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Aus: Ausgabe vom 17.03.2020, Seite 12 / Thema
Globaler Kapitalismus

Reiche Armut

Vorabdruck: Warenströme und internationale Arbeitsteilung. Globale Abhängigkeiten im 21. Jahrhundert
Von Jakob Graf, Anna Landherr, Janina Puder, Hans Rackwitz, Tilman Reitz, Benjamin Seyd, Johanna Sittel, Anne Tittor
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Die reichen Staaten unterwerfen die armen und lassen deren Rohstoffe ausbeuten. Der Salar de Uyuni in den Anden im Südwesten Boliviens, die größte Salzpfanne der Erde mit den weltweit größten Lithiumvorkommen

In diesen Tagen erscheint Heft 198 der Zeitschrift Prokla mit dem Schwerpunkt »Globale Stoffströme und internationale Arbeitsteilung«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Autoren und Verlag sowie redaktionell gekürzt den titelgleichen Aufsatz von Jakob Graf, Anna Landherr, Janina Puder, Hans Rackwitz, Tilman Reitz, Benjamin Seyd, Johanna Sittel und Anne Tittor. (jW)

Einst war es die profitable Ausbeutung von Rohstoffen wie Baumwolle, Zucker oder Kautschuk, die den kolonialen Warenhandel rund um die Welt prägten. Heute sind verschiedenste Produkte, Dienstleistungen und Handelsrouten hinzugekommen und haben sämtliche geographischen Räume in eine globale kapitalistische Ökonomie integriert. Doch in dieser globalisierten Wirtschaft spielen längst nicht alle Länder die gleiche Rolle. Die in den 1960er Jahren in Lateinamerika entstandene Debatte um den Begriff der Abhängigkeit beleuchtete asymmetrische Produktions- und Handelsbeziehungen zwischen Weltregionen und Ländern. Die grundlegende These der »Dependentistas« bestand darin, dass die abhängigen Länder gerade durch die Einbettung in den Weltmarkt in eine Dynamik der »Unterentwicklung« gedrängt würden, die unmittelbar mit der Entwicklung der europäischen und US-amerikanischen Zentrumsländer zusammenhing. Heute erscheint der Begriff der Dependenz als überholtes, selten genutztes Überbleibsel der 1970er Jahre.

Da die lateinamerikanischen Länder bis heute vorwiegend Rohstoffe und Agrarprodukte exportieren, sind sie zunächst von der Nachfrage der global dominanten Volkswirtschaften nach diesen Produkten sowie den Weltmarktpreisen abhängig. Doch nicht nur die internationalen Rohstoffpreise wurden als Abhängigkeitsgrund benannt. Der brasilianische Soziologe und Mitbegründer der Dependenztheorie Theotônio Dos Santos führt vor allem drei weitere Abhängigkeitsdynamiken ein: erstens das Problem der Devisengenerierung, da die extraktivistischen Länder in einem hohen und wachsenden Maß darauf angewiesen sind, Geld in ausländischer Währung (in der Regel Euro oder US-Dollar) zu erwirtschaften; zweitens ein permanentes, durch die sich verschlechternden Terms of trade sowie Zinszahlungen und Profitabflüsse transnationaler Konzerne bedingtes Zahlungsbilanzdefizit und drittens technologische Abhängigkeiten, sofern die industrielle Produktion rechtlich und faktisch durch ausländische Unternehmen kontrolliert wird. All dies führe zu einer »abhängigen Akkumulation« sowie zu kaufkraftschwachen Binnenmärkten, deren Umfang durch ein geringes Maß an Proletarisierung und niedrige Löhne eingeschränkt wird.¹

Doch Abhängigkeit ist kein rein ökonomisches Verhältnis, sondern verläuft zugleich auf verschiedenen, vor allem auf der politischen und auf der sozialstrukturellen Ebene. Die Vielfalt außenpolitischer, zum Teil militärischer und geheimdienstlicher Einflussnahmen, entwicklungs- und wirtschaftspolitischer Programme sowie Strukturanpassungsmaßnahmen und Handelsverträge, denen allein die Staaten Lateinamerikas vom Zeitalter der Blockkonfrontation bis in die neoliberale Ära ausgesetzt waren, wäre Gegenstand einer eigenen Ereignisgeschichte.

Veränderte Arbeitsteilung

Die »neue internationale Arbeitsteilung« ab den 1970er Jahren bedeutete, dass die (post)kolonialen Länder nicht mehr allein durch den Export von Agrargütern und Rohstoffen in die globale Ökonomie integriert waren. Einige Länder begannen mit Fokus auf den Export oder die Substitution von Importen in unterschiedlichem Ausmaß selbst ihre industrielle Fertigung aufzubauen. Heute sind rund 80 Prozent der Industriearbeiter der Welt außerhalb der sogenannten High income countries zu Hause. In einigen Ländern bildete sich ein »blutiger Taylorismus« mit geringem Kapitaleinsatz, niedrigen Löhnen und langen Arbeitszeiten heraus, während in anderen ein »peripherer Fordismus« mit höherem Kapitaleinsatz und geringfügig steigenden Löhnen entstand.² Nach Ruy Mauro Marinis spezialisierten sich viele Länder der Peripherie auf die Maximierung des absoluten Mehrwerts – durch lange Arbeitszeiten und niedrige Löhne –, während es sich die Zentrumsländer leisten konnten, sich am relativen Mehrwert zu orientieren.³ Allerdings blieb es nicht bei der Herausbildung »peripherer Fordismen«. Heute gehören beispielsweise IT-Dienstleistungen zu den größten Exportsektoren Indiens. China bewegt sich, bei immer stärkerer Binnenmarktzentrierung, auf die »High-road« der Industrialisierung zu und könnte demnächst sogar Vorreiter bei wichtigen Leittechnologien werden.

Doch was bedeuten diese Veränderungen der internationalen Arbeitsteilung für das Fortbestehen globaler Abhängigkeiten? Länder wie die BRIC-Staaten scheinen immer weniger in das dichotome Schema von »Globalem Norden« und »Globalem Süden« zu passen. Andererseits sind strukturelle Heterogenität und Exportabhängigkeit bei Rohstoffen und landwirtschaftlichen Gütern auch weiterhin ein Charakteristikum insbesondere lateinamerikanischer und vieler afrikanischer Ökonomien. Allerdings in veränderter Form: Teilweise sind Abhängigkeiten neuen Typs entstanden, und die vorliegenden ökonomischen Daten sind nicht allein für Stoffströme, sondern auch für Strukturen der Arbeitsteilung nur sehr begrenzt aussagekräftig. So hat John Smith verdeutlicht, dass Preisgrößen in offiziellen Statistiken keinesfalls als Indikatoren von Produktivitätsdifferenzen, Wertschöpfung oder Werttransfers im internationalen Handel verstanden werden dürfen. Die offiziellen Größen bis hin zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) verschleierten vielmehr die realen internationalen Werttransfers.⁴ Dies hat mit Gewinnen von transnationalen Unternehmen in Ländern des Globalen Südens zu tun, aber auch mit der erheblichen Unterbezahlung der Beschäftigten in den Sweat shops und auf Plantagen sowie der Kleinbauern und -bäuerinnen der Peripherien. So bleiben von den 4,95 Euro, für die der schwedische Textilhändler H & M ein T-Shirt in Deutschland verkauft, am Ende lediglich 0,95 Euro in Bangladesch, wo sie sich auf Fabrikbesitzer, Arbeiter, Dienstleister und den bangladeschischen Staat verteilen. Dagegen zählen 3,54 Euro zum deutschen BIP, die sich in 2,05 Euro an Material- und Transportkosten, 0,79 Euro Mehrwertsteuer und 0,70 Euro Profit für H&M aufteilen. »Die großen Gewinnspannen erscheinen in […] Ländern, in denen die Waren konsumiert werden, als ›Wertschöpfung‹, mit dem absurden Ergebnis, dass jedes Kleidungsstück das Bruttoinlandsprodukt des Landes, in dem es konsumiert wird, weitaus mehr steigert als das des Landes, in dem es hergestellt wird.«⁵

Zu den statistischen Verschleierungen kommen reale Vernetzungen hinzu. Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der sich verändernden globalen Arbeitsteilung gelingt es den alten Zentren, durch die ungleichen Kräfteverhältnisse innerhalb von Produktionsnetzwerken, Teile der Wertschöpfung an sich zu binden. Solche Produktionsnetzwerke werden immer wichtiger. Längst findet internationaler Handel nicht mehr einfach zwischen Volkswirtschaften statt. So machte der Intrakonzernhandel im Jahr 2009 beispielsweise 48 Prozent der US-amerikanischen Importe aus. Für das »Value capturing« innerhalb dieser Netzwerke lassen sich mehrere Gründe ausmachen: Abnehmermacht und Preisgestaltung, Kontrolle über Güterketten, Intrakonzernhandel, aber auch eine strategische Rohstoffsicherungspolitik, Monopolbildungen im digitalen Bereich, Patentrecht usw. Gleichzeitig spielen auch asymmetrische Marktbeziehungen weiterhin eine Rolle. Gerade im Bereich landwirtschaftlicher Produktion kann es zu enormen Machtungleichgewichten und Abhängigkeiten kommen.

Haushalte im »Globalen Süden«

Ein bedeutender Teil der Weltbevölkerung – etwa 28,3 Prozent im globalen Durchschnitt – ist weiterhin im rein land- und forstwirtschaftlichen Bereich sowie in der Fischerei tätig. Der Anteil derjenigen Haushalte, die zwar nicht nur, aber in ganz wesentlichem Maße von landwirtschaftlichen Tätigkeiten abhängen, liegt global gesehen vermutlich deutlich höher. In »Low income countries« sind nach ILO-Daten durchschnittlich fast 63 Prozent der Bevölkerung in diesem Bereich tätig, vorwiegend in kleinbäuerlichen Strukturen. Die neoliberal inspirierte Entwicklungspolitik war bemüht, diese Haushalte in globale Märkte zu integrieren. Dies brachte ländliche Haushalte über Mikrokredite, Düngemittelbedarf oder die Produktion für Zielmärkte mit großen, häufig global agierenden Unternehmen mit enormer Marktmacht in Verbindung, von denen sie entweder mittelfristig verdrängt oder in asymmetrische Beziehungen integriert wurden. Die Kleinbauern und -bäuerinnen sind damit in eine ausgeprägte Abhängigkeit zu globalen Preisschwankungen geraten. All dies sind Prozesse, die David Harvey als »Akkumulation durch Enteignung« bezeichnet. Ergänzt um klimatische Veränderungen, ökologische Verschmutzungen sowie Land- und Wasserknappheit geraten Subsistenzproduktion bzw. kleinbäuerliche Haushalte im Globalen Süden in Bedrängnis.

Unter diesen Bedingungen können im kapitalistischen Sektor Löhne gezahlt werden, die nicht einmal für die dauerhafte Reproduktion der Arbeitskraft reichen, weil die Subsistenzwirtschaft dafür sorgt, dass Grundbedürfnisse befriedigt werden. In diesem Sinne subventioniert die Subsistenzproduktion die kapitalistische Produktion. In der Weltsystemtheorie wurde argumentiert, dass hinsichtlich der Kombination unterschiedlicher Einkommensarten nicht das Individuum, sondern der Haushalt die zentrale Analyseeinheit sein sollte: Da die Haushaltsmitglieder ihre Beiträge kombinieren, entscheiden sich ihre Lebensumstände erst auf der Ebene ihres Zusammenlebens. Immanuel Wallerstein hebt hervor, dass für die meisten Haushalte der Welt das Einkommen aus Lohnarbeit nur eine untergeordnete Rolle in der Überlebenssicherung spielt. Andere Einkommensformen und nichtbezahlte Arbeit machen den größeren Teil aus. Die Haushalte tragen somit die Last struktureller Abhängigkeiten. Allerdings liegt bei Wallersteins Konzept des »Income pooling« der analytische Schwerpunkt auf den Geldeinkommen. Um dieser Verzerrung entgegenzuwirken und unbezahlte Arbeit sichtbarer zu machen, wurde vorgeschlagen, statt dessen von »Resource pooling« zu sprechen. Das analytische Potential, die Verflechtung verschiedener Produktionsweisen und Arbeitsformen zu denken, wurde von den Dependenztheorien jedoch längst nicht ausgeschöpft. Insbesondere feministische Autorinnen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Verflechtung zwischen kapitalistischem Sektor und der »häuslichen Produktionsweise« weibliche Arbeit ausbeutbar und zugleich unsichtbar macht.

Abhängigkeiten bilden sich zwischen Haushalten in unterschiedlichen Ländern und Regionen heraus. Die Anzahl der Mittel- und Oberschichtshaushalte, in denen Angestellte Haushaltstätigkeiten verrichten, ist nicht nur in der westlichen Welt seit Beginn des 21. Jahrhunderts stark gestiegen. Die ILO beziffert sie 2013 auf mindestens 53 Millionen. Transnationale Migrantinnen übernehmen die Betreuung und Versorgung von Kindern und alten Menschen im Ausland und hinterlassen damit eine Versorgungslücke in ihrer Familie, die dann meist von weiblichen Familienmitgliedern oder einer Migrantin aus einem noch ärmeren Land gefüllt wird. Dieses Phänomen wird mit dem Begriff »Care chains« beziehungsweise »globale Sorgeketten« beschrieben. »Der global zu verzeichnende Trend (…) lässt sich nicht mehr auf eine Wanderungsbewegungsrichtung – vom ›Globalen Süden‹ in den (post)industriellen Norden – reduzieren, sondern das Phänomen umfasst eine Vielzahl von sowohl innerstaatlichen als auch grenzüberschreitenden Migrationen: Süd-Süd-Migrationen in Asien, Afrika oder Lateinamerika ebenso wie Ost-West-/Ost-Ost-Migrationen in Europa.«⁶

Die Gemeinsamkeit liegt darin, dass sich Menschen aus strukturschwachen, relativ armen Ländern in einem weltweiten Arbeitsmarkt kommodifizierter Haus- und Pflegearbeit bewegen und dabei in der Regel weit unter dem jeweiligen nationalen Lohnniveau entlohnt werden, zugleich aber über dem Lohnniveau in ihrem Herkunftsland. Die transnationalen Sorgeketten bilden ein neues Element der Abhängigkeit von Haushalten im Globalen Süden und zeigen eindrücklich, dass Abhängigkeiten nicht nur zwischen einzelnen Nationalstaaten bestehen, sondern auch zwischen transnational verflochtenen Haushalten. Zudem machen Rücküberweisungen in einem Land wie El Salvador rund 20 Prozent und in den Philippinen mehr als zehn Prozent des BIP aus. So sind Haushalte im Globalen Süden in besonderem Maße von globalen Kapitalkreisläufen abhängig. Diese Abhängigkeit ist zunehmend durch Prekarisierung, Informalität und die Untergrabung des Subsistenzbereichs durch »Akkumulation durch Enteignung« gekennzeichnet.

Ungleicher ökologischer Tausch

Auch wenn es einigen Ländern Ostasiens gelang, den Weg einer exportorientierten Industrialisierung zu gehen, weist die internationale Arbeitsteilung nach wie vor eine starke Kontinuität zu der während der Kolonialzeit auf. Die Fokussierung ehemaliger Kolonien auf den Export von nicht oder geringfügig verarbeiteten Rohstoffen wird als Extraktivismus bezeichnet. Dabei werden die Ressourcen in großen Mengen und/oder hoher Intensität angeeignet und überwiegend exportiert. Bedingt durch hohe Rohstoffpreise wurde diese Tendenz auch zu Beginn der 2000er Jahre nochmals verschärft, was in Lateinamerika unter konservativen ebenso wie unter progressiven Regierungen eine »Reprimarisierung« zur Folge hatte. Die Ausrichtung der nationalen Ökonomien auf den Export von Primärgütern ist gleichzeitig Produkt und Ursache der Abhängigkeit. Die große Mehrzahl der Versuche, sich von der Position in der internationalen Arbeitsteilung und somit dem Fokus auf den Rohstoffabbau und -export zu befreien, ist fehlgeschlagen und hat langfristig auch unter progressiven Regierungen nicht zur Erweiterung der Autonomie geführt. Darüber hinaus führte der Aufstieg Chinas auf dem lateinamerikanischen und afrikanischen Kontinent lediglich zu einer Verschiebung der Abhängigkeitsbeziehung. 2015 bestanden 84 Prozent der Exporte Lateinamerikas nach China aus Rohstoffen.

Die Nachfrage der Zentrumsländer nach Rohstoffen wächst stetig, was zu einer weiteren Polarisierung im Verbrauch und im Zugang zu Ressourcen führt. Während die Extraktion von Rohstoffen weltweit steigt, hat diese beispielsweise in Deutschland, England, Portugal oder Frankreich in den letzten Jahrzehnten eine stagnierende oder teilweise sogar rückläufige Tendenz. In deutlichem Kontrast dazu nimmt sie in Ländern des Globalen Südens rasant zu, weshalb diese einen hohen Nettoabfluss von Ressourcen aufweisen.

Oberflächlich betrachtet könnte der ungleiche Ressourcenverbrauch zur Annahme verleiten, dass die rohstoffimportierenden Länder des globalen Zentrums von Ländern mit extraktivistischen Ökonomien abhängen. Doch aufgrund ökonomischer und politisch-militärischer Machtasymmetrien gestaltet sich die Abhängigkeit weitestgehend umgekehrt. In der Regel haben die rohstoffabbauenden Länder gegenüber den Abnehmerländern und den transnationalen Konzernen wenig Einfluss auf die Bedingungen des gemeinsamen Handels. Extraktivistische Ökonomien sind extrem abhängig und verwundbar gegenüber den Preis- und Nachfrageschwankungen auf internationalen Märkten, wodurch nach wie vor eine »Unterordnung dieser Länder unter die Industrienationen Nordamerikas, Europas und Ostasiens«⁷ bedingt wird. So hat auch der Verfall der Rohstoffpreise im Jahr 2014 die extreme Abhängigkeit der lateinamerikanischen Ökonomien und deren Verwundbarkeit gegenüber Preisschwankungen deutlich gemacht. Daraufhin wurden noch mehr Rohstoffe exportiert, was letztendlich zu einem »verarmenden Wachstum«⁸ und der Zuspitzung der bestehenden Abhängigkeit geführt hat. Diese Abhängigkeit impliziert ein internes Klassenverhältnis. Lateinamerika ist heute die Region mit der weltweit höchsten Landkonzentration, wobei ein Prozent der größten Landbesitzer 50 Prozent der produktiven Böden besitzt. In Kolumbien etwa teilen 0,4 Prozent der Landbesitzer 67 Prozent der Landflächen unter sich auf.

Mit der Inklusion von stofflichen Zusammenhängen kommen spezifisch ökologische Faktoren in den Blick, die zukünftige Entwicklung zusätzlich erschweren und bestehende Ungleichheiten perpetuieren. In stofflicher Hinsicht bedeutet Extraktivismus den Verlust wichtiger natürlicher Ressourcen, während die teilweise (gesundheits-)schädlichen Überreste der Extraktion nicht nur die lokalen Produktionsweisen und Lebensgrundlagen der Bevölkerung, sondern auch die Grundlagen der nationalen Ökonomie gefährden. So werden etwa Wasser, Holz, Früchte oder Getreide exportiert, während erodierte, nährstoffarme und pestizidbelastete Böden sowie übernutzte Wasserquellen zurückbleiben.

Die deutsche Rohstoffpolitik

Die Abhängigkeit der Länder des Globalen Südens wird dabei auch durch die deutsche Rohstoffpolitik aktiv aufrechterhalten. Dies geschieht unter anderem durch Investitionsanreize in den rohstoffexportierenden Ländern oder durch internationale (Handels-)Abkommen, die die Flexibilisierung von Arbeits- und Umweltregulierungen in diesen Ländern zur Folge haben. Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gehört Deutschland heute zu den weltweit größten Rohstoffkonsumenten und ist in hohem Maße von Importen abhängig. Dies betrifft insbesondere die sogenannten Zukunftstechnologien mit Schwerpunkt auf Elektromobilität, Leichtbau und erneuerbare Energieträger sowie die Unmöglichkeit, ohne mineralische Rohstoffe in dieser Richtung voranzukommen. Deren Zufuhr abzusichern sei besonders wichtig, denn »der Zugang zu den Metallrohstoffen auf den globalen Rohstoffmärkten [wird] tendenziell schwieriger. So gehen immer größere Anteile des Rohstoffangebots bei vielen Rohstoffen auf immer weniger Unternehmen und Länder zurück.«⁹

Um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie dennoch zu gewährleisten, unterstützt die Bundesregierung aktiv die Rohstoffversorgung der Unternehmen. Dazu nutzt die Bundesrepublik neben internationalen Abkommen auch »Rohstoffpartnerschaften« und »Kompetenzzentren für Bergbau und Rohstoffe« unter anderem in Brasilien, Chile, Peru und Südafrika. Hierfür haben sich die Deutsche Rohstoffagentur der Bundesanstalt für Geologie und Rohstoffe, der Germany Trade and Invest und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag zum »Netzwerk Rohstoffe« zusammengeschlossen. Dieses Netzwerk kümmert sich explizit und aktiv um das Wohlergehen von Bergbauunternehmen im Ausland, ermöglicht ihnen schnellen Zugang zu Informationen der lokalen Märkte sowie direkte Kontakte in den Ländern.

Chile ist eines dieser Länder: »Die deutsche Automobilindustrie ist bei Kupfer zu 100 Prozent von Importen abhängig. Chile ist mit großem Abstand das wichtigste Förderland und verantwortlich für die Bereitstellung von rund einem Drittel des weltweiten Bedarfs«.¹⁰ Ein Auto braucht laut dieses Berichts derzeit 25 Kilogramm Kupfer, bei Elektroautos soll es aber zu einem erheblichen Anstieg kommen. Zusammengerechnet mit der steigenden Nachfrage im Automobilsektor wird der Anstieg des Branchenbedarfs bis 2030 auf das 2,6-fache geschätzt. Entsprechend wird der Ausbau des chilenischen Bergbausektors weiterhin vorangetrieben. Allein die Kupferproduktion soll trotz der schwerwiegenden Folgen und der immer sichtbarer werdenden sozialen und ökologischen Grenzen des chilenischen Bergbaus zwischen 2018 und 2029 um 28,3 Prozent auf eine jährliche Produktion von 7,06 Millionen Tonnen ansteigen.

Der Zugang zu Rohstoffen wird auch in Zukunft umkämpft sein. 75 Prozent der Vorkommen von Lithium beispielsweise – einer der Schlüsselrohstoffe des 21. Jahrhunderts – befinden sich in Bolivien und knapp 70 Prozent davon werden von chinesischen Unternehmen kontrolliert. Im Beisein der bolivianischen Außen- und Energieminister sowie des Bundeswirtschaftsministers Peter Altmaier wurde 2018 der Plan für die Gründung einer deutsch-bolivianischen Gemeinschaftsfirma unterzeichnet. Dadurch sollte der Abbau der vermutlich größten Lithium-Vorkommen weltweit für Deutschland gesichert werden. Dieses großangelegte Projekt wurde allerdings Anfang November 2019 von der bolivianischen Regierung per Dekret gestoppt. Einer der Gründe waren die anhaltenden Proteste gegen das Projekt sowie der Vorwurf, die bolivianische Regierung würde die nationalen Bodenschätze an internationale Firmen verscherbeln. Wolfgang Schmutz, der Chef des beteiligten Unternehmens ACI Systems, erklärte daraufhin in einem Interview mit dem Spiegel vom 6. November 2019: »Wir geben dieses Projekt nicht einfach auf« und fügte an: »Dazu brauchen wir auch die Unterstützung der Politik«.

Wenn ein Land versucht, sich von seiner Rolle in der internationalen Arbeitsteilung zu lösen und so die Rohstoffsicherheit der Zentren gefährdet, ist selbst eine direkte Intervention nicht auszuschließen. So spricht Evo Morales, der Anfang November 2019 zum Rücktritt und anschließend zur Flucht aus Bolivien gezwungen wurde, von einem »Lithiumputsch« und schreibt den USA dabei eine wichtige Rolle zu. Laut ihm haben die Probleme angefangen, nachdem durch eine öffentliche Ausschreibung deutsche und chinesische Unternehmen für die gemeinsame Lithiumgewinnung ausgewählt wurden. Die USA seien dadurch von der großen Ausbeutung des Lithiums ausgeschlossen worden.¹¹

Anmerkungen

1 Theotonio Dos Santos: The structure of Dependence. In: The American Economic Review 60/2, 1970, S. 231–236

2 Alain Lipietz: Nach dem Ende des »Goldenen Zeitalters«. Regulation und Transformation kapitalistischer Gesellschaften. Hamburg 1998, S. 131 ff. Und S. 136 ff.

3 Ruy Mauro Marini: Die Dialektik der Abhängigkeit. In: Senghaas, Dieter (Hg.): Peripherer Kapitalismus. Analysen über Abhängigkeit und Unterentwicklung. Frankfurt/M. 1974, S. 98–136

4 John Smith: Imperialism in the Twenty-First Century: Globalization, Super-Exploitation, and Capitalisms Final Crisis. New York. 2016, S. 252 ff.

5 ebd., S. 12 f.

6 Helma Lutz: Fallstudie: Global Care Chains. In: Karin Fischer Karin u. a. (Hg.): Handbuch Entwicklungsforschung. Wiesbaden 2016. S. 261–266, hier S. 263

7 Gudynas, Eduardo: Extraktivismen. Erscheinungsformen und Nebenwirkungen. In: Martín Ramírez und Stefan Schmalz (Hg.): Extraktivismus. Lateinamerika nach dem Ende des Rohstoffbooms. München 2019, S. 19–38, hier S. 32

8 Alberto Acosta: Las dependencias del extractivismo. Aporte para un debate incompleto. In: Actuel Marx, 20/1, 2016, S. 123—154

9 »Rohstoffe – unverzichtbar für den Zukunftsstandort Deutschland«, http://www.bmwi.de (17.12.2019)

10 Friedel Hütz-Adams: Nachhaltige Rohstoffe für den deutschen Automobilsektor. Herausforderungen und Lösungswege. URL: http://www.globalnature.org/bausteine.net/f/8044/NachhaltigeRohstoffefuerdendeutschenAutomobilsektor-finaleStudie.pdf Zugriff: 10.12.2019

11 »Evo Morales denuncia que se marchó por un golpe por el ›usufructo del litio‹«, http://www.elperiodico.com (17.12.2019) sowie »Detrás del Golpe: la industrialización del litio en Bolivia«, http://www.clacso.org (o.J.)

Prokla 198: Globale Stoffströme und internationale Arbeitsteilung, 192 Seiten, 15 Euro, Bertz und Fischer Verlag

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