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Aus: Ausgabe vom 17.03.2020, Seite 4 / Inland
Coronavirus in der BRD

Krise zieht Kreise

Ausbreitung des Coronavirus birgt viele Probleme für Obdachlose und andere Gruppen, die auf Hilfe angewiesen sind
Von Kristian Stemmler
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Geschlossene Kinos oder Restaurants stören nur diejenigen, die das nötige Geld besitzen

Die Berichterstattung zur Krise um die Coronaviruspandemie kreist um Hamsterkäufe, Veranstaltungsverbote und Schulausfall. Bürger sorgen sich, ob sie die Konzertkarte erstattet bekommen oder ihre Urlaubsreise stornieren können. Solche Sorgen hätten die Obdachlosen und Suchtkranken in den Großstädten vermutlich gern. Ihre existentiellen Ängste und Nöte werden durch die Pandemie noch verstärkt. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustands und ihrer Lebensumstände gehören sie zu den Risikogruppen – sie können sich aber nicht einfach in ihre »vier Wände« zurückziehen. In Hamburg wurde ein Obdachloser jetzt positiv auf den Virus getestet, in Frankfurt am Main hat es nach jW-Informationen einen Sars-2-Verdachtsfall in einer Übernachtungsstelle für obdachlose Drogensüchtige gegeben.

Was die Situation aktuell erheblich erschwert: Zum Schutz ihrer Mitarbeiter schließen bereits erste Einrichtungen der Drogen- und Obdachlosenhilfe die Tore. Die Angebote in Hamburg seien stark heruntergefahren worden, erklärte Andrea Hniopek, Leiterin des Fachbereichs Existenzsicherung bei der Caritas, am Montag gegenüber jW. Es kämen bereits zahlreiche Anfragen, weil Obdachlose keine Möglichkeit mehr fänden, etwa heiß zu duschen.

Die Caritas habe den Betrieb des »Zahnmobils«, einer mobilen Zahnarztpraxis für Wohnungslose, und der Zahnambulanz eingestellt. Bei Zahnbehandlungen komme man dem Patienten besonders nah, so Hniopek. Zudem würden dort pensionierte Zahnärzte arbeiten, die wegen ihres Alters zu den Risikogruppen gehörten. Auch die Kleiderkammer der Caritas Hamburg und die Einrichtung Stützpunkt in der City, bei der Obdachlose tagsüber ihr Gepäck lassen können, seien vorerst geschlossen. Bei den anderen Einrichtungen seien die ohnehin hohen Hygienestandards noch einmal verschärft worden.

In Hamburg war ein Nutzer einer Unterkunft des Winternotprogramms im Stadtteil Hammerbrook positiv auf den Coronavirus getestet worden. Daraufhin habe das Gesundheitsamt rund 300 Obdachlose in der Einrichtung unter häusliche Quarantäne gestellt, berichteten mehrere Medien am Sonnabend. Zur Begründung habe die Sozialbehörde erklärt, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass innerhalb der Unterkunft eine Übertragung stattgefunden habe. Der positiv getestete Obdachlose sei isoliert von den anderen Nutzern des Winternotprogramms untergebracht worden. Andrea Hniopek erklärte gegenüber jW, nach ihrer Kenntnis dürften die Obdachlosen die Einrichtung verlassen.

In Frankfurt am Main gab es in einer Einrichtung für obdachlose Drogensüchtige, dem »Eastside«, am Freitag einen Sars-2-Verdachtsfall. Der Test bei einem Klienten habe eine »schwach positive Infektion« gezeigt, heißt es in eine internen Mitteilung des Trägers der Einrichtung, der Integrativen Drogenhilfe e. V. (IDH), die jW vorliegt. Der Mann sei vom Rettungsdienst in die Uniklinik Frankfurt gebracht worden. Ein zweiter Test fiel nach jW-Informationen negativ aus.

In der internen Mitteilung heißt es weiter, das Gesundheitsamt habe »keine weiteren Maßnahmen erachtet«, also auch nicht eine zumindest vorübergehende Schließung der Einrichtung. Verwiesen wird darauf, dass alle Mitarbeiter »in notwendigen Hygienemaßnahmen geschult« seien. Diese seien »uneingeschränkt einzuhalten«. Der Vorgang ist deshalb brisant, weil sich im »Eastside« nachts zeitweise mehr als 70 Drogenkonsumenten aufhalten. Das Virus könnte sich also dort schnell verbreiten. Die Geschäftsführerin von IDH e. V., Gabi Becker, wollte sich auf jW-Anfrage nicht zu dem Vorgang äußern. Sie verwies auf das Gesundheitsamt der Stadt. Dort war telefonisch kein Verantwortlicher zu erreichen, eine schriftliche Anfrage blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) forderte bereits am Freitag angesichts der Krise die sofortige Aussetzung von Zwangsräumungen und kommunale Maßnahmen zur Beschaffung von Wohnraum, »um besonders vulnerablen Gruppen von Wohnungslosen den Rückzug in Wohnungen zu ermöglichen«. Notunterkünfte sollten auch tagsüber offenbleiben, zusätzliche Räumlichkeiten, etwa geeignete Gewerbeimmobilien, von den Kommunen aquiriert werden, um die Belegungsdichte in Notunterkünften zu reduzieren, so die BAG.

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