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Aus: Ausgabe vom 15.02.2020, Seite 8 / Feuilleton
Singebewegung

»Es wurde ein Fenster aufgestoßen«

Erinnerungen an das »Festival des politischen Liedes«. Gespräch mit Lutz Kirchenwitz
Interview: Alexander Reich
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War insgesamt viermal dabei: Franz Josef Degenhardt beim »Festival des politischen Liedes« (Palast der Republik, Februar 1986)

Heute vor 50 Jahren, am 15. Februar 1970, wurde in Ostberlin das erste »Festival des politischen Liedes« eröffnet. Wie kam es dazu?

Angeblich soll die Idee auf einer Decke im Freibad Pankow entwickelt worden sein. Jedenfalls beschloss der Oktoberklub – nicht das Politbüro der SED – 1968, ein »sozialistisches Folksong-Festival« zu veranstalten, lud zu seinem Jubiläumskonzert im Februar 1969 schon mal Gruppen aus Dresden und Hoyerswerda, Düsseldorf und Heidelberg, aus Budapest und Moskau ein, und im Februar 1970 fand dann das erste »Festival des politischen Liedes« statt. Das war eine relativ kleine Veranstaltung in der Kongresshalle am Alexanderplatz und im Klub International. Eine italienische Songgruppe trat auf, die Spanier Joan und José, die zu jener Zeit in Westdeutschland lebten und auch schon auf dem zweiten Waldeck-Festival aufgetreten waren, und eine Gruppe junger Südafrikaner, die vom ANC zur Ausbildung in die DDR geschickt worden waren.

Welche DDR-Künstler sind aufgetreten?

Das waren die Liedermacher Reinhold Andert, Kurt Demmler und Hartmut König, die Chansonsängerin Gisela May und neben dem Oktoberklub noch Gruppen aus Dresden und Hoyerswerda. Die Berliner FDJ-Bezirksleitung war der Hauptveranstalter, aber auf die Beine gestellt hatten das Leute aus dem Oktoberklub. Wie gesagt, es war noch eine recht bescheidene Veranstaltung, aber es wurde ein Fenster aufgestoßen für eine enorme Entwicklung in den folgenden zwei Jahrzehnten.

Haben Sie einen Moment vom ersten Festival in Erinnerung?

Besonders angenehm war der Abschlussabend in der Kongresshalle. Alle Festivalteilnehmer aus Ost- und Westeuropa und Afrika waren anwesend, Reinhold Andert machte witzige Moderationen, zwei Bands spielten, Frank Schöbel gab einen improvisierten Gastauftritt. Wir erlebten einen Vorgeschmack auf die Weltfestspiele 1973.

Das Festival wurde bald zu einer »internationalen Institution«, wie Mikis Theodorakis bei seinem zweiten Auftritt 1983 erklärte. Künstler aus mehr als 60 Ländern traten auf. Miriam Makeba, Daniel Viglietti und Billy Bragg kamen je zweimal, Franz Josef Degenhardt viermal, einmal auch die Erste Allgemeine Verunsicherung. Was waren Ihre Höhepunkte?

Die Begegnungen mit chilenischen Künstlern waren für mich besonders prägend. 1971 kamen Quilapayún und Isabel Parra und berichteten vom Wahlsieg der Unidad Popular. Ihr Auftritt war triumphal. Sie sangen »Comienza la vida nueva« – Das neue Leben beginnt. 1973 dann der Schock: Militärputsch! Solidarität mit Chile stand nun im Mittelpunkt des Festivals des politischen Liedes. Viele chilenische Künstler kamen aus dem Exil.

40 Jahre danach, beim »Festival Musik und Politik« 2013, erinnerten wir uns, hörten wieder die Lieder von Quilapayún. Da wurde mir bewusst, wie sehr die Zeitgeschichte für mich mit persönlichen Erinnerungen verknüpft ist.

Dieses Nachfolgefestival wurde 2000 gegründet und hat seitdem in jedem Jahr stattgefunden. Damit ist es nun vorbei?

Ja. Es ist traurig, aber in diesem Jahr wird es kein Festival mehr geben. 2019 war das 20. »Festival Musik und Politik« in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz noch mal ein echter Höhepunkt, aber dann war die Luft raus. Nicht, weil es keine politischen Lieder mehr gibt, sondern weil der Verein »Lied und soziale Bewegungen« es nicht mehr schafft, eine Veranstaltung dieser Größenordnung ehrenamtlich zu stemmen.

Ist es da umso wichtiger, die Erinnerungen wachzuhalten?

Das ist wohl so. Unvergesslich ist für mich Pete Seeger. Anfang 1967 habe ich ihn zum ersten Mal getroffen, er gastierte in Ost- und Westberlin und traf sich mit dem Hootenanny-Klub, der noch in jenem Jahr in Oktoberklub umbenannt wurde. 1986 kam Seeger dann zum »Festival des politischen Liedes«. Wir sangen all die Jahre seine Lieder und ließen uns von ihm inspirieren, von seiner Musizierweise und seiner politischen Haltung. Er war immer engagiert für Frieden und soziale Gerechtigkeit, immer aufgeschlossen gegenüber anderen Kulturen und immer auch freundlich und bescheiden.

Lutz Kirchenwitz, geboren 1945, Kulturwissenschaftler, ehrenamtlich im Oktoberklub und beim »Festival des politischen Liedes«, 1991–2018 Vorsitzender des Vereins »Lied und soziale Bewegungen« und 2000–2012 Leiter des »Festivals Musik und Politik«

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