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Aus: Ausgabe vom 13.03.2020, Seite 11 / Feuilleton
Leipziger Buchmesse

Herbst im Frühjahr

Ein Buchpreis, ein Preisleben: Ein kleiner Lobpreis Lutz Seilers
Von Stefan Gärtner
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Bleibt bei seinem Lebensleisten: Lutz Seiler

In die Falle soll man nicht tappen: sich über Buchpreise zu ärgern, nur weil sie kaum einmal mit Qualität zu tun haben. Also wollen wir uns freuen, dass Lutz Seiler für seinen neuesten DDR- oder Halb-DDR- oder jedenfalls Deutschland-Roman »Stern 111« wieder einen Preis bekommen hat, den Preis der Leipziger Buchmesse nämlich, was völlig in Ordnung geht, wie ein rascher »Blick ins Buch« beim Onlineversandhandel zeigt: »Draußen ein Meer sich überkreuzender Schienenstränge« – allein für diesen Satz, der die große weite (Meeres-)Welt mit der schrecklich engen von Leipzig und seinem verkommenen Bahnhof so metaphorisch stichhaltig verknüpft, ist ein Leipziger (sic!) Buchpreis geradezu zuwenig. Doch der Büchner-, ja sogar der Nobelpreis werden es beizeiten einrenken, denn ein Stilist von Minusgraden wie Lutz Seiler (»Ein paar Flüche kamen auf«) soll meinethalben alle Preise bekommen, die es gibt dafür, aus einem öden Lebensthema, ja -trauma (»DDR« ff.) noch viel ödere Prosa um das zu stricken, was uns (Deutsche) alle angeht, z. B. Mauer, Mauerfall, Berlin oder »die Geschichte einer Familie …, die der Herbst 89 sprengt und die nun versuchen muss, neu zueinander zu finden« (Verlagstext). Das wollen sie noch im Jahr 2500 lesen, wenn Berlin längst jene Wüste ist, die Lutz Seiler im Kopf …

Nein, das ist gemein. Literatur ist Markt, und lieber soll wer bei seinem Lebensleisten bleiben, als irgendwelchen Konjunkturen hinterherzuschreiben, »9/11«, Datenmissbrauch, derlei Quatsch. Es ist auch sicherer, denn »9/11«, damit war’s irgendwann vorbei (weiß noch wer, wer Katharina Hacker war?), das ist »durch« (Guido Knopp), aber der Herbst der Deutschen Demokratischen Republik und seine Sprengkraft fürs Familienleben, die sind ewig, aus Gründen, unter denen Literatur der wirklich allerletzte ist. Müsste Lutz Seiler mal sagen, wird er nicht sagen: dass er der DDR alles zu verdanken hat. Nämlich ein ganzes schönes Leben voller Preise, Preise für rein nichts.

Glückwunsch!

Die anderen beiden Preise der Leipziger Buchmesse erhielten:

– Bettina Hitzer: »Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts« (Sachbuch/Essayistik)

–Pieke Biermann: »Oreo« von Fran Ross (Übersetzung)

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