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Aus: Ausgabe vom 05.03.2020, Seite 15 / Medien
La Pirenaica

»Fliegende« Frequenzen

Radiogeschichte(n). Spaniens KP attackierte Franco-Diktatur auch über Funk
Von André Scheer
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Gedenkkreuz für die Opfer der Franco-Diktatur auf dem Friedhof in Valdenoceda

Wir schreiben den 13. Juli 1977. In Madrid tagt zum ersten Mal das nach Jahrzehnten der Diktatur frei gewählte Parlament, dessen Aufgabe die Ausarbeitung einer neuen Verfassung ist. Im Plenarsaal sprechen die gerade erst aus dem Exil in der Sowjetunion zurückgekehrte Vorsitzende der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE), Dolores Ibárruri, und ihr Genosse, der Dichter Rafael Alberti. Doch die konstituierende Sitzung ist nicht nur im staatlichen Rundfunk zu hören, sondern auch über den Untergrundsender Radio España Independiente (REI, Radio Unabhängiges Spanien).

Die Station der PCE hatte ihren Betrieb am 22. Juli 1941 aufgenommen und seither jeden Tag gegen die Franco-Diktatur gefunkt. Man meldete sich mit dem Zusatz Estación Pirenaica, »Pyrenäensender«. Tatsächlich stand die Anlage jedoch nicht in dem Gebirge an der Grenze zwischen Spanien und Frankreich, sondern weit entfernt in Moskau. Die Sowjetunion befand sich bereits im Krieg gegen Nazideutschland, dessen Truppen im Monat zuvor das Land überfallen hatten und gefährlich nahe an Moskau herangerückt waren. Zeitweilig wurden deshalb auch die spanischen Kommunisten evakuiert und arbeiteten eine Zeitlang vom weiter östlich gelegenen Ufa aus.

Den Hörern wurde von der Verlegung nichts gesagt, denn La Pirenaica wollte den Eindruck erwecken, von spanischem Staatsgebiet aus zu arbeiten. Es wurde auch nichts dazu gesagt, als REI 1955 nach Rumänien umzog. Von da an befanden sich die Studios an der Soseaua Kiseleff, einer Hauptverkehrsstraße der Hauptstadt Bukarest.

Um den Störsendern der Diktatur zu entgehen, setzte man nicht nur auf moderne und starke Sendeanlagen, über die REI seit den 60er Jahren verfügte. Man funkte auch auf häufig wechselnden »fliegenden Frequenzen«, um dem »Jamming« auszuweichen.

Am besten zu hören gewesen sein soll REI in Burgos. Dort schnitten die Behörden der Diktatur die Programme eifrig mit, um hohe Funktionäre von Militär und Staat über die Pläne der Kommunisten auf dem laufenden zu halten. Doch aus Burgos kam in den 60er Jahren auch eine der spektakulärsten Sendungen von La Pirenaica: Politische Gefangene – häufig Mitglieder der illegalen PCE –, die in der Haftanstalt der Stadt interniert waren, produzierten hinter den Gefängnismauern unter Lebensgefahr eine eigene Sendung. Das Material wurde mittels Kassibern aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt und in Windeseile nach Bukarest übermittelt. So gab es auf REI jede Woche die »Antenne Burgos«, in der die Gefangenen von Übergriffen der Wärter, Folterungen und Morden berichteten. Die Tageszeitung Diario de Burgos berichtete 2014, dass in jener Zeit der damalige Gefängnisdirektor Ascanio Bercedo einem Inhaftierten gestanden habe, dass »das Radio« ihn noch »verrückt« mache: »Ich werde als Krimineller dargestellt, ich traue mich schon gar nicht mehr auf die Straße.«

Zu Wort kamen auf La Pirenaica auch bekannte Intellektuelle wie Rafael Alberti oder der katalanische Sänger Joan Manuel Serrat, aber auch Persönlichkeiten wie Angela Davis aus den USA und Mikis Theodorakis aus Griechenland. 1973 übertrug REI eine Grußbotschaft von Dolores Ibárruri an die in Berlin (DDR) stattfindenden Weltfestspiele der Jugend und Studenten.

Die letzte Sendung wurde am 14. Juli 1977 ausgestrahlt, einen Tag nach jener historischen Parlamentssitzung. Die PCE habe beschlossen, die Sendungen von Radio España Independiente »auszusetzen«, weil »die Aufgabe erfüllt« sei, erklärte der Sprecher. Man werde den Kampf im Rahmen der demokratischen Institutionen fortsetzen, verabschiedete sich der »Pyrenäensender« nach fast 36 Jahren.

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