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Aus: Ausgabe vom 06.03.2020, Seite 8 / Ansichten

Gegen den Spaltpilz

Erdogan zu Gast in Moskau
Von Jörg Kronauer
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Zwei Dinge schienen klar zu sein, als Russlands Präsident Wladimir Putin und der Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, am gestrigen Nachmittag zusammenkamen, um über die Situation in Idlib und das weitere Vorgehen dort zu beraten. Zunächst: Nichts geht in Syrien ohne Russland. Erdogan hätte gerne Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei dem Treffen dabei gehabt. Putin jedoch wollte nicht, daher blieb es bei einem Zweiergipfel. Merkel und ihre Verteidigungsministerin hatten vorab die Einrichtung einer international kontrollierten »Sicherheitszone« in Idlib in die Debatte gebracht – aber auch diesbezüglich war völlig klar: Die Kontrolle über den syrischen Luftraum obliegt Moskau. Das letzte Wort hat demzufolge die russische Regierung. Das gilt übrigens auch für die Türkei: Seit vor einigen Tagen russische Einheiten in der zur Zeit strategisch wichtigen Stadt Sarakeb Position bezogen haben, greifen türkische Truppen dort nicht mehr an.

Der zweite Punkt: So unzufrieden Moskau und Ankara mit der jüngsten Entwicklung in Idlib auch sind – beiden Seiten ist ihre Zusammenarbeit sehr viel wert. Sie hat der westlichen Dominanz in Nah- und Mittelost einen schweren Schlag verpasst, was beiden Seiten neue Chancen eröffnet, und zwar auf lange Sicht. Das erklärt den Unmut in den herrschenden Kreisen des Westens über die russisch-türkische Kooperation. Es erklärt die hartnäckigen Bemühungen auch der Bundesregierung, einen Keil zwischen Moskau und Ankara zu treiben – und es erklärt, wieso Putin unmittelbar vor dem gestrigen Treffen feststellte, von entscheidender Bedeutung sei es, dass der Streit um Idlib »die russisch-türkischen Beziehungen nicht ruiniert« und dass »sich nichts dergleichen wiederholt«. Es erklärt auch, wieso Erdogan vorab prahlte, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern seien »auf dem Höhepunkt«: Man durfte das – so widerspruchsvoll diese Beziehungen auch sind – als Absage an die Versuche des Westens verstehen, das Bündnis zu spalten.

Ob es Putin und Erdogan gelingen würde, ausgehend von diesen beiden Prämissen einen Modus vivendi für Idlib zu finden, war bei jW-Redaktionsschluss noch nicht klar. Festhalten lässt sich freilich eines: Es waren Optionen denkbar, die erhebliche Auswirkungen auf die EU haben würden, ohne dass Brüssel oder Berlin sie kontrollieren könnten – etwa die Öffnung der syrisch-türkischen Grenze für die Flüchtlinge in Idlib, die dann in Richtung Europa ziehen. Für ein Land wie Deutschland, dessen Eliten noch vor wenigen Jahren selbstherrlich Pläne entwickeln ließen, wie Syrien unter westlicher Hegemonie wiederaufzubauen sei, und die nun hoffen müssen, dass ihre Interessen von Moskau und Ankara berücksichtigt werden, ist das ein bemerkenswerter Machtverlust: ein Zeichen des globalen Abstiegs des Westens.

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