigt ihn zu ermorden, dann, bekehrt: »Du solltest König sein. O sei es! Sei’s!« Empedokles darauf: »Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr.« Kommentar des Freundes: »So lehnt man Kronen ab, / Ihr Bürger.« Empedokles: »Schämet euch, / Daß ihr noch einen König wollt; ihr seid / Zu alt; zu eurer Väter Zeiten wär's / Ein anderes gewesen. Euch ist nicht / Zu helfen, wenn ihr selber euch nicht helft.« Ein Appell, der untergeht, da – diesseits des Trauerspiels (das Hölderlin als »Festspiel der jungen Schwäbischen Republik« konzipiert hatte) – auf die Beihilfe Frankreichs, auf die die schwäbischen Revolutionäre um Sinclair gehofft hatten, nicht mehr zu rechnen ist. Am 16. März 1799 gibt General Jourdan in Stuttgart bekannt, »dass die franzöischen Truppen eventuelle revolutionäre Bewegungen in Württemberg unterdrücken würden«. Das heißt, so resümiert es Bertaux: »Die schwäbischen Revolutionäre und Republikaner standen nun allein; allein konnten sie es aber nicht schaffen. Die Revolution in Schwaben wurde abgeblasen.«

Die politischen Hoffnungen hatten getrogen. Die Pläne, als freier Schriftsteller zu leben, hatten sich zerschlagen. Hölderlin zieht weiter, zurück nach Süddeutschland, dann in die Schweiz, später nach Bordeaux. Schließlich: Heimkehr – diesmal »verwahrlost, körperlich zerrüttet und geistig gestört«. Erschütterung über den Tod Suzette Gontards. »Fortschreitende Änderungen der Persönlichkeit« werden konstatiert und als Anzeichen von Geisteskrankheit interpretiert. 1804 holt Sinclair ihn erneut nach Homburg, wo Hölderlin »pro forma als Bibliothekar des Landgrafen angestellt und aus Sinclairs Gehalt bezahlt« wird. Sinclair wird denunziert, wird, auf Antrag des Kurfürsten von Württemberg, in Homburg verhaftet und eines geplanten Anschlags gegen das Leben des Fürsten beschuldigt. Es folgt der Hochverratsprozess gegen Sinclair. Hölderlin, zumindest der Mitwisserschaft beschuldigt, wäre, wie seinerzeit Schubart, auf dem Hohenasperg eingesperrt worden, hätte nicht der Landgraf ihn geschützt, indem er einen Arzt mit einem Gefälligkeitsgutachten beauftragte, darin Hölderlin für wahnsinnig erklärt wird.

11. September 1806, Brief der Landgräfin: »Man hat heute früh den armen Holterling abtransportiert (…) Als er mit aller Kraft versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, wurde er von dem Mann, der auf ihn aufpassen sollte, zurückgestoßen. Holterling schrie, dass Häscher ihn entführen wollten, wehrte sich mit aller Kraft und zerkratzte diesen Mann mit seinen enorm langen Fingernägeln derart, dass er über und über blutig war.« Der Transport geht nach Tübingen ins Autenriethsche Klinikum. Aktenkundig ist, dass Hölderlin »unausgesetzt gerufen« habe, er wolle kein Jakobiner sein: »Fort mit allen Jakobinern!«

In der Klinik arbeitet man nach der Maxime, dass Geisteskrankheit auf Böswilligkeit gründe, weshalb man mit Strenge »therapiert«: mit Zwangsjacke, der sogenannten Autenrietschen Maske (einer Gesichtsmaske aus Schuhsohlenleder), Drogen und Nervengiften. Nach sieben Monaten das Bedauern: dass es mit dem Kranken nur schlimmer werde. Man gibt ihn auf, übergibt ihn der Obhut des Schreinermeisters Ernst Zimmer. Die Prognose: Hölderlin werde »höchstens noch 3 Jahre leben«. Es wurden derer 36. Ab jetzt, dem 3. Mai 1807, Tag des Einzugs in den Turm, steht die Zeit still.

Bleierne Zeit

Die Zeit der Revolution? Hegel feiert sie als »Strom, der alles mit sich fortreißt!« Hölderlin, aus Erfahrung skeptisch, sieht, wie der »reißende Strom« zwangskanalisiert wird. Voll Ungeduld appelliert er im »Gebet für die Unheilbaren«, 1797: »Eil, o zaudernde Zeit, sie ans Ungereimte zu führen, / Anders belehrest du sie nie, wie verständig sie sind. / Eile, verderbe sie ganz, und führ ans furchtbare Nichts sie, / (…) Diese Toren bekehren sich nie, wenn ihnen nicht schwindelt«. Zur gleichen Zeit, brieflich: »Ich glaube an eine künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles bisherige schaamroth machen wird.« Das Gebet blieb unerhört, der Glaube hatte getrogen, die schwäbische Revolution fand nicht statt. Der »reißende« Strom versickerte in der Restauration. Drei Jahre später, im »Gang aufs Land«, die Resignation. »Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen / und fast will / Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.« Im Turm schließlich pendelt die Zeit aus. Gedichte, die noch entstehen, auf Bitten von Besuchern etwa, entwirft Hölderlin, am Stehpult, mit der Hand sich selber den Takt schlagend, die Zeit präzise vermessend. Gezeichnet sind sie mit Pseudonymen: Scardanelli, Buonarotti, Rosetti. Die Zeit, die wechselnd schnelle, steht still. Scardanelli datiert die Gedichte wahllos, wie am Lotterierad der Geschichte drehend: 3. März 1648, 9. März 1940 …

Elvira Seiwert schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. August 2019 über Theodor W. Adorno.

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