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Aus: Ausgabe vom 14.03.2020, Seite 8 / Ausland
Proteste in Brasilien

»Wir müssen auf der Straße mehr Druck machen«

Der Kampf gegen Rassismus ist die Grundlage des Kampfes gegen Jair Bolsonaro. Ein Gespräch mit Rosa Anacleto
Interview: Jorge Lopes
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Frauenprotest gegen Jair Bolsonaro am vergangenen Sonntag in São Paulo

Trotz des ungewöhnlich schlechten Wetters demonstrierten am vergangenen Sonntag Zigtausende Frauen und Männer gegen die Politik des faschistischen Präsidenten Jair Bolsonaro. War der Frauenkampftag in Brasilien ein Erfolg?

Diese Frage möchte ich gerne mit meiner persönlichen Empfindung beantworten. Ich habe die gesamte Demonstration an der Rua Augusta an mir vorbeiziehen lassen, und ich war zu Tränen gerührt. Es war einfach zu schön zu sehen, wie viele Frauen und Männer sich der Gefahr entgegenstellen, welche Bolsonaro für das Land bedeutet. Diese Demonstration war die zweitgrößte von Frauen geführte Demonstration seit dem Beginn der »Ele Não«-Bewegung im September 2018.

Der Block des »Marsches der schwarzen Frauen« war in diesem Jahr nicht so sichtbar wie im vergangenen Jahr, als er die Frauendemo anführte. Werden Ihre politischen Forderungen in der Bewegung weniger wichtig genommen?

Nein, in unserem Bündnis ist der Kampf gegen Rassismus als Grundlage unseres gemeinsamen Kampfes akzeptiert. Die Demo ist aufgrund des Starkregens zu Beginn etwas anders abgelaufen als geplant, aber wir haben in unseren Redebeiträgen deutlich gemacht, dass wir die rassistischen Morde an schwarzen Frauen wie Claudia Ferreia da Silva und Luana Barbosa nicht vergessen haben. Und der Kampf geht weiter: Am 14. März jährt sich der Mord an der linken schwarzen Stadtverordneten Marielle Franco aus Rio de Janeiro zum zweiten Mal. Hier geht die Mobilisierung weiter.

In diesem Monat wird es nach dem Frauenkampftag mit dem 14. März und dem Aktionstag am 18. März zwei weitere große Mobilisierungen gegen Bolsonaro geben. Welches ist für Sie das wichtigere Datum?

Als schwarze Feministin ist der 8. März für mich zentral, ohne dass die anderen Mobilisierungen jetzt weniger Bedeutung hätten. Ich sehe diese als Fortsetzung unserer Aktionen am Frauenkampftag. Am 18. März geht es vor allem um einen Bildungstreiktag, denn Bolsonaro zerstört unser Bildungssystem. Dahinter steckt auch ein rassistisches Projekt: Für die schwarze Jugend wurde der Zugang zum Bildungssystem über Quoten hart erkämpft, und nun müssen wir uns dafür zusammenschließen, dass diese wieder voll hergestellt werden.

Auch die reaktionären Kräfte haben den März zu einem Aktionsmonat erklärt. Für den 15. März mobilisieren die Anhänger von Bolsonaro zu großen Demonstrationen. Sehen Sie darin eine große Gefahr?

Es ist schon skandalös, wenn der Präsident eines Landes zu einer Demonstration aufruft, deren Anliegen die Abschaffung des Parlamentes ist. Ich nenne das einen Putsch. Es fällt mir schwer vorherzusagen, ob die Mobilisierung erfolgreich wird. Den Leuten müsste ja allmählich klar sein, dass Bolsonaro ein Feind des Volkes ist. Und falls er doch Leute auf die Straße bekommt, dann hoffe ich, dass sich eine Bewegung gegen ihn wendet wie es beim Präsidenten Fernando Collor de Melo gewesen ist.

Gibt es eine Strategie, mit der die Regierung Bolsonaros gestürzt werden könnte?

Ja, wir müssen auf der Straße immer mehr Druck machen und breite Bündnisse von unten schließen. Wenn wir zusammenstehen, dann können wir den schrecklichen Hass überwinden, den Bolsonaro und seine Anhänger wie Gift verspritzen. Wahlen werden am Ende helfen, ihn zu überwinden, aber die Grundlage dafür können und müssen wir heute durch Aktionen auf der Straße legen. Durch unsere Proteste werden wir das Projekt Bolsonaros zum Scheitern bringen!

Rosa Anacleto ist führendes Mitglied der Organisation »Marsch der schwarzen Frauen« in São Paulo und gehörte zum Vorbereitungskreis der Demonstration am 8. März unter dem Motto »Frauen gegen Bolsonaro«

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