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Aus: Ausgabe vom 17.02.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Geschichte der Vereinigten Staaten

Gegen die Mythenbildung

Leider nur Schlaglichter: Giorgio Sterns Sozialgeschichte der USA
Von Gerd Bedszent
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Angehörige des American Indian Movement bei einer Protestaktion im texanischen Arlington (30.11.2017)

Der Titel des kürzlich vom Zambon-Verlag in deutscher Übersetzung herausgebrachten Buches von Giorgio Stern ist etwas irreführend. Tatsächlich handelt es sich nicht um eine umfassende Untersuchung der sozialen Verhältnisse in Nordamerika, sondern um eine schlaglichtartige Beleuchtung verschiedener Episoden der Geschichte der USA. Ansinnen des Autors ist es, nationale Mythen von deren Staatswerdung kritisch zu hinterfragen und überwiegend bekannte, aber selten publizistisch dargestellte Ereignisse zurück ins historische Bewusstsein zu holen. Das Buch ist kein zusammenhängendes Geschichtswerk, sondern ein Sammelband mit Vorträgen, die der Autor (zu verschiedenen, vermutlich recht weit auseinander liegenden Zeitpunkten) gehalten hat.

Das Buch beginnt mit der ursprünglichen Besiedlung Nordamerikas durch Stämme sibirischer Jäger und Sammler, geht dann über zur gewaltsamen Inbesitznahme des Landes durch die Europäer und schließt ab mit dem Widerstand der Reste der indigenen Bevölkerungsgruppen in der Neuzeit. Den Schwerpunkt legt der Autor dabei auf die wirtschaftliche »Erschließung« des sogenannten Mittleren Westens, also der Prärielandschaft im Landesinneren der USA, durch die Kolonisatoren.

Es ist bekannt, dass dies durch den im 19. Jahrhundert forcierten Bau von Eisenbahnlinien wesentlich befördert wurde. Auch, dass dieser Bau mit Landraub, der fast vollständigen Ausrottung der den Zugverkehr behindernden Bisonherden und der äußerst brutalen Niederschlagung des Widerstandes indigener Stämme verbunden war. Episoden dieses Widerstandes sowie die Richtigstellung von Teilen der Geschichtsschreibung der Sieger machen den größten Teil des Buches aus.

Der Autor verbindet seine Schilderung dieser Ereignisse aber auch mit der von wenig bekannten Wirtschaftsskandalen dieser Zeit. Sie belegen, dass die sogenannte Erschließung der riesigen Flächen eben nicht nur durch private Eisenbahngesellschaften erfolgte. Entgegen dem liberalen Mythos der ungebremsten Entwicklung des Kapitalismus in den USA allein auf der Grundlage privatwirtschaftlicher Initiativen finden sich in dem Buch viele Belege dafür, dass der Staat stets regulierend und rettend eingriff, wenn die Aktivitäten großer Kapitalgesellschaften in einem Desaster zu enden drohten. Dass die Grenzen zwischen staatlicher Regulierung und unverblümter Korruption fließend sind, wird dabei wieder einmal gezeigt.

Das Buch erinnert auch an die weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwundenen, sehr heftigen sozialen Auseinandersetzungen in den USA im 19. Jahrhundert. Streiks wurden regelmäßig von Werkschutzeinheiten und privaten Polizeien niedergeschlagen. Und wenn diese den Widerstand der Arbeiter nicht brechen konnten, wurde schwerbewaffnetes Militär zur Verstärkung herangeholt. Wie der Autor schreibt, endete beispielsweise die große Streikbewegung des Jahres 1877 mit einem Blutbad: Über hundert Arbeiter starben.

Stern berichtet am Ende des Buches mit Sympathie über Aktionen des »American Indian Movement« (AIM), der in der Mitte des 20. Jahrhunderts sehr aktiven Interessenvertretung der indigenen Bevölkerungsgruppen der USA. Eine zusammenhängende Geschichte dieser Bewegung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Programmatik finden sich bei ihm leider nicht.

Giorgio Stern: Indianerstämme, Kapital und Proletarier in der nordamerikanischen Geschichte. Zambon, Frankfurt am Main 2019, 173 Seiten, 15 Euro

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