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Aus: Ausgabe vom 11.03.2020, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Der klare Rausch

»Eriopis – Medeas überlebende Tochter erzählt alles« und »Meister und Margarita« am Schauspiel Leipzig
Von Jakob Hayner
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Warten auf teuflische Gedanken: »Meister und Margarita« (Szenefoto)

Das Schauspiel Leipzig feierte am Wochenende zwei Premieren hintereinander. In der kleinen Spielstätte Diskothek wurde »Eriopis – Medeas überlebende Tochter erzählt alles« der jungen, in Helsinki geborenen Autorin E. L. Karhu uraufgeführt. Die finnische Hundeschlittenunternehmerin Medea bringt ihre Zwillingssöhne um. Ihre Tochter Eriopis, abwechselnd gespielt von Yuka Yanagihara und Julia Berke, bleibt zurück – allein in einem kahlen weißen Raum, erinnernd an die Galerieästhetik der 2010er Jahre. Der füllt sich später noch mit Plastikpflanzen und einem Flügel. An dem sitzt Michael Wilhelmi, der für die zwischen sanfter Repetition und heftiger Eruption changierende Musik verantwortlich zeichnet und zugleich den Vater Jason spielt, einen eitlen Geck, der sich in englischsprachigen Talkshows versichern lässt, dass jede Tragödie auch ihr Gutes habe. »Thank you for sharing.«

Doch auf solcherlei Therapiekitsch lässt sich Eriopis nicht ein. Regisseurin Anna-Sophie Mahler inszeniert das Stück als artifizielle Rekonstruktion eines Traumas – in Form einer musikalisch-installativen Meditation. Die Gewalt selbst bleibt undarstellbar. Und unaussprechlich, das Verstummen taucht als Abschneiden der Zunge in Träumen wieder auf. Annäherung erlauben die Spuren des Traumas, die Gegenstände, Töne, Gerüche, Bilder, Erinnerungen. Eine grobkörnige Handykamera wirft einander überlappende Bilder auf die Bühnenwände, alles verdoppelt und wiederholt sich. Und steht im Schatten der verlorenen Mutter, der Vater ist in der postödipalen Ordnung kein Ersatz. »Es ist so schwer, sich zu erinnern«, sagt Eriopis in ihrem selbstentfremdeten Monolog. Während Euripides in der antiken Tragödie auf Psychologie verzichtete, holt sie »Eriopis« als nahezu unmögliche Erzählung der Überlebenden wieder hinein. Der Regie gelingt eine überzeugende Übersetzung in künstlerische Bilder, allein das allzu plumpe Einbeziehen des Publikums unterläuft die ästhetische Stringenz und lässt einen auf unbefriedigende Weise befremdet zurück.

Claudia Bauer hat in ihrer Inszenierung von Michail Bulgakows »Meister und Margarita« mit dem Publikum zu Beginn auch etwas vor. Das Licht der Scheinwerfer strahlt in den Saal des Leipziger Schauspielhauses. Der wird zugleich durch die von Andreas Auerbach entworfene Bühne mit den holzgetäfelten Wänden und üppigen Kronleuchtern nach vorn verlängert. Wer spielt hier für wen? In einer Reihe mit Klappstühlen sitzen, in Braun- und Grautöne gekleidet, die Schauspieler und betrachten die Zuschauer. Einer macht sich auf einem kleinen Block Notizen. Dann springt der von Tilo Krügel gespielte Kritiker erregt auf und ruft: »Das glaub’ ich nicht!« Die Publikumdarsteller seien nicht überzeugend. Unrealistisch sei das, überhaupt nicht glaubhaft. Das soll ein Publikum sein? Niemals. Doch ist das nur ein müder Witz auf Kosten der Besucher? Im Gegenteil: Wir sind mitten in der Sache – sowohl in der des Romans von Bulgakow, in dem der Teufel Moskau einen Besuch abstattet. Nur glaubt ihm niemand, was aber eher zum Schaden derer ist, die seine Existenz bezweifeln. Aber auch in der Sache des Theaters. Denn die Spiele auf der Bühne, das Sichverstellen und der schöne Schein benötigen die Verabredung des Als-ob. Im Theater tun wir alle so, als glaubten wir das Gesehene. Obwohl wir wissen, dass es nur gespielt ist. Aber was heißt hier »nur«, wenn es doch um den Teufel, die Magie und die Kunst geht? Bauer gelingt mit »Meister und Margarita« ein grandioser Theaterabend. Und zwar, weil sie mit dem Roman etwas anzufangen weiß. Und weil sie den Stoff in Vorgänge auf der Bühne übersetzen kann. Und schließlich, weil sie einen dialektischen Gedanken mit Witz und Glamour präsentiert. Das alles kommt im Theater unserer Tage selten zusammen, und man darf »Meister und Margarita« als eine glückliche Ausnahme begreifen. Während sich allerorten Theatermacher erbittert miteinander kabbeln, wer noch wen oder was auf der Bühne spielen dürfe, zeigt Bauer, dass mit den Mitteln des Theaters alles möglich ist. Mehr noch: Sie zeigt, dass Angst und Abscheu vor dem Bösen oder auch der Magie im Theater am falschen Platz sind, wenn es um das Überschreiten der Grenzen der Wirklichkeit und das Erkunden ihrer Abgründe geht.

Den Spezialisten für schwarze Magie, Professor Woland, gibt Dirk Lange als rauchenden Dandy, der sich mit »Sympathy for the Devil« der Rolling Stones vorstellt. Bei seinem großen Auftritt im Moskauer Varieté wird ein Haufen Theatergeld geschreddert. Mit dem Philosophen Robert Pfaller fragt der mysteriöse Weltenreisende, wofür es sich zu leben lohnt. Nur für das liebe Geld? Und sonst immer hübsch alkohol-, rauch- und rauschfrei? In der Logik der Ökonomie und des Protestantismus erscheint Verschwendung als das wahre Böse. Doch ohne Verschwendung gibt es keinen Genuss und auch keine Kunst. »Sein oder Nichtsein, was für eine beschissene Frage!« lässt einen der Woland-Hamlet-Darsteller wissen. Weil es sich eben nicht ausschließt. So kann man Hamlet sein und ist es doch nicht, das ist die Magie des Spiels.

Seiendes Nichtsein als Wesen der Kunst und Garant ihrer Utopie, so könnte man es begreifen. Begleitet wird Woland unter anderem von einem schwarzen Kater, den man in der Darstellung von Roman Kanonik sicher nicht vergessen wird, des wundervollen Kostüms und der komischen Körperlichkeit wegen. Livekameras zeigen die Nebenhandlung zu Zeiten des römischen Weltreichs: Pontius Pilatus (Wenzel Banneyer) lässt den Prediger Jeschua (Julius Forster) hinrichten. Und dann gibt es noch den von Thomas Braungardt gespielten Meister, einen Schriftsteller im Irrenhaus, der von seiner Geliebten Margarita (Julia Preuß) errettet wird – durch einen Pakt mit dem Teufel. Die Musik, Elektropunk und Darkwave, spielen Christin Nichols und Paul Pötsch von der Band Prada Meinhoff ein. Coole Songs, rasante Szenenwechsel, mehr Collage als Handlung – und doch funktioniert der Abend, weil er zusammengehalten wird durch einen Gedanken, den er mitteilen will und kann. In knapp zweieinhalb Stunden zeigt die Inszenierung, was sie zugleich preist: einen klaren Rausch der Phantasie.

»Eriopis. Medeas überlebende Tochter erzählt alles« – nächste Vorstellungen: 19. und 27.3, 18.4.

»Meister und Margarita« – nächste Vorstellungen: 21.3., 18.4.

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