Gegründet 1947 Freitag, 29. Mai 2020, Nr. 124
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 19.03.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Ausdruck von Haltung

Konträr zum Fußballgeschäft: Ultras beweisen Moral im Kampf gegen Corona
Von Oliver Rast
RTS35TTC.jpg
»Coronagebiet«: Banner im Stadion der Frankfurter Eintracht beim Geisterspiel in der Euro League am 12. März

Vor zwei Wochen wurden sie von Klub-, Liga- und Verbandsbossen noch als »hässliche Fratze des Fußballs« beschimpft, die aktivsten Fans in den Arenen – und der Sinsheimer Mäzen Dietmar Hopp als ihr Schmähopfer hofiert. Nur wenige Tage später forderten die Ultras die Einstellung des Spielbetriebs und starteten karitative Initiativen gegen das pandemische Coronavirus – vor allen anderen in der Parallelwelt Fußballsport.

Der Reihe nach: Anfang vergangener Woche verkündete die Deutsche Fußballiga (DFL), die Partien des kommenden Spieltags würden wie geplant ausgetragen, zwar ohne Zuschauer in den Stadien, dafür gebe es aber eine Konferenzübertragung im Free-TV. Daraus wurde nichts, der Ball ruhte. Der öffentliche Druck war zu groß geworden, Meldungen über Verdachts- und Infektionsfälle bei Bundesligaspielern häuften sich. Man kann da wohl von Glück sagen. Nur zu gern nämlich hätte die DFL den »Geisterspieltag« durchgezogen – gegen alle »Bedenkenträger« aus Wissenschaft und (Sport-)Politik. DFL-Boss Christian Seifert hatte an jenem Montag einen »Existenzkampf« ausgerufen und damit den Milliardenpoker um die Übertragungsrechte gemeint. Auf dieses umkämpfte Terrain konzentrierten Seifert, Sky und Co. ihr Krisenmanagement.

Und die Kurvenrebellen? So öffentlichkeitsscheu, beinahe klandestin agierend die Ultras in der Vergangenheit oft wirkten, so mitteilungsbedürftig erschienen sie in dieser Situation. Den Auftakt machte am vergangenen Donnerstag ein Statement des Fanbündnisses »Südkurve«, dem auch die Ultras der »Schickeria« des FC Bayern München angehören. Geisterspiele wurden darin kategorisch abgelehnt: »Fußball ohne Fans ist wertlos«, hieß es. Im selben Atemzug wurde die sofortige Absage aller (!) Spiele gefordert: »Womit wir uns auskennen ist Solidarität.«

Das Team vor geschlossenen Stadiontoren zu unterstützen, kam für die allermeisten nicht in Frage. Stuttgarter VfB-Ultras vom »Commando Cannstatt 97« erklärten: »Wir werden im Umfeld der Austragungsorte nicht als Gruppe präsent sein.« Es gebe weder Ersatzveranstaltungen noch »sonstige Happenings«. Auch die »Caillera Ultras« von Werder Bremen meldeten sich zu Wort: »Die einzig richtige Lösung kann nur der Abbruch der aktuellen Saison sein.« Die Gesundheit aller sei wichtiger als eine bunte Kurve oder »Gelder aus TV-Verträgen und Sponsorendeals«.

Stimmen aus dem Osten gab es auch: »Zeigt, dass unsere Solidarität sich nicht auf Fanthemen beschränkt!« appellierte der »Block U« aus Magdeburg: »Beweist, dass wir Fußballfans mehr als nur das nächste Spielergebnis im Blick haben!« Und die »Diablos« vom Regionalligisten Chemie Leipzig nahmen die Beschäftigten der Vereine in den Blick, die einen Ausfall ihrer geringen Verdienste in größte Nöte bringt: »Das müssen wir gemeinschaftlich abfedern.«

Noch sind nicht alle kampagnenfähig, einige stehen noch im Startblock. Die Unterstützung für Betroffene der Pandemie laufe rund um den Bökelberg »eher informell«, sagte ein Vertreter der Fanhilfe Mönchengladbach auf jW-Nachfrage. Das werde sich aber bald ändern. Die Kurvenhilfe Leverkusen hingegen ist schon im Praxistest. Über »soziale Medien« boten Fans des Werksklubs einen Einkaufsdienst für Menschen aus »Risikogruppen« an. »Das ist unsere Direkthilfe vor Ort«, sagte ein Fanaktivist gegenüber jW.

Woher kommt die Moral? »Ultras hatten schon immer eine soziale Ader«, sagt Tim Berg (Name geändert), der einst in einer ostdeutschen Großstadt eine Ultragruppe mitgegründet hat. Die Pandemie habe man als »Motivationsschub« nicht gebraucht. Man könne den Ultras jedenfalls nicht vorwerfen, aus Imagegründen ad hoc Nachbarschaftshilfe zu organisieren. »Das ist Ausdruck einer Haltung.« Und die stehe nun mal konträr zu der von Unternehmen, die etwa Antirassismuskampagnen mit Firmenlogo präsentieren würden – aus blankem Opportunismus.

Ultras sind hierzulande die größte Subkultur, und sie bekämen einiges auf die Beine gestellt, meint Berg, nicht nur spontan und temporär. Aber ist es nicht problematisch, dass aktive Fans nun Aufgaben übernehmen, für die der Staat zuständig wäre? So werde das in Ultrakreisen in der Regel nicht diskutiert, sagt Berg. Warum nicht? »Ultras sind eh mehrmals im Jahr mit sozialen und wohltätigen Aktionen unterwegs.« Da bei Bedarf noch eine Schippe draufzulegen, sei kein Thema.

Wie ausdauernd die aktiven Fans sich außerhalb des Spielbetriebs sozial engagieren werden, weiß Berg nicht. »Einen Fall wie die Coronakrise hatten natürlich auch Ultras noch nicht«, sagt er. Der Zusammenhalt, die Gemeinschaft sei bei ihnen indes stärker ausgeprägt als bei »normalen Fans«, und die karitative Solidarität kein bloßer Zeitvertreib in der spielfreien Phase. Aber klar, gibt er zu: Dauerhaft sei das kein Ersatz für das Stadionerlebnis.

Kritischer, unangepasster Journalismus von links, gerade in Krisenzeiten!

Die Tageszeitung junge Welt finanziert sich vor allem über Abonnements. Wenn Sie öfter und gerne Artikel auf jungewelt.de lesen, würden wir uns freuen, wenn auch Sie mit einem Onlineabo dazu beitragen, das Erscheinen der jungen Welt und ihre Unabhängigkeit zu sichern.

Mehr aus: Sport