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Aus: Ausgabe vom 28.02.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Konkurrenz um Vormacht im Pazifik

»Trittstufen« im Pazifik

Finanzminister der Salomonen erhält angeblich Milliardenkredit aus Beijing. Aufregung in Australien und den USA
Von Jörg Kronauer
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Der Premierminister der Salomonen, Manasseh Sogavare (l.), und sein chinesischer Amstkollege Li Keqiang (Beijing, 9.10.2019)

Der Deal klingt absurd. Einen Kredit von 100 Milliarden US-Dollar hat ein gewisser Terry Wong dem Finanzminister der Salomonen-Inseln, Harry Kuma, angeboten. Seit die Nachrichtenagentur Reuters die Sache in der vergangenen Woche öffentlich machte und darauf hinwies, dass Kuma tatsächlich über den Vorschlag in Verhandlungen getreten ist, herrscht helle Aufregung, nicht nur in dem südpazifischen Inselstaat östlich Papua-Neuguineas, sondern auch in Australien, das sich traditionell als Hegemonialmacht in der Region begreift. 100 Milliarden: Die Summe übersteigt die jährliche Wirtschaftsleistung der Salomonen, die sich zuletzt auf knapp 1,5 Milliarden US-Dollar belief, um das 66fache; wie sie in den vorgeschlagenen 20 Jahren zurückgezahlt werden soll, erschließt sich nicht. Und: Wong gibt an, sein Büro in Changping zu haben, einem nördlichen Stadtbezirk von Beijing. Treibt da womöglich, so insinuieren es westliche Medien, China ein kleines Land in eine seiner immer wieder heraufbeschworenen Schuldenfallen?

Die Volksrepublik entfaltet – das trifft zu – schon seit Jahren zunehmende wirtschaftliche und politische Aktivitäten im Pazifik. Das Motiv liegt vor allem in geostrategischen Erwägungen. Für die Vereinigten Staaten, Chinas großen Rivalen, sind die vielen kleinen Inseln im Pazifik unersetzliche »Trittstufen« auf dem Weg nach Asien: So hat es bereits der US-Admiral David Porter im Jahr 1887 beschrieben, als die USA zur Absicherung ihres Handelsweges nach Ostasien Militärstützpunkte zu errichten begannen, zuerst auf Hawaii, sodann auf einer der Samoa-Inseln. Beijing wiederum arbeitet systematisch daran, seinerseits stärkeren Einfluss auf die pazifische Inselwelt zu erhalten, um die Angriffsoptionen der Vereinigten Staaten zu reduzieren. In diesem Kontext hat Beijing die Regierung der Salomonen dazu bewegen können, im September 2019 ihre diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abzubrechen und Beziehungen zur Volksrepublik aufzunehmen. Strategisch war dies – auch, weil die Salomonen mit einer Gesamtfläche von in etwa derjenigen Brandenburgs zu den großen der pazifischen Inselgruppen zählen – für China ein Erfolg.

Seitdem ist die Aufregung vor allem in Australien, aber auch in den Vereinigten Staaten groß. Beijing hat den Salomonen als Gegenleistung für ihren außenpolitischen Schwenk Aufbauhilfe in Höhe von 500 Millionen US-Dollar zugesagt. Im Herbst machten Berichte die Runde, ein chinesischer Konzern habe mit der Salomonen-Insel Tulagi einen Vertrag über eine »strategische Zusammenarbeit« geschlossen. Behauptungen, es handle sich um einen Pachtvertrag, der vielleicht gar eine militärische Nutzung der Insel vorbereite, wurden vom Gouverneur der Insel zurückgewiesen. Dennoch werden seither Gerüchte geschürt, die Volksrepublik habe bereits die Errichtung einer eigenen Marinebasis im Pazifik, eventuell auf den Salomonen, im Blick. Man tut gut daran, die tatsächlichen Verhältnisse nicht zu ignorieren: Noch im Jahr 2003 intervenierte Australiens Militär auf den Inseln, deren Staatsoberhaupt den Namen Elizabeth II. trägt; die Salomonen waren bis 1978 britische Kolonie.

Was ist nun mit dem Angebot für den 100-Milliarden-Kredit – ist es ein weiterer Schritt Beijings, um Einfluss auf den Salomonen zu gewinnen? Ein offizieller Vertreter Chinas in der Salomonen-Hauptstadt Honiara bestätigte gegenüber den einheimischen Medien, er wisse nichts von einem solchen Deal, kenne keinen »Terry Wong« und halte die ganze Geschichte für »lächerlich«. Diese Auffassung vertritt auch Jonathan Pryke, Pazifikexperte des Think-Tanks Lowy Institute aus Sydney: »China würde den Salomonen-Inseln auf gar keinen Fall 100 Milliarden US-Dollar leihen«, erklärte er gegenüber einem australischen Journalisten. Bereits der Name des Anbieters macht stutzig: Ein in der Volksrepublik gängiger Name lautet »Wang«; »Wong« nennen sich viele, die im Ausland aufgewachsen sind, dort, wo die Einheimischen ihren Namen penetrant mit falschem Vokal aussprechen, vor allem in anglophonen Ländern. Wer auch immer sich hinter »Wong« verbirgt: Die chinesische Regierung ist es wohl kaum.

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