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Aus: Ausgabe vom 18.02.2020, Seite 12 / Thema
Religion

Vereint statt getrennt

Die beiden großen Kirchen sind seit Gründung der Bundesrepublik aufs engste mit dem Staat verflochten – ein Überblick (Teil 1)
Von Horsta Krum
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Im Namen des Herrn – oder doch zumindest im Interesse seiner weltlichen Vertreter – Bundeskanzler Konrad Adenauer (l.) zusammen mit dem Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings (r.) im Januar 1956 in Bonn

»Es besteht keine Staatskirche« und »Jede Religionsgemeinschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes«, heißt es in Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung von 1919. Den übernahm das Grundgesetz der Bundesrepublik von 1949 wörtlich als Artikel 140.

Tatsächlich, es besteht keine Staatskirche. Aber es bestehen Verträge, »Konkordate«, die der Vatikan mit einzelnen Ländern zugunsten der katholischen Kirche abgeschlossen hat, beispielsweise mit Bayern (1924), mit Preußen (1929) und mit dem Deutschen Reich (1933). Nach 1990, als hierzulande viel abgewickelt und neu geregelt wurde, schloss der Vatikan acht neue Konkordate ab und ergänzte ein altes. 1965 hatte die Einführung von Bekenntnisschulen in Niedersachsen in Folge von Konkordatsverhandlungen noch zu erheblicher Unruhe unter der Bevölkerung geführt und zum Ausscheiden der FDP aus der Koalition mit der SPD. Aber nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik im Oktober 1990 wurden Konkordate und entsprechende Verträge mit der evangelischen Kirche ohne Aufhebens geschlossen, sogar in Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein, den Ländern, die am längsten gezögert hatten.

Gesamtdeutscher Anspruch

Anders als die katholische Kirche, die zentral vom Vatikan aus geführt wird, kennt die deutsche evangelische Kirche die historisch gewachsenen einzelnen Landeskirchen. Diese gründeten 1948 ihre Dachorganisation »Evangelische Kirche in Deutschland« (EKD) mit dem Rat der EKD als Leitungsgremium. Als ihren Sitz wählte die EKD bewusst Hannover, weil es geographisch näher an der Deutschen Demokratischen Republik lag als Bonn. So wundert es nicht, dass sich die EKD auch nach Gründung der Bundesrepublik und der DDR weiterhin als »gesamtdeutsche« Kirche verstanden hat – ungeachtet der Tatsache, dass sich die acht Landeskirchen der DDR 1969 zum »Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR« zusammenschlossen.

Der EKD auf bundesrepublikanischer Ebene entspricht auf katholischer Seite die Deutsche Bischofskonferenz. Beide Kirchen wurden zu wichtigen Partnern der eben erst installierten bundesrepublikanischen Regierung. Wie groß der kirchliche Einfluss war, zeigte sich bereits 1951/52, als der Bundestag nach langen Verhandlungen das erste Betriebsverfassungsgesetz beschloss. In die Debatte mischte sich neben anderen Otto Dibelius ein, Ratsvorsitzender der EKD und CDU-Mitglied der ersten Stunde. 1945 hatte er sich selbst zum Bischof von Berlin und Brandenburg erklärt und war durch seine antikommunistischen Reden und Schriften über Kirchengrenzen hinaus bekannt geworden. Mitte 1951 schrieb er an Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und berief sich auf Artikel 140 des Grundgesetzes, der den Kirchen »innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes eine weitgehende und grundsätzliche Autonomie« einräume. Diese werde von »totalitären Staaten« bedroht.¹ Die »Angelegenheiten«, die die Kirche selbständig regeln dürfe, wollte die SPD allein auf die kirchliche Seelsorge beschränkt sehen, unterlag aber, so dass, im Sinne von Dibelius, der ganze erzieherische und soziale (diakonische) Bereich von geltenden Gesetzen ausgenommen wurde – bis heute, auch wenn Arbeitsgerichtsprozesse in den letzten Jahre diese Autonomie immer wieder in Frage gestellt haben.

Gleich nach Kriegsende schufen die beiden Kirchen, meist mit Hilfe der drei westlichen Alliierten, allerhand Organisationen, Akademien und soziale Werke, unter diesen das Evangelische Hilfswerk, das materielle Hilfe an die deutsche Bevölkerung verteilte. In den ersten zehn Jahren seines Bestehens verfügte es über 350 Millionen DM an Auslandsspenden, 70 Prozent davon kamen aus den USA. Nutznießer dieser materiellen Hilfe waren auch als Kriegsverbrecher verurteilte Gefangene. Das Hilfswerk nannte sie »Kriegsverurteilte« und setzte sich dafür ein, ihnen gegenüber Gnade walten zu lassen. Ähnlich argumentierte der Rat der EKD, der sich 1949 in einem Schreiben an die Alliierten gegen die Kriegsverbrecherprozesse aussprach. Der evangelische Theologieprofessor Walter Künneth schrieb 1954: »Kriegsverbrecherprozesse bedeuten eine ethische Unmöglichkeit. Ihre Durchführung bedeutet, ethisch gesehen, einen Rückfall in die Barbarei.«²

Auf katholischer Seite sorgte vor allem der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings, CDU-Mitglied, für materielle Hilfe: Er reiste nach Kanada und gründete dort den »Kardinal-Frings-Fonds«, um den »notleidenden Menschen an Rhein und Ruhr zu helfen«.³ Gleichzeitig sprach er sich im In- und Ausland gegen den Befehl der Allierten aus, die westdeutsche Schwerindustrie zu demontieren. Frings war mit einigen Großindustriellen verwandtschaftlich verbunden, ebenso mit der Familie Adenauer.

Im Rheinland, besonders in den Gebieten nahe der niederländischen und belgischen Grenze, ist Frings bis in die Gegenwart eine populäre Gestalt. Viele wissen noch heute, was mit »Kaffeedorf« und »fringsen« gemeint war: Während des bitterkalten Winters 1946/47 hatte Frings es für erlaubt erklärt, sich aus Not das zu nehmen, was man zum Überleben brauchte, und damit den Schmuggel gerechtfertigt.

Die evangelische Kirche verfügte nicht über so populäre Männer wie Frings. Aber beide Kirchen genossen in der Bevölkerung große Akzeptanz, nicht nur wegen der materiellen Hilfe, sondern auch, weil Frings, Dibelius, Künneth u. a. den vielen aus dem Herzen sprachen, die von deutscher Kriegsschuld nichts hören wollten und denen der 8. Mai nicht Befreiung, sondern Zusammenbruch bedeutet hatte.

Zu den Organisationen, die nach dem Krieg geschaffen wurden, gehört das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, ZdK. Es behandelt innerkirchliche und gesellschaftliche Themen und berät die Bischöfe. Von den etwa 230 Mitgliedern werden 45 von der Bischofskonferenz berufen, die anderen werden von verschiedenen katholischen Institutionen gewählt. Unter den Berufenen gibt es derzeit sieben Unionsmitglieder: u. a. die beiden Ministerinnen Anne Kramp-Karrenbauer und Julia Klöckner; drei Ministerpräsidenten: Reiner Haseloff (Sachsen-Anhalt, CDU), Winfried Kretschmann (Baden-Württemberg, Grüne), Marie Luise Dreyer (Rheinland-Pfalz, SPD).

2018 erklärte das ZdK zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch kirchliche Würdenträger: »Innerkirchliche, klerikalistische Machtstrukturen müssen zeitnah aufgebrochen werden, denn das Problem liegt im System!« und forderte, »Frauen und Männer in der Kirche gleichzustellen und daher Frauen Zugang zu allen kirchlichen Ämtern zu gewähren«. Die Bischofskonferenz beschloss, diese Forderung, die viele katholische Frauen schon lange vorher lautstark erhoben hatten, auf den »synodalen Weg« zu bringen, d. h. breit zu diskutieren. Das wird unabsehbar lange dauern, da der Papst am 12. Februar verkündete, dass es keine Änderung geben werde. Die Herren Kardinäle und Bischöfe können also ihre männlich-klerikal geprägten Strukturen noch eine Weile genießen.

Ein illustres Gremium wie das ZdK hat die evangelische Kirche nicht vorzuweisen. Aber auch sie achtet darauf, dass Vertreter der politischen Parteien beschlussfassenden Organen angehören; auf Länderebene den Landessynoden, und auf Bundesebene der EKD-Synode. Deren Vorsitzende (Präses) war von 2009 bis 2013 Katrin Göring-Eckardt, eine der beiden Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Zurzeit gehört sie dem Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages an. Die ehemalige Ministerin Irmgard Schwaetzer (FDP) fungiert als Präses der EKD-Synode. Eine Synode besteht zu etwa gleichen Teilen aus Theologen und Nichttheologen. Politiker der Partei Die Linke und der AfD finden sich (noch) nicht in den kirchlichen Gremien.

Verbindungsbüros zur Regierung

1950 schuf jede der beiden Kirchen ein Verbindungsbüro zur Regierung. Die Leiter sind Theologen. Sie heißen »Prälaten«, knüpfen und pflegen Kontakte auf allen politischen Ebenen, betreuen Parlamentarier, laden ein zu Gesprächskreisen und Arbeitsgruppen aller Art. Es ist wichtig, dass die Büroleiter Theologen sind, denn diese können die persönliche Seelsorge ausüben und sind dabei an das Beichtgeheimnis gebunden. Verborgen bleibt natürlich, wie sehr die Büroleiter als Seelsorger in Anspruch genommen werden, aber von den Bundespräsidenten Roman Herzog und Christian Wulff beispielsweise ist es bekannt.

Verbindungsbüros gibt es auch auf Landesebene. Die Länder sind von Bedeutung nicht nur für die Konkordate und die entsprechenden Staats-Kirchen-Verträge, sondern auch für die meisten Gesetze, die die Kirchen betreffen. Die Landesregierungen und ihre Institutionen arbeiten mit den Kirchen vertrauensvoll zusammen, auch in den östlichen Bundesländern, beispielsweise in Sachsen: Johannes Beermann, Chef der Staatskanzlei (2008 bis 2014) hat vorher in der Diözese Limburg den Malteser Hilfsdienst geleitet. Der Landtagspräsident Erich Iltgen (1990 bis 2009) war vorher Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariats Dresden-Meißen. Obwohl die katholische Bevölkerung klein ist (im Jahr 2011 waren es nur 3,8 Prozent), waren die drei ersten Ministerpräsidenten Sachsens katholisch.

Der jetzige sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (seit 2017) schweigt über seine Kirchenzugehörigkeit, engagierte sich aber elf Jahre lang im Verwaltungsrat des Diakoniewerks Oberlausitz. Der Anteil der evangelischen Bevölkerung beläuft sich auf 21 Prozent. Christoph Seele, der das evangelische Büro in Dresden seit 2009 leitet, ist CDU-Mitglied; 2013 leistete er kräftig Wahlkampfhilfe für seine Partei. Selbstverständlich arbeitet er mit dem Leiter des katholischen Büros gut zusammen, auch mit den staatlichen Vertretern aller Ebenen.

Die evangelische Kirche von Sachsen konnte ihre diakonische Arbeit stark ausbauen: 1990 hatte sie 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, im Jahr 2009 waren es 13.000; heute dürfte die Zahl noch höher liegen.

In Sachsen-Anhalt sah es im Jahr 2013 für einen Moment so aus, als verschlechtere sich die Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirchen. Im Landeshaushalt fehlten 161 Millionen Euro, und es sollten Einsparungen in allen Bereichen vorgenommen werden. Die Büroleiter der beiden Kirchen protestierten daraufhin energisch. Die geplanten Kürzungen der staatlichen Zuschüsse wurden zurückgenommen. Das alte Einvernehmen war wiederhergestellt. Wie einträglich es für Kirche und Staat ist, zeigte sich zuletzt bei der Durchführung des Luther-Jahres 2017.

Der erste Leiter des evangelischen Büros auf Bundesebene war Hermann Kunst. Er hatte dieses Amt von 1950 bis 1977 inne. Am Ende seiner langen Dienstzeit erhielt er das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik – auch deshalb, weil er maßgeblich an der Entstehung des Vertrages zur Militärseelsorge beteiligt gewesen war. Folgerichtig wurde er 1957 der erste evangelische Militärbischof. Mit hohen Militärs und dem katholischen Kollegen war sich Kunst darin einig, dass die Kriegsdienstverweigerung eine »Krankheit der Gesellschaft«⁴ sei. Von den bisher sechs evangelischen Büroleitern hatten vier zeitweise das Amt des Militärbischofs inne.

Mit Kunst pflegte Helmut Schmidt schon als Fraktionsvorsitzender der SPD gute Beziehungen. Denn der hatte »die politische Entfaltung unseres Staates seit Adenauers und Schumachers Zeiten aus unmittelbarer Nähe miterlebt. Er konnte genauso für den Staat denken wie für die Kirche.«⁵ Das Verhältnis zwischen beiden gestaltete sich noch enger und vertrauensvoller, als Schmidt 1969 Verteidigungsminister wurde. Der evangelische Militärbischof müsse, so Schmidt, mehr als sein katholischer Kollege, eine souveräne Persönlichkeit sein; »denn die Seelsorge für die Soldaten war im evangelischen Bereich durchaus umstritten. (…) Die evangelischen Kirchen waren viel stärker vom pazifistischen Zeitgeist eines Teils der jüngeren Generation beeinflusst.«⁶

Auch Martin Dutzmann, der seit 2013 das evangelische Büro leitet, war zuvor Militärbischof. Auf seine Anregung hin sollten die evangelischen Gemeinden (vertreten durch den Pfarrer bzw. die Pfarrerin) ihr Hausrecht an die Feldjäger der Bundeswehr abgeben, wenn in der Kirche eine Trauerfeier für gefallene Soldaten stattfindet.

Wie die anderen Leiter der beiden Büros gehört auch Dutzmann zahlreichen Gremien an, beispielsweise dem Kuratorium der Stiftung für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche. Bis 2018 war er Mitglied im Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, die Führungskräfte aus Verwaltungen, Wissenschaft und Wirtschaft in sicherheitspolitischen Fragen weiterbildet.

Martin Dutzmann verhält sich diskreter als sein katholischer Kollege Karl Jüsten aus Köln. In einem Interview prahlte der damit: »Ich kann Angela Merkel erreichen, wenn es nötig ist. (…) Unser Einfluss beeindruckt manchmal auch die Bankenlobby oder die Atomlobby. (…) Wir sind die einzigen Lobbyisten, die alles auf dem Schirm haben.«⁷ So gehört auch Jüsten vielen Gremien an, seien sie kirchlich oder nicht, beispielsweise dem Verein Deutsche Welthungerhilfe. Er ist zudem Mitglied des Deutschen Kulturrats, Vorsitzender des Rundfunkrats der Deutschen Welle und Mitglied weiterer Gremien – die Liste scheint endlos.

Die juristischen Vertreter

In der Stellenbeschreibung des evangelischen Büroleiters heißt es u. a.: »Begleitung von Gesetzgebungsprozessen«. Tatsächlich werden die beiden Kirchen in die Erarbeitung neuer Gesetzge von Anfang an einbezogen, offiziell und auch im vertrauensvollen Gespräch unter vier Augen. So können die Kirchen überall mitreden, auch wenn der sachliche Bezug nicht immer evident ist.

An Gesetzen sollen und können die Büroleiter nicht selbst mitarbeiten, das tun im Hintergrund ihre juristischen Vertreter. Diesen Dienst versah von 1959 an Johannes Niemeyer im katholischen Büro. Er war aus dem Justizministerium herübergewechselt. Durch seine Tätigkeit im Staatsapparat und seine lange kirchliche Dienstzeit verfügte er über glänzende Kontakte. Bei Spitzengesprächen war er oft dabei, immer im Hintergrund. Sechs Bundeskanzler hat er in den 26 Jahren seines kirchlichen Dienstes erlebt.

Auch Joachim Gaertner, lange Jurist im evangelischen Büro, war einer der vielen »Seitenwechsler«. Neun Jahre arbeitete er im Bundeswirtschaftsministerium, wechselte 1977 ins evangelische Büro, wo er 1994 juristischer Vertreter wurde. Zu seiner Pensionierung 2003 stellten Freunde aus Kirche und Politik die Festschrift »Im Dienst der Sache« zusammen, die tief in die Denk- und Handlungsweise der Agierenden blicken lässt. Der Präses des Kirchenamtes der EKD schrieb das Vorwort: Wer in den Büros Verantwortung trägt, »muss ein kommunikativer Typ sein, fähig kirchenintern wie auf politischem Parkett zu agieren. Er muss ausgeglichen und diplomatisch sein, gleichwohl hart in der zu verhandelnden Sache, kundig, polyglott, zurückhaltend, wo es geboten ist, vermittelnd, verbindend, effektiv und zügig arbeitend, fleißig, bereit zu unkonventionellen Dienstzeiten, flexibel (auch räumlich), mit europäischem Weitblick. Vor allem muss er wissen, wovon er redet. Wer, wenn nicht Sie, lieber Her Gaertner, verkörpert alle diese Attribute. Inhaltlich und fachlich stets präsent, aber nie in den Vordergrund drängend, so habe ich Sie erlebt. Ein ›getreuer Eckart‹ der Sache der evangelischen Kirche.«⁸ Auch dem Staat war Gaertner ein »getreuer Eckart«: Er wurde mit dem Verdienstkreuz erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik ausgezeichnet.

»Das Ergebnis der Arbeit in den Verbindungsbüros der Kirchen soll nicht in den Gazetten am nächsten Tag, sondern in den Gesetzestexten auch noch nach Jahren nachgelesen werden können« – dieser Satz von Heiner B. Lendermann, dem Vertreter von Prälat Jüsten, fasst wohl am besten die diskrete und wirkungskräftige Arbeit der Juristen zusammen.⁹

Das evangelische Büro befindet sich am Berliner Gendarmenmarkt, in dem Haus, das einst der CDU der DDR gehörte. Die EKD kaufte es für 48 Millionen DM von der Treuhand. Die Adresse der Bischofskonferenz, die auch für das katholische Büro gilt, ist ein Neubau in der Hannoverschen Straße. Wer den Gebäudekomplex von der Chaussestraße aus betritt, stößt zuerst auf große leuchtende Lettern: Pax-Bank. Aufsichtsratsvorsitzender der katholischen Universalbank ist Prälat Jüsten.

Voll integriert

Mit der Kirche, die an diesen beiden Adressen, im Bundestag und in den Länderparlamenten zu Hause ist, haben die meisten Kirchenmitglieder nichts zu tun und wollen es auch nicht – insbesondere solche, die in kirchlichen Einrichtungen als Haupt- und Ehrenamtliche eine engagierte, wirksame, aber nicht medienwirksame Arbeit leisten mit Menschen, die in unserem kapitalistischen Staat unter die Räder gekommen sind.

Nach 1989 geschah in den Kirchen das Gleiche wie in Wirtschaft und Politik: Die Kirchen der DDR wurden vereinnahmt und in das bestehende System der Bundesrepublik eingegliedert. Die Chance eines Neuanfangs oder einer wenigstens teilweisen Entflechtung der Verbindung von Staat und Kirche im Westen wurde vertan.

Anmerkungen:

1 Christian Frerk: Kirchenrepublik Deutschland. Christlicher Lobbyismus, eine Annäherung, Aschaffenburg 2015, S. 11

2 Walter Künneth: Politik zwischen Dämon und Gott. Berlin 1954, S. 283

3 Kurier, 15.3.1948

4 Frerk, a. a. O., S. 101

5 Helmut Schmidt: Weggefährten. Erinnerungen und Reflexionen, München 1996, S. 369

6 Frerk, a. a. O., S. 101

7 Ebd., S. 86 f.

8 Im Dienste der Sache. Liber amicorum für Joachim Gaertner, hg. v. Ricarda Dill, Frankfurt am Main/u .a. 2003, S. 17

9 Frerk, a. a. O., S. 94

Lesen Sie Teil 2 in der Ausgabe vom 25. Februar 2020.

Horsta Krum schrieb an dieser Stelle zuletzt am 1. September 2018 über den evangelischen Kunstdienst und dessen Rolle beim 1938 beginnenden Verkauf »entarteter Kunst«.

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