Gegründet 1947 Sa. / So., 29. Februar / 1. März 2020, Nr. 51
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Aus: Ausgabe vom 15.02.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Assistentin

Der Kommissar. Folge 2
Von René Hamann
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Guacimara dachte nicht an den Paradigmenwechsel, der tief in dieser Republik stattfand, gerade jetzt, jetzt schon wieder, wie eine schwere Stahltür, die sich öffnete oder schloss. Schaltzentrale, Maschinenraum, nackte Wesen von links nach rechts. Sie fasste sich an den Hals, rückte sich das Kruzifix zurecht, das sie seit dem Tod ihres Vaters trug. Sie war nicht gläubig, aber vorsichtig, eine vorsichtige junge Frau. Positionierte sich stets so, dass sie den Ausgang im Blick hatte. Jetzt ging sie den Korridor hinab. Immer mit der Tür im Sichtfeld. Sie hustete verlegen, als ein halbnacktes Model aus einer Seitentür heraus, durch eine andere Seitentür rauschte. Kleider, die den Körper nicht vollständig verhüllten. Lose Begierden, käufliche Gefühle. Das Embodyment auf Grundlage digitaler Kommunikation. Guacimara öffnete die nächste Seitentür, die lediglich angelehnt war, und erkannte eine nackte Tote auf einem französischen Bett, der Schatten eines abgenommenen Kruzifixes an der Wand darüber. Ironie des Schicksals. Ein Fleck auf einer Tapete, die vor Dekaden einmal weiß gewesen sein muss. Am Fußende des Bettes, abgerückt, wie weggetreten, schmutzigweiße Bettwäsche. Shabby Chic. Keine erkennbaren Blutspuren. Keine Waffen oder anderes Beweismaterial, ein Fenster links vom Bett, das einen Spalt geöffnet war. Altes Bett, karge Einrichtung. Ein starrer, leichenblasser Körper. Ein Laken, das so befleckt war, dass kein Rest eines früheren, reinen Zustands mehr zu erkennen war. Eine Leichenstarre, die auf einen entfernteren Todeszeitpunkt schließen ließ. Starre blaue Augen. Guacimara sah von der Leiche auf ihr Handy. Ein pulsierender Punkt zeigte ihren Standpunkt an. Der Kommissar war ein anderer, ein ruhender Punkt, weit entfernt.

Sie hatte die Augen ihres Vaters. Sie war eine vorsichtige junge Frau, die einfache Männer aus der Arbeiterklasse liebte, so wie ihr Vater einer gewesen war (ihre Mutter war die Tochter eines Bürgermeisters). Sie hatte sich früh gegen Kinder entschieden. Als sie selbst Kind gewesen war, hatte sie sich geweigert, die Sprache ihrer Umgebung zu lernen – die erste Sprache, die sie sprach, war das Spanisch, das man ihr in der Kindertagesstätte beigebracht hatte. Sie wich in den Korridor zurück. Blieb stehen, atmete durch. Aus einer Seitentür ragten ein paar nackte Frauenarme heraus. Es war nichts zu riechen. Die Leiche war auch fast geruchlos gewesen. Oder es kam ihr nur so vor, und es war eine olfaktorische Hemmung eingetreten. Eine unmittelbare Leugnung. Guacimara kreuzte die Beine, griff in ihre Seitentasche, erledigte die richtigen Telefonate. Die Kavallerie, die Bodentruppen, die Streifen waren unterwegs. Das Geheul ihrer Sirenen lag bereits in der Luft. Nur vom Chef keine Spur. Vielleicht schlief er noch. Sie sah eine dunkelgrüne Tür. Am Ende des Korridors wartete ein Treppenhaus. Vor Treppenhäusern hatte sie eine diffuse Angst, die sie stets zu verstecken suchte (der Kommissar war ihr allerdings auf die Schliche gekommen), Fahrstühle jedoch fand sie lächerlich. Sie war eine Waise. Eine späte. Ihr Vater war vor etwa sechs Jahren tödlich verunglückt. Er war von einer Leiter gefallen, als ihn ein Stromschlag erwischt hatte. Hingestreckt. Schädelbasisbruch. Tod eines Elektrikers. Ihr Bruder hatte kurz darauf einen Doppelselbstmordversuch überlebt, seine Freundin nicht. Seitdem war er inkontinent. Guacimara war Polizistin geworden. Das erschien ihr logisch. Eine Verlängerung ihres Selbst, ein Schicksal, das sie annahm. Etwas, nach dem sie lange gesucht hatte.

Junger Mann mit Pudelmütze, der ihren Weg blockierte. Im Treppenhaus mit gelangweiltem Gesichtsausdruck an die Wand gelehnt. Unter einer quadratischen weißen Lampe. Zigarettenfilter im Mund, Tabaktasche in den Händen, im Begriff, sich eine Zigarette zu drehen. Pudelmütze tief in die Stirn gezogen. Dann ohne Mütze: kastanienbraunes Haar. Belegte, wie von Tabakkrümeln besetzte Stimme. Südosteuropäischer Akzent, vermutlich Bulgare. Juvenile Unsicherheit, die sie an sich selbst erinnerte, Unsicherheit, die von einer vorgetäuschten Coolness verdeckt werden sollte. Ein paar Fragen. Aufnahme der Personalien. Informationsgehalt seiner Aussagen: nahe null. ­Status: Wachtposten, kleiner, studentischer Hilfsarbeiter, vermutlich aus falsch verstandener Kriminalitätsromantik. Und dem üblichen Geldmangel. Chancen im reichen, kaputten Westen usw. Mischung aus Nihilismus, Fatalismus, kaputter Moral, da eh schon alles egal. Seine grünen Augen schimmerten dunkel. Lange Beine, ausgefahrenes Gestell, um sich breitzumachen, den Raum zu verkleinern, den Durchgang zu schmälern. Schlaksiger Körperbau. Diffuses Gefühl, ihn schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Ein Eindruck, den sie speichern wird, irgendwo in ihrem Gedächtnis, schnell abrufbar. Ein Migrant, maulfaul, zwielichtig, mit krümeliger Stimme. Aber seine grünen Augen: giftiges Leuchten. Polizeiarbeit: Oberflächliches notieren, weil Oberflächen wichtig sind. Wer nach Tiefe sucht, wird nichts finden.

»Wie oft machen Sie diese Tür auf, und ich stehe nicht dahinter?«

»Das kann ich Ihnen so nicht sagen.«

Guacimara: kastanienbraune Haare, tiefbraune Augen, irgendwo zwischen Gemütlichkeit und exotischer Gefahr. Schwarz umrandete Brille. Deutscher Vater, spanische Mutter. Wenn man ihr genau in die Augen sah, jedenfalls glaubte das der Kommissar in schwachen Momenten, konnte man ihre Seele sehen. Man konnte in ihre Seele schauen. So jemandem begegnete man nicht oft. Das dachte er. Guacimara selbst, von ihren Freundinnen und Freunden Guaci genannt, hielt sich für klein und hutzelig wie ihre spanische Großmutter. Manchmal fand sie, dass sie nicht so aussah, wie sie sich fühlte. Ihr Selbstbild war verschoben. Sah sie in einen Spiegel, erschrak sie. Sie fand sich zu jung. Sie hatte Energien, die sie aus unbekannten Quellen schöpfte. Sie war stark. Sie ließ den jungen Mann hinter sich und bewegte sich vorsichtig vorwärts. Das Licht flackerte. Flecken an der Wand. Am Ende des Treppenhauses die nächste schwere Stahltür, die sie mit Mühe aufwuchtete. Sie setzte ihr ganzes Gewicht ein, stemmte sich dagegen, bis die Tür ächzend nachgab. Sie stolperte in den neuen, helllichten Tag. Extremes Sonnenlicht, das schräg auf den Asphalt fiel. Eine Straße, ein verstaubter, leerer Parkplatz.

Eine zugeschlagene Beifahrertür, ein Auto mit Geruch. Raumfremde Mächte. Die Guacimara Sorgen bereiteten. In welches Wespennest hatten sie da getreten. Bulgaren, Russen. Die Leiche war tätowiert gewesen. Das Wort MEMORIES stand in Spiegelschrift auf der Unterseite des rechten Unterarms. Sonstige besondere Kennzeichen: keine. Der Kommissar, müde Augen, schlaffes Gesicht, sicherer, ruhiger Fahrstil, ein Dunst nach gebrauchter Bettwäsche, der von seinem Körper ausging, hörte halb zu, halb brütete er vor sich hin. Beobachtete sie aus den Augenwinkeln, während sie lange, überdetaillierte Informationen von sich gab. Ein junger Bulgare in einem blutbefleckten Treppenhaus, rauchend. Ihre Brille sah aufgesetzt aus. Kleine Zahnlücke. Unsicherer Bindungsstil. Guacimara liebte Männer aus der Arbeiterklasse, ja, aber das war nur die halbe Wahrheit. Sie liebte Goldhamster. Sie liebte Männer, die wie Goldhamster aussahen. Männer mit kreisrunden Gesichtern. Der Kommissar nannte sie eine Katze, im Stillen. Eine scheue Katze, die Goldhamster jagte. Sie streunte herum, schweifte umher. Sie war jung, ihre Augen funkelten. Sie rasierte sich die Arme. Sie trug eine Halskette, ein Kruzifix, eine Tätowierung trug sie nicht. Man muss unerkannt bleiben, uneindeutig, opak, besonders, wenn man auf dieser Seite der Ermittlung operiert. Noch so ein Satz aus dem Lehrbuch.

»Ich lerne aus deinen Fehlern.«

»Folge den roten Strümpfen.«

»Du hast recht, aber ich auch.«

Lange Fahrt in eine dieser seltsamen Vorstädte. Häuser aus dem vorvorigen Jahrhundert, aufwendig renoviert. Schutt, Asche, Geschichte. Kopfsteinpflaster, Jägerzäune, Heizungsinstallateure, Massagesalons. Die Fahrt führte an leerstehenden, verfallenden Parkhäusern vorbei. Die Tristesse von Parkhäusern, von Kabinen, Auffahrten, automatischen Garagentoren. Die Traurigkeit von Sicherheitsdiensten. Die leere Langeweile all dieser Tätigkeiten und Funktionen, die Seelenlosigkeit des Ganzen, Guacimara erinnerte sich an die letzten Jobs, an die Aufträge, die sie durchstehen musste während der Ausbildung, an die zähen, nie enden wollenden Arbeitsstunden, an betäubende Müdigkeit, dünnen Filterkaffee, flirrende Lampen, Flecken an der Wand. Die Tristesse von Aussichtsplattformen, die Stumpfheit der Kolleginnen und Chefs, Chefinnen und Kollegen. Der Kommissar streckte seinen leicht wabbelnden Oberkörper und blinzelte herüber, dabei lächelte er hintersinnig, blieb aber wortlos, während sich der Geruch von Körperfett durch den Autoraum bewegte. Guaci zuckte mit den Achseln, und froh, von der Betrübnis abgelenkt zu sein, lächelte sie jetzt auch.

Nächster Halt: ein unscheinbares Reihenhaus in einer Seitenstraße. Intakte Fassade, matter Klinker aus dem letzten Jahrhundert, braun gestrichene Haustür, ruhige Nachbarschaft, keine Scharfschützen auf dem Dach. Der Verdächtige öffnete höflich die Tür und bat die Beamten hinein. Er erklärte ihnen die Wohnung. Ein langer Flur, ein Spähen auf Sicht, ein Tapsen im Dunkeln. Einriss der Projektionsflächen. Als sie ihre Waffe berührte, verdeckt, im Holster, konnte sie spüren, wie das Leben wieder zu ihr zurückkam. Erstmals seit der Leiche oder erstmals seit dem jungen Bulgaren. Das aber war nicht er. Der Verdächtige, hellhäutig, keine Spur von Akzent, normalgroß, normaler Habitus, mittelblond, führte sie ins Wohnzimmer, flirtete lose mit der Assistentin, während ihr Vorgesetzter ihm langsam die Todesnachricht steckte.

»Wir waren umsonst in der Hölle. Sie ist tot.«

»Wie haben Sie mich gefunden?«

»Wir sind Kriminalbeamte. Staatlich angestellte Detektive, wenn Sie so wollen. Wir finden Leute. Das ist unser Beruf.«

Sie war seine Freundin gewesen. Eine Sportlerin. Das war ihre offizielle Berufsbezeichnung. Vielleicht war sie es auch. Irgendwann vorher. Eine zugereiste Sportlerin mit Ambitionen. Mit Stipendien ausgestattet. Eine Figur, die mit von Sponsoren gestellten Klamotten und Sporttaschen durchs Bild lief, die irgendwann durchs Raster fiel, irgendeine Vorgabe nicht einhalten konnte, eine Zeit, einen Wert, eine Einheit, ein Maß. Enttäuscht, fallen gelassen, ausgesiebt, in Nöte geraten, finanzieller Natur, oder vielleicht eh schon mit Verbindungen, Körper in Arbeit, Körper, die so gepflegt wie chemisch und toxisch unterstützt werden mussten. Guaci dachte darüber nach, während der Kommissar die Gesprächsführung übernahm, mit dem Verdächtigen wie mit einem Angehörigen sprach, dessen Stimme sich gesenkt hatte, der kleinlaut wirkte, an seinem dunkelblauen Hemd spielte, lange, ungepflegte Finger, der Kommissar formulierte Fragen, stellte Beobachtungen an, machte sich Notizen. Denken Läuferinnen vor dem Start, dass sie als Dicke starten und als Schlanke die Ziellinie erreichen? Ist Leistungssport nicht eine Bastion des Nationalen? Sie starb in allen Zeitungen. Eine Handballerin, keine Läuferin. Eine Handballerin, die mit dem Fahrrad zum Sport fuhr. Aus der nordrussischen Provinz. Sporthallen in echter Entfernung. Früh übt sich. Die erschossene Exsportlerin galt als skandalfrei und häuslich. Hier hatte sie gelebt. Hier oben. Hier im Wohnzimmer. Hier in der Küche. Unten im Keller, wo sie ihr eigenes kleines Fitnessstudio hatte. Ihr Freund, knapp dreißig, offiziell arbeitslos, wurde unter dringendem Tatverdacht verhaftet. Darauf lief es hinaus. Wie auf dem Bildschirm, so im Leben. Später hieß es: In der Untersuchungshaft durchtrennte sich der 32jährige mit einer improvisierten Metallklinge die Halsschlagader sowie eine Arterie am Arm. Vorher hatte er »Ich war es nicht« an die Zellenwand geschrieben. Es hatte Tage gedauert, bis die kyrillischen Buchstaben entziffert werden konnten, denn niemand im Team konnte Russisch. Oder Bulgarisch.

Niemand. Außer ihm.

Eine Wolkendecke lastete auf der Stadt. Isolation, Einsamkeit. Zugeklebte Münder, eine abgestandene Welt. Rückfall aller Rechte. Nachlaufende Wirkung. Vertreter des Echten. Der Winter hatte früh begonnen, heute ließ er etwas nach. Untiefen, Tauwetter, Schmutzwasser, lichtgraue Abflüsse. Die Stadt und die Menschen schmolzen, sie waren kaputt. Und doch war die Zeit des Kaputten unwiderruflich vorbei. Die Stadt wurde repariert, zugebaut, ausgebaut, verschönert, verdichtet; es gab noch hie und da Widerstände gegen die Veränderungen, manche wollten das ewig kaputte Leben, das sie führten, möglichst fortführen, in die ewige Ewigkeit, doch währenddessen bastelte man unbeirrt und unnachgiebig am neuen Glatten.

»Hatte die Leiche eine Identität? Einen Namen?«

»Natürlich. Es war nicht schwer, das rauszukriegen.«

Kleidung kommuniziert immer, hatte der Kommissar gesagt. Daran dachte sie jetzt. Der Junge mit der Pudelmütze, der Junge mit den braunen Haaren, den Tabakkrümeln, der hustende Junge. Der ging ihr nicht aus dem Kopf. Die Frage war, aus beruflichen oder aus privaten Gründen. Wie tief war er verstrickt? Kannte er den Verdächtigen, kannte er die Leiche? Die Sportlerin, die eine Prostituierte war? Es gab keine Fälle mehr, nur noch Strukturen. Die Gesellschaft war schuld, immer. Die Frage war, welche Gesellschaft man aufsuchte. Aber wie erleichtert sie war, als sie diesen schluffigen Deutschrussen in seiner Parterrewohnung festgenommen hatten, nicht wegen eines dringenden Tatverdachts, sondern weil es so sein musste. Erste Spuren mussten aufgenommen, ein Statement an die Welt, an den oder die wahren Täter gemacht werden, und wer weiß, welche Linien sich ergeben würden. Was folgen musste: Männer, die sich einen Aktenordner vor die Fresse hielten. Therapieweisung. Der strafende Staat.

René Hamann, geb. 1971 in Solingen, lebt und arbeitet in Berlin. Er ist Schriftsteller und Journalist. Von 2011 bis 2013 war er Literaturredakteur dieser Zeitung.

An dieser Stelle erschien von ihm zuletzt in der Ausgabe vom 26./27.10.2019 »Der Kommissar«.

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