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Aus: Ausgabe vom 13.03.2020, Seite 15 / Feminismus
Teilnahmerekord: Frauentag in Chile

Historischer Moment

Zwei Millionen bei Frauentagsdemonstration in Chiles Hauptstadt
Von Robert Kohl, Santiago de Chile
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Wehrhaft: Protestteilnehmerin in Santiago de Chile

Chile befindet sich im Ausnahmezustand, seit der soziale Aufstand in dem lateinamerikanischen Land am 18. Oktober 2019 begann. Jeden Tag finden überall unzählige Proteste statt, werden Barrikaden auf den Straßen errichtet oder U-Bahn-Stationen von Hunderten überrannt, ohne den Fahrpreis zu zahlen. Die Mobilisierung hatte zwischenzeitlich abgenommen – viele spekulierten aber wegen fehlender Reformen und Veränderungen durch die Regierung, dass der Unmut im März durch den Schul- und Semesterbeginn wieder zunehmen würde, denn schon im Oktober hatte vor allem die junge Generation den Protest initiiert.

Am 8. März erlebte Chile dann die wohl größte Demonstration seiner Geschichte. Rund zwei Millionen Menschen versammelten sich an der Plaza Italia im Zentrum der Hauptstadt, die von der Bewegung in »Platz der Würde« umbenannt worden war, um den Internationalen Frauenkampftag zu begehen. Das gesamte Stadtzentrum war bis in die Nacht hinein nicht zu passieren, und der Nahverkehr kam durch Überlastung oder gesperrte Straßen zum Erliegen. Trotz praller Sonne und mehr als dreißig Grad zog sich die Demonstration über mehrere Kilometer einige Stunden lang durch die Innenstadt. Im gesamten Land gab es weitere gutbesuchte Demonstrationen – wie etwa in Valparaíso, Concepción oder La Serena. Die Teilnehmenden forderten eine Stärkung der Rechte der Frauen, das Ende der rechtskonservativen Regierung und eine neue vom Volk geschriebene Verfassung.

Staatliche Repression hatte innerhalb der letzten Woche drei Demonstranten das Leben gekostet – und allein am vergangenen Freitag zu drei Augenverletzungen geführt. Immer öfter werden Journalisten, ärztliche Ersthelfer und Menschenrechtsbeobachter Opfer von Polizeigewalt. So wurde auf der Frauentagsdemo neben zahlreichen Demonstrierenden auch eine Gruppe von Ersthelfern von chilenischen »Carabineros« angegriffen. Die Polizei ging wie schon in den vergangenen Monaten mit Reiterstaffeln, Wasserwerfern und Tränengas gegen die Teilnehmenden vor und stoppte diese vor dem Präsidentenpalast.

Währenddessen machten sich die staatlichen Autoritäten selbst lächerlich. Präsident Sebastián Piñera erklärte anlässlich des Protests auf seinem Twitter-Account: » … wir bestätigen heute unsere Verpflichtung für ein Chile, in dem Frauen und Männer dieselben Rechte und Pflichten haben …«. Noch am Montag derselben Woche hatte er auf einer Pressekonferenz über sexuellen Missbrauch erklärt, es gehe »nicht nur um die Bereitschaft der Männer zum Missbrauch, sondern auch um die Position der Frauen, die missbraucht werden«.

Die chilenische Polizei zeigte zeitgleich eine enorme Zählschwäche, als sie die Zahl der Teilnehmenden auf gerade einmal 110.000 Menschen bezifferte. Noch am Abend korrigierten sie nach einer Welle des Spotts die Zahl auf 150.000 nach oben.

Die Situation der Frauen ist in Chile aber noch immer äußerst prekär. Während sich die rechtskonservative Regierung weigert, den Zugang zu Verhütungsmitteln zu erleichtern, geht auch das Gesetz zum Schwangerschaftsabbruch von 2017 vielen noch nicht weit genug. Es sieht den Abbruch der Schwangerschaft nur in den Ausnahmefällen der Vergewaltigung, der Lebensgefahr für die Mutter und für den Fall vor, dass der Fötus nicht lebensfähig wäre. Aus diesem Grund werden noch immer Zehntausende, vornehmlich Frauen aus der Arbeiterschaft, wegen Abtreibungen kriminalisiert.

Hinzu kommt sexuelle und häusliche Gewalt: Allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres kam es zu sechs Morden an Frauen durch ihren aktuellen oder früheren Partner und zu 19 versuchten Morden dieser Art. Seit Oktober vergangenen Jahres klagen zudem zahlreiche Menschenrechtsorganisationen systematische Vergewaltigungen und Missbrauch von Demonstrantinnen durch Polizei und Militär an. In den allermeisten Fällen bleibt der Täter für seine Verbrechen straffrei. Mit dieser Thematik befasst sich die weltweit bekanntgewordene Perfomance der feministischen Gruppe »Las Tesis« »Un violador en tu camino« – »Ein Vergewaltiger auf deinem Weg«, die am 8. März vor dem Präsidentenpalast gezeigt wurde.

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