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Aus: Ausgabe vom 11.03.2020, Seite 12 / Thema
Wahn und Gesellschaft

Narziss und Nazis

Die Lüge vom gestörten Einzeltäter und das Schweigen über die gesellschaftlichen Ursachen des Hasses. Zu den Taten von Hanau und Volkmarsen und dem »Faschismusbedarf« der Herrschenden
Von Götz Eisenberg
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Wahn und Wirklichkeit. Krisen sind sozialpathologische Situationen, in denen der Angst- und Panikpegel steigt und Massen von Menschen auf einfachere Mechanismen der psychischen Regulation regredieren. Die Stunde der Psychopathen und der Faschisten schlägt (wie Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre in Deutschland)

Die Halbwertszeit der Betroffenheit nach dem rassistischen Massaker von Hanau war erstaunlich kurz. Schon nach zehn Tagen hatte das Coronavirus die Tat des Tobias Rathjen aus den Schlagzeilen und Nachrichtensendungen verdrängt. Und die skandalöse Kollaboration von CDU und FDP mit der AfD in Thüringen gleich mit. Den politisch Verantwortlichen blieb es auf diese Weise erspart, aus ihren Lippenbekenntnissen unmittelbar nach der Tat Konsequenzen ziehen zu müssen. Für einen Augenblick konnte man den Eindruck gewinnen, als wäre die Dringlichkeit eines entschiedenen Vorgehens gegen die Gewalt von rechts ins Bewusstsein gedrungen und als würde die ewige Gleichsetzung von rechter und linker Gewalt ein Ende finden. Bis dahin war nach solchen Ereignissen zu beobachten, wie Politiker sich vor den Kameras wanden und darauf hinwiesen, man müsse dem Terror von links und rechts Einhalt gebieten, fast immer in dieser Reihenfolge und immer, ohne der einen Hälfte der Ankündigung irgendwelche konkreten Maßnahmen folgen zu lassen. Nach den rechten Morden von Kassel, Halle und Hanau war einfach nicht mehr zu übersehen, dass die Bundesrepublik ein drastisches Problem mit dem Rechtsradikalismus und der von ihm ausgehenden Gewalt hat. Wichtige Debatten wurden begonnen, zum Beispiel darüber, welche Mitverantwortung Politiker und Politikerinnen tragen, die jahrelang vom »großen Austausch«, von »Umvolkung« und »Überfremdung« redeten. Wer wie Alice Weidel im Mai 2018 im Bundestag von »Burkas, Kopftuchmädchen, alimentierten Messermännern und sonstigen Taugenichtsen« spricht, nimmt in Kauf, dass Menschen, die auf der Suche nach einer Adresse für ihren diffusen Hass sind, sich an Migranten schadlos halten. Es gilt immer noch, was der Schriftsteller Bodo Morshäuser Anfang der 1990er Jahre anlässlich der damaligen Pogrome von Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen geschrieben hat: »Wenn der Schlips vor Scheinwerfern ›Ausländerbegrenzung‹ fordert, löst der Stiefel sie in der Dunkelheit ein. Dass aus Wörtern Taten geworden sind, will der Schlips danach nicht mit sich selbst in Zusammenhang gebracht wissen.« Die Betroffenheit, die Leute wie Innenminister Horst Seehofer und Hessens Ministerpräsident Bouffier nach dem Massaker von Hanau geäußert haben, ist verlogen, weil beide tief verstrickt sind. Seehofer hat vor nicht allzu langer Zeit die Migration »zur Mutter aller Probleme« erklärt, und Bouffier hat die Aufklärung des Kasseler NSU-Mordes und die Verstrickung des Verfassungsschutzes in diesen Mord nach Kräften behindert. Beide sind Teil des Problems und können zu seiner Lösung infolgedessen schwerlich beitragen. Gerade noch rechtzeitig tauchte das Virus auf und kam den bedrängten Politikern zu Hilfe. Plötzlich ist es wichtiger, den Nachschub an Mundschutzmasken und Toilettenpapier zu organisieren, als die rechtsradikale Epidemie einzudämmen. Das Virus kennt keine Differenzierung zwischen rechts und links, und die Bevölkerung schließt sich im Kampf gegen den neuartigen Krankheitserreger als eine Gemeinschaft von Bedrohten zusammen. Ein großes panikinduziertes Wir entsteht über der zerrissenen Gesellschaft.

Das Massaker von Hanau

In Hanau hat am 19. Februar 2020 der 43jährige Tobias Rathjen ein Massaker in zwei Shisha-Bars angerichtet. Anschließend erschoss er seine 72jährige Mutter und sich selbst. In den beiden Shisha-Bars starben neun Menschen, alle mit einem sogenannten Migrationshintergrund. Nachdem die Ermittlungsbehörden in den Tagen zuvor ein rechtes Netzwerk ausgehoben und zwölf Leute aus diesem Milieu verhaftet hatten, transportierte das Verbrechen von Hanau auch die Botschaft: »Seht her, wir werden zur Tat schreiten und den Bürgerkrieg tatsächlich beginnen!« Tobias Rathjen hat eine Art Manifest hinterlassen, in dem unter anderem davon die Rede ist, dass bestimmte Völker vernichtet werden müssten, deren Ausweisung aus Deutschland nicht mehr zu schaffen sei. Dazwischen immer wieder wirre Aussagen über Geheimorganisationen und Versatzstücke von Verschwörungstheorien. R. fühlte sich verfolgt und seit seiner frühen Kindheit beobachtet. Er verkörperte den Typus eines faschistischen Amokläufers, wie er nach meiner Erinnerung im Jahr 2011 in Gestalt des Norwegers Anders Behring Breivik zum ersten Mal in Erscheinung getreten war. Eine trübe Melange aus privaten und politisch-rassistischen Motiven gepaart mit einer Paranoia, bei der die anderen verfolgt werden, auf die der Täter zuvor projiziert hat, was er selber möchte. Nach einer Bemerkung von Adorno spielen die faschistischen Verfolger sich infolge dieser paranoiden Projektion auf, als wären sie die Verfolgten. Wie Breivik war auch Tobias Rathjen beruflich gescheitert und lebte wieder bei seiner Mutter. Beide sprechen in ihren Manifesten ausführlich über Frauen und begründen, warum sie bei ihnen keinen Erfolg haben konnten. Es existiert so etwas wie ein rechtsradikales »Krankheitsbild«, zu dem verschiedene »Symptome« gehören. So ist, wer gegen Juden und Ausländer wettert, in der Regel auch gegen Homosexuelle und für die Prügelstrafe, gegen Frauenrechte und Gleichberechtigung.

Eine »Resonanzstraftat«

Fünf Tage nach dem Massaker von Hanau steuerte der 29jährige Maurice P. im nordhessischen Volkmarsen einen silbergrauen Mercedes in den Rosenmontagszug. Dabei hat er 122 Menschen verletzt, darunter auch eine größere Anzahl von Kindern. Spektakuläre Taten wie die in Hanau ziehen in zeitlicher Nähe andere nach sich. »Resonanzstraftaten« nennen Kriminologen dieses Phänomen. Vage tatgestimmte und nach Anerkennung dürstende Leute werden durch ein durchgeführtes Verbrechen und vor allem seinen medialen Widerhall ermuntert, nun ihrerseits zur Tat zu schreiten. Wem es ernsthaft um Prävention zu tun ist, müsste man also dafür sorgen, dass die Berichterstattung über solche Massaker auf ein sachliches Minimum begrenzt wird. Vor allem dürften keine Bilder der Täter in Umlauf gesetzt werden, weil diese den bösartigen Narzissmus der potentiellen Täter auf besondere Weise stimulieren und sie zur Nachahmung animieren.

Der Mann in Volkmarsen wohnte mit seiner Großmutter zusammen. Er hatte wohl vor längerer Zeit eine Ausbildung zum Heizungsbauer begonnen. Das Ausbildungsverhältnis wurde nach einem halben Jahr beendet, weil er sich nach Aussagen seines damaligen Chefs »nichts sagen ließ«. Er galt als nicht sonderlich leistungsbereit, großspurig und kapriziös. Danach lebte er so in den Tag hinein. Man sagt ihm Kontakte ins Drogenmilieu nach, und er war wegen verschiedener kleinerer Delikte polizeibekannt. Eine Nachbarin gab nach der Tat zu Protokoll: »Ich habe ihn heute wegfahren sehen, er sah aus, als stünde er unter Drogen und sagte, ›bald stehe ich in der Zeitung‹.« Offensichtlich haben wir es hier mit einem anderen Tätertyp als in Hanau zu tun. Es gibt bei Maurice P. keine Hinweise auf eine rechtsradikale Gesinnung oder auf sonstige politische Motive. Er hockte im Fachwerkhaus seiner Großmutter und verfolgte das Geschehen in Hanau. Er registrierte, dass Tobias Rathjen tagelang in den Medien präsent war. Er beschloss, nun seinerseits eine spektakuläre Tat zu begehen, um aus der Bedeutungslosigkeit seiner Existenz herauszutreten. All das muss im Konjunktiv formuliert werden: Es könnte sich also um einen Fall von Narzissmus und »Aufmerksamkeitsterror« handeln, wie der Journalist Florian Rötzer es genannt hat. Da er nicht über Schusswaffen verfügte, beschloss P., sein Auto als Waffe zu benutzen. In der Folge von Nizza, wo im Jahr 2016 am französischen Nationalfeiertag ein Mann mit einem Lkw in die Menge der Feiernden raste und 86 Menschen tötete, hat sich der Amok mittels Automobil als neues »Modell des Fehlverhaltens« etabliert. Darunter versteht der französische Ethnologe Georges Devereux »Inszenierungsschablonen«, die zeigen, wie man es machen kann, wenn man denn glaubt, es machen zu müssen.

Maurice P. hat seine Amokfahrt überlebt und wird sich in absehbarer Zeit vor Gericht zu verantworten haben. Ob er die Gründe für seine Tat nennen kann, darf man bezweifeln. Es wird wahrscheinlich so kommen, wie es der Arzt Franz Alexander und der Anwalt Hugo Staub bereits in den 1920er Jahren beschrieben haben. Ein Angeklagter hatte auf die Frage des Richters nach seinen Motiven geantwortet: »Ich weiß es nicht«. Alexander und Staub kommentierten: »Dieses einzige wahre Wort, das bei der Gerichtsverhandlung gefallen ist, glaubt kein Mensch.«

Der »psychisch gestörte Einzeltäter«

Nach Hanau beruhigten sich viele Kommentatoren mit dem Hinweis, Tobias Rathjen sei psychisch gestört gewesen. Schützenhilfe erhielten sie von Psychiatern, die in Talkshows schnell mit entsprechenden Ferndiagnosen bei der Hand waren. Die wirren und teilweise bizarren Gedanken, die R. auf verschiedenen Plattformen geäußert hatte, erleichterten es, aus einem Faschisten einen »psychisch gestörten Einzeltäter« zu machen. Im offiziellen Diskurs hat man sich seit einigen Jahren auf diese Sprachregelung geeinigt. Man unterscheidet zwei Tätertypen: den »psychisch gestörten Einzeltäter« und den »religiös oder politisch motivierten Terroristen«. Warum hat sich diese Kategorisierung durchgesetzt? In beiden Fällen kann die Gesellschaft, der der Täter entstammt und deren Produkt er ist, sich von Verantwortung freisprechen und sagen: Der Mann ist wahnsinnig oder er handelt im Auftrag des IS, der zeitgenössischen Inkarnation des »Bösen«, oder einer rechten »Terrorzelle«, die kaum weniger »böse« ist.

Um die Spuren zu verwischen, die von der AfD zu Tätern wie Tobias Rathjen führen, ließ Jörg Meuthen, einer der beiden AfD-Bundessprecher, am Tag nach dem Massaker verlauten: »Was dort geschah, ist weder rechter noch linker Terror, es ist die wahnhafte Tat eines offenkundig Irren, der in einer Wahnwelt lebte.« Alle zeigten sich tief beeindruckt von Frau Merkels Rede, in der vom »Gift des Hasses und des Rassismus« die Rede war, das in unsere Gesellschaft eingedrungen sei. Dabei sagt und vor allem erklärt das gar nichts. Wo kommt der Hass her? Was ist überhaupt Hass? Wie und warum verbreitet sich Hass in einer Gesellschaft? Merkel und viele andere scheinen anzunehmen, dass er sich verbreitet wie das Coronavirus. Nur dass in diesem Fall kein Händewaschen und keine Masken helfen, sondern die Beschwörung »unserer gemeinsamen Werte«. Was immer das sein soll. Kurzum: Über die gesellschaftlichen Wurzeln des Hasses wird nicht gesprochen. Wie auch? Man müsste dann ja über die im Namen des Neoliberalismus betriebene Demontage des Sozialstaats, die unerbittliche Konkurrenz und über Ängste reden, die um sich greifen. Und über die grassierende Einsamkeit, die voller Gefahren und Unwägbarkeiten steckt. Die Täter, die wir betrachten wie Wesen von einem fremden Stern, erschienen plötzlich als das, was sie sind: als Ensemble ihrer und unserer gesellschaftlichen Verhältnisse.

Hitler in Pasewalk

Die These, Täter wie Tobias Rathjen seien psychisch gestört, ist noch aus einem anderen Grund nicht wirklich beruhigend. Salopp gesagt: Auch Adolf Hitler war seit dem Ende des Ersten Weltkrieges ein Verrückter und redete und schrieb wirres Zeug. Er war in den letzten Kriegstagen wegen einer Erblindung in das Lazarett in Pasewalk in Vorpommern eingeliefert worden. Dort führte er Gespräche mit einem Arzt, der später Professor für Psychiatrie an der Universität Greifswald wurde. Da dieser vorhatte, eine wissenschaftliche Arbeit über Kriegspsychosen zu schreiben, fertige er von seinen Gesprächen mit den Patienten Notizen an. So auch von seinen Begegnungen mit Hitler. Laut dieser Protokolle soll Hitler gesagt haben, er habe nicht »für Habsburg fechten« wollen und sei deshalb in den Dienst der Deutschen getreten. Das »neue Deutschland von 70/71 sei groß und hart, das alte Österreich von 1866 aber weich und morsch. Der Judt habe alles vergiftet, niemand anders, wie er auch Galizien vergiftet und ›ratzekahl‹ gefressen habe. Er kam immer wieder auf die Juden zurück. Sie seien die schwarze Rasse im eigentlichen Sinn, die Todfeinde der Deutschen als der weißen Rasse. (…) Der eine müsse leben, der andere zugrunde gehen«. Der Arzt trug ins Krankenblatt ein, Hitler sei »ein Psychopath mit hysterischen Zügen« und für eine weitere militärische Laufbahn ungeeignet. Edmund Forster, so hieß der Arzt, hatte nämlich herausgefunden, dass Hitlers Blindheit keineswegs die Folge eines englischen Gasangriffs war, sondern dass es sich um hysterische Blindheit handelte. Er wollte gewissermaßen nicht sehen und wahrhaben, was um ihn herum geschah. Er hatte ihn hypnotisiert und unter der Hypnose war die Blindheit verschwunden. Er galt der damaligen Psychiatrie als »Simulant« und »Drückeberger«, was den Psychiater berechtigte, ihm das Etikett Psychopath aufzudrücken.

Sigmund Freud charakterisierte diese Sorte von willfährigen Ärzten und Psychiatern als »Maschinengewehre hinter der Front«. Edmund Forster verpuppte sich im Laufe der 1920er Jahre zu einem liberalen Mann, der in seiner Klinik Reformen durchsetzte und sich um einen humanen Umgang mit den Patienten bemühte. Nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, schwante ihm, dass ihm der Besitz der Notizen und das Wissen um die wahren Hintergründe des Pasewalk-Aufenthalts des »Führers« zum Verhängnis werden könnten. Im Juli 1933 fuhr er nach Paris und suchte den emigrierten Prager Arzt und Schriftsteller Ernst Weiß auf. Er vertraute ihm die Gesprächsprotokolle an und fuhr über Umwege nach Deutschland zurück. Nachdem er mehrfach von den Universitätsbehörden vorgeladen und wegen angeblicher Sympathien für den Marxismus vernommen worden war, erschoss er sich am 11. September 1933 in seiner Wohnung. Ernst Weiß baute die Notizen in seinen Roman »Der Augenzeuge« ein, den er im Jahr 1938 schrieb. Nachdem die deutschen Truppen in Paris einmarschiert waren, nahm er sich am 15. Juni 1940 das Leben.

Graf und Hitler

Oskar Maria Graf hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg Befehle verweigert und war in ein Irrenhaus in der Nähe von München eingeliefert worden. Nach einem Hungerstreik entließ man ihn aus dem Heer, und er setzte in München sein Leben als Bohemien und Schriftsteller fort. In seinem autobiographischen Buch »Gelächter von außen« schildert er, wie er auf seinen nächtlichen Streifzügen gelegentlich einem gewissen Adolf Hitler begegnete, der inzwischen auch wieder in München gelandet war und haltlos umherstreunte. Dessen Welt war untergegangen, und er suchte, wie viele andere auch, nach Orientierung und Zugehörigkeit. Ende Februar 1919 wird der von einem präfaschistischen Studenten ermordete bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner zu Grabe getragen. Mehr als 100.000 Menschen nehmen am Trauerzug durch München teil. Auf einem Foto erkennt man mittendrin Adolf Hitler. Hitler trauert um den linken Juden Eisner? Ungefähr zu dieser Zeit erlebt Graf, wie Hitler eines Nachts bei einem Zusammentreffen in einem Atelier martialische, nationalistische Reden schwingt. »Wie kommt denn so ein Wotandeutscher zu uns«, erkundigt sich Graf. Ob jemand wisse, wer das sei. »Hitler heißt er, das Arschloch! Kunstmaler, sagt er, ist er«, erwidert einer der Anwesenden.

Man sieht, zu dieser Zeit war vieles noch in der Schwebe. Nicht mehr lange allerdings. Bei einer späteren Begegnung nervte Hitler Oskar Maria Graf mit Blut-und-Boden-Gerede und warnte vor einer »alljüdischen Weltverschwörung«. Er zeigte ihm Henry Fords Buch »Der internationale Jude« und fordert ihn auf: »Das müssen Sie lesen«. Irgendwann kam es zum Bruch zwischen Graf und Hitler. »Aber«, fährt Graf fort, »wir sahen einander sehr oft, wenn er in der nahen Schellingstraße ins Buchdruckhaus Müller ging, wo sich die Redaktion des Völkischen Beobachters befand. Jedes Mal fixierte er mich mit seinen bösartigen Augen, als überlegte er, was mit mir nach seiner Machtergreifung geschehen sollte.« Als es im Mai 1933 die Bücher der meisten linken und jüdischen Autoren auf dem Scheiterhaufen landeten, fühlte Graf sich übergangen und beschwerte sich in der Wiener Arbeiterzeitung: »Diese Unehre habe ich nicht verdient! Verbrennt mich!« Ein Jahr später verbrannte man bei einer eigens für ihn inszenierten Bücherverbrennung seine Werke im Innenhof der Münchner Universität.

Vom Inflationsheiligen zum »Führer«

Hitlers weiterer Weg ist bekannt. Der Putschversuch von 1923 scheiterte. Hitler wurde wegen Hochverrats verurteilt und musste ein paar Monate in Festungshaft verbringen. Er nutzte die Zeit im Landsberger Gefängnis, um mit der Niederschrift seines »Manifests« zu beginnen, das später unter dem Titel »Mein Kampf« erschien. Über weite Strecken ist es Ausdruck eines privaten Wahns und einer paranoid verzerrten Weltsicht.

Die Weimarer Republik fand nach dem Abflauen des revolutionären Zyklus der Jahre 1918 bis 1923 und nach überstandener Hyperinflation zu einer gewissen Stabilität und hatte ein paar leidlich gute Jahre. Die NSDAP war da eine mehr oder weniger skurrile Randerscheinung. Der »Faschismusbedarf« (W. F. Haug) der herrschenden Klassen hielt sich in Grenzen, noch war die parlamentarische Demokratie die dem Geldverdienen günstigste Staatsform. Die Sozialdemokratie hielt die Arbeiter zuverlässig bei der Stange. Das änderte sich erst im Zuge der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933. Zwischen Mai 1928 und Juli 1932 wuchs der Stimmenanteil der NSDAP von 2,6 auf 37,3 Prozent. Die Nachfrage der Bourgeoisie nach einer faschistischen Lösung stieg, Hitlers Stunde schlug. Die Krise und die mit ihr einhergehenden politischen Turbulenzen und seelischen Erschütterungen hatten den Boden bereitet, auf dem sich der private Wahn eines kleinen gescheiterten Kunstmalers vermassen konnte. Der Wahnsinn eines einzelnen wurde zum Wahnsinn einer ganzen Nation.

Die Stunde der Psychopathen

Von dem Psychiater Ernst Kretschmer stammt die Feststellung: »Die von Psychopathen in der Gesellschaft gespielte Rolle wird noch immer unterschätzt. In normalen Zeiten verbringen sie ihr Leben als Abenteurer, kleine Schwindler, Sektengründer u. ä., aber in unruhigen Zeiten schlägt ihre Stunde. Sie erlangen eine überwältigende Macht über die Massen. In kurzen Worten kann gesagt werden: In ruhigen Zeiten erforschen wir sie, in unruhigen Zeiten herrschen sie über uns.« Was heißt das? Der Faschismusbedarf der Herrschenden hat einen historischen Index. Erst wenn die kapitalistischen Besitz- und Verfügungsverhältnisse innerhalb der parlamentarischen Demokratie nicht mehr sicherzustellen sind oder wenn es dem formaldemokratischen System nicht mehr gelingt, die sozialen und politischen Bedingungen den Erfordernissen des kapitalistischen Verwertungsprozesses anzupassen, wächst ein systemimmanenter Faschismusbedarf. Noch zeigt man der AfD und anderen rechten Gruppierungen die kalte Schulter, weil das Kapital auf andere politische ­Konstellationen setzt. Zur Zeit favorisieren maßgebliche Kapitalfraktionen eher die Zusammenarbeit mit den Grünen, die den Weg aus dem fossilen Zeitalter in einen »grünen und multikulturellen Kapitalismus« bahnen sollen. Das Kapital agiert grenzüberschreitend, ist weltoffen und gendermäßig tolerant. Dem Geld ist es egal, ob jemand schwul, lesbisch oder divers ist, Hauptsache, es werden dem Betrieb neue verwertbare Ideen zugeführt. Diese politische Präferenz kann sich schnell ändern, wenn eines Tages Ausbruchsversuche der Massen aus ihrem konsumistisch vergoldeten Gefängnis drohen und die Eigentumsfrage gestellt wird. Dann wird sich der Kapitalismus auf politische Kräfte stützen, die die enttäuschten Massen faszinieren und einlullen und ihnen einen Sündenbock anbieten, gegen den sich ihr akkumulierter Hass entladen kann.

Das Versagen der Linken

Die Linke der späten 1920er Jahre hatte nichts als ihren unerschütterlichen Glauben an den »objektiven Gang der Geschichte« und hoffte auf »die Krise«. Als die dann eintrat, mussten die Kommunisten ohnmächtig miterleben, wie das zu Fußtruppen der Notwendigkeit degradierte Proletariat nicht zum Totengräber der bürgerlichen Gesellschaft wurde, sondern seiner jüdischen Nachbarn. Die Krise förderte nicht die Entwicklung des Klassenbewusstseins, sondern die Abdankung jeder Vernunft. Der kommunistische Psychoanalytiker Wilhelm Reich stellte in seinem Buch »Massenpsychologie des Faschismus« fest, dass sich zwischen objektiver Lage und Bewusstsein der Arbeiter eine »Schere« geöffnet hatte und ging den Gründen nach, warum die Massen in der Krise nach rechts gegangen waren. Er wurde prompt als Ketzer aus der KPD ausgeschlossen. (Siehe Andreas Peglau in jW vom 21.2.2020) Aber die Zweifel wuchsen. Im New Yorker Exil stellte Friedrich Pollock, ein Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung, fest: »In den Marxschen Begriffen stimmt etwas nicht.« Der rote Faden, den Hegel und Marx in die Geschichte eingezogen hatten, war gerissen. Spätestens seit Auschwitz ließ sich kein Zusammenhang zwischen Geschichte, Fortschritt und Vernunft mehr behaupten. Die Krise taugte nicht mehr als zentrales Vermittlungsglied zwischen Kritik der politischen Ökonomie und Klassenbewusstsein. Der Marxismus bedurfte einer Ergänzung durch eine historisch-materialistische Sozialpsychologie, weil, wie Max Horkheimer schrieb, »das Handeln numerisch bedeutender sozialer Schichten nicht durch die Erkenntnis, sondern durch eine das Bewusstsein verfälschende Triebmotorik bestimmt ist«. Auf welchen Wegen und Umwegen gelangt das Ökonomische in Kopf und Psyche, was geschieht, wenn die ökonomisch-soziale Krise die Innenausstattung der Subjekte erfasst? Krisen sind sozialpathologische Situationen, in denen der Angst- und Panikpegel steigt und Massen von Menschen auf einfachere Mechanismen der psychischen Regulation regredieren. Das Differenzierungsvermögen bildet sich zurück und weicht einem ausgeprägten Bedürfnis nach einfachen Erklärungen und übersichtlichen Freund-Feind-Verhältnissen. Wenn wir die von Reich, Fromm und anderen aufgeworfenen Fragen nicht endlich zu klären versuchen und weiter mit untauglichen Begriffen hantieren, werden wir in den vor uns liegenden krisenhaften Zeiten erneut unfähig sein, den Menschen eine überzeugende sozialistische Alternative zu präsentieren, die attraktiver ist als das, was Kapitalismus und Faschismus ihnen zu bieten haben.

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«, deren dritter Band unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski erschienen ist.

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