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Aus: Ausgabe vom 15.02.2020, Seite 11 / Feuilleton
NSU-Morde

Die Angst bleibt

Der Dokumentarfilm »Spuren – Die Opfer des NSU« im Kino
Von Sebastian Carlens
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Ali Toy hat Enver Simseks Blumenstand übernommen. Er bewahrt das Andenken des Ermordeten.

Der Blumenhändler Ali Toy baut jeden Werktag seinen Verkaufsstand an einer Ausfallstraße im Großraum Nürnberg auf. Tische, Wasserkübel, ein großer Sonnenschirm mit selbstgeschweißtem, schwerem Fuß. Autos halten, Kunden kommen am Straßenrand vorbei. Toy ist sein eigener Herr, der Selbständige besorgt die Ware im Großhandel, noch bevor er morgens sein Geschäft unter freiem Himmel öffnet. An einem Baum in mehreren Metern Höhe hängt ein Porträt. Es zeigt Enver Simsek, Toys Vorgänger am Blumenstand. Und das erste bekannte Opfer des »Nationalsozialistischen Untergrundes« (NSU). Simsek wurde am 9. September 2000 an der Stelle, wo nun Toys Stand steht, erschossen. Toy pflegt sein Andenken, stellt täglich frische Blumen unter sein Bild. Und hängt das Foto, wenn es wieder einmal abgerissen wurde, erneut auf – dann etwas höher.

Mit dem Mord an Simsek begann eine der bislang grausamsten Verbrechensserien in der BRD des 21. Jahrhunderts. Und noch etwas anderes wurde deutlich: ein systematisches Versagen der Polizei, wobei dieser Begriff bereits verharmlost. Denn die eines gewaltsamen Todes gestorbenen Migranten – bis zum Jahr 2006 fielen neun türkisch- und griechischstämmige Einwanderer den Kugeln der rassistischen Killer zum Opfer – mussten in der Logik der deutschen Ermittler durch die Hand anderer Migranten zu Tode gekommen sein. »Ehrenmorde«, Mafia, Drogengeld – etwas anderes schien den Beamten undenkbar, und so konnten nicht nur die wahren Täter jahrelang völlig ungestört weitermachen, auch die Familien der Opfer sahen sich Schikanen, haltlosen Vorwürfen und fragwürdigsten Fahndungstricks ausgesetzt. Die NSU-Mordserie, sie zeigt die Lage von Millionen Menschen in Deutschland wie unter dem Brennglas: Sie sind Opfer, Täter oder beides. Aber keine normalen Mitbürger, denen zunächst einmal die Unschuldsvermutung zugestanden, deren Angehörigen eine Spur Pietät zugebilligt wird.

Die Opfer, so die These der Regisseurin Aysun Bademsoy im Film »Spuren«, waren keineswegs zufällig ausgewählt worden. Sie alle waren Kleinunternehmer, die sich ihren Weg in den deutschen Mittelstand bahnen wollten. Sie dachten nicht an eine Rückkehr in ihr Heimatland oder das ihrer Vorfahren – sie wollten bleiben und waren zu harter Arbeit bereit. Den Mördern und ihren Hintermännern ging es genau darum: Zu verhindern, dass Migranten zu Deutschen werden.

Im Gegensatz zu vielen anderen Werken, die sich mit dem NSU-Komplex befassen, verzichtet Bademsoy in ihrem am Donnerstag in den Kinos angelaufenen Film vollständig auf die Täterperspektive: keine nachgestellten Schießereien, Glatzköpfe, melodramatischen Selbstmorde. Statt dessen eine ruhige, dokumentarische Begleitung der Familien von drei der Ermordeten, eine Fokussierung auf die Lücken, die die Taten in ihre Leben gerissen haben. Bademsoy stellt nur gelegentlich eine Frage, stößt eine Erinnerung an und lässt die Menschen einfach reden. Die Ehefrauen, wie Elif Kubasik, deren Mann Mehmet am 4. April 2006 in Dortmund getötet wurde. Mehmet Kubasiks Tochter Gamze, die bei der Premiere im Berliner Kino FSK am Mittwoch anwesend war und auch die Tournee des Films begleiten wird, ist mit ihrer Mutter mittlerweile in die Türkei gezogen. Auch dort hat die Filmemacherin die beiden besucht. Sie berichten, welche Verheerungen der Generalverdacht der Polizei gegen ihre Familie angerichtet hat. Elif Kubasik erzählt von Hausdurchsuchungen, von fingierten Vorwürfen, ihr Mann sei fremdgegangen. Der Bruder des am 27. Juni 2001 in Hamburg ermordeten Süleyman Tasköprü berichtet von Observationen, verdeckten Ermittlern im engsten Umfeld und Durchleuchtung von Bankkonten. »Es wurde in die völlig falsche Richtung ermittelt«, sagt er. »Sekundäre Viktimisierung« nennt das die Forschung – die Betroffenen, die unter dem Verlust ihrer Väter, Brüder und Verwandten leiden, werden so zum zweiten Mal zum Opfer gemacht. Die Polizei nutzt systematisch konstruierte Vorwürfe gegen die Verstorbenen, um das Vertrauen ihrer Angehörigen zu erschüttern. Dafür gibt es einen kriminalistischen Fachbegriff: die »Reid-Methode«.

Erst nach dem Auffliegen des NSU im Jahr 2011 war dieser Schatten des Verdachts von den Familien getilgt, das Versprechen der Bundeskanzlerin, rückhaltlos für Aufklärung zu sorgen, wurde angenommen. Ein Mammutprozess vor dem Münchner Oberlandesgericht sollte erhellen, wer in den Fall verstrickt war. Schon hier wurde nicht mehr von den Ämtern und Behörden, die jahrelang in auffälliger Nähe zum NSU agierten, gesprochen. Auf der Anklagebank: Beate Zschäpe, die mutmaßlich einzige Überlebende des NSU-Kerntrios, und vier Unterstützer. Von denen wurden zwei direkt nach dem milden Urteil auf freien Fuß gesetzt – ein weiterer Schlag für die Hinterbliebenen.

Das Weltbild des NSU gehört nicht der Vergangenheit an, es besteht weiter. Fremdenfeindliche Morde, freie Helfershelfer, rassistische Polizeimethoden und Millionen Menschen – Deutsche, mit Pass oder ohne –, die sich in diesem Land vogelfrei fühlen. »Die Angst bleibt lange Zeit«, sagt Blumenhändler Toy. Bei jedem unbekannten Auto, das an der Straße vor dem Blumenstand hält.

»Spuren – Die Opfer des NSU«, Regie: Aysun Bademsoy, BRD 2020, 81 Min., bereits angelaufen

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