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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 12 / Thema
Max Horkheimer

Eine Weltsicht kippt

Heute vor 125 Jahren wurde der Philosoph Max Horkheimer geboren. Er sah im Sozialismus zunächst eine neue Renaissance, das Jahr 1933 aber als Beleg für einen epochalen, endgültigen Rückschritt
Von Arnold Schölzel
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Max Horkheimer, geboren am 14. Februar 1895 in Stuttgart, gestorben am 7. Juli 1973 in Nürnberg (Aufnahme aus dem Jahr 1960)

Im Jahr 1939 stellte der im New Yorker Exil lebende Philosoph Max Horkheimer einen Aufsatz unter dem Titel »Die Juden und Europa« fertig. Er selbst setzte unter die Erstpublikation in der von ihm herausgegebenen, in Paris auf Deutsch gedruckten Zeitschrift für Sozialforschung in Klammern: »Abgeschlossen erste Septembertage 1939«. In dem Text steht ein Satz, der viel zitiert wird, nicht selten in Unkenntnis seines Urhebers: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.«

Den ursächlichen Zusammenhang beider betont Horkheimer in dem Artikel mehrfach. Er ist sein zentrales Argument gegen jene Emigranten, die in den kapitalistischen Ländern, die ihnen Asyl gewähren, auf historischen Materialismus, auf Marxismus verzichten: »Aber die totalitäre Ordnung ist nichts anderes als ihre Vorgängerin, die ihre Hemmungen verloren hat. Wie alte Leute zuweilen so böse werden, wie sie im Grunde immer waren, nimmt die Klassenherrschaft am Ende der Epoche die Form der Volksgemeinschaft an.« Und weiter: »Den Mythos der Interessenharmonie hat die Theorie (also der Marxismus, A. S.) zerstört; sie hat den liberalistischen Wirtschaftsprozess als Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen vermittels freier Verträge dargestellt, die durch Ungleichheit des Eigentums erzwungen werden. Die Vermittlung wird jetzt abgeschafft. Der Faschismus ist die Wahrheit der modernen Gesellschaft, die von der Theorie von Anfang an getroffen war. Er fixiert die extremen Unterschiede, die das Wertgesetz am Ende produzierte.«

Nach den Kriterien des sogenannten Verfassungsschutzes der Bundesrepublik und dessen Ideologen auf Hochschullehrstühlen und in Redaktionen wäre Horkheimer mit dieser Sicht auf »liberalen« Kapitalismus und Faschismus ein »Extremist«.

Rücknahme

Er selbst sah das, salopp gesagt, nach dem Zweiten Weltkrieg ähnlich, zögerte jedenfalls vor allem aus politischen Gründen mit einer Neupublikation dieser und anderer Schriften aus den 30er Jahren bis 1968. Er verfasste schließlich ein Vorwort, »dessen Niederschrift – das belegen zahlreiche Entwürfe – Horkheimer sich hat sauer werden lassen« –, so der Herausgeber des Bandes 4 (von 19) der »Gesammelten Schriften«, Alfred Schmidt, im Jahr 1987. Zentraler Punkt der Rücknahme war die ökonomisch-materialistische Analyse des Faschismus, eben die These, dass dieser aus Kapitalismus entsteht und aus nichts anderem. In den 30er Jahren, zitiert Schmidt aus Notizen Horkheimers von 1964, sei es noch möglich gewesen, »mit einem festen theoretischen Gefüge das gesellschaftliche Ganze zu fassen«. Das sei nach dem Zweiten Weltkrieg immer problematischer geworden, weil sich die Lage der Arbeiterklasse in den entwickelten Ländern des Westens verändert habe: »Zumindest dem subjektiven Bewusstsein nach ist das Proletariat integriert.« Horkheimer sieht im Kalten Krieg eher eine Konvergenz von Imperialismus und Sozialismus als eine Konfrontation, er spricht von einer »verwalteten Welt«: »Die zentrale Regelung des Lebens, die jede Einzelheit planende Verwaltung, sogenannte strikte Rationalität, erweist sich als historischer Kompromiss. Schon zur Zeit des Nationalsozialismus war ersichtlich, dass totalitäre Lenkung (...) ein Symptom des Ganges der Gesellschaft war. Perfektionierung der Technik, Ausbreitung von Verkehr und Kommunikation, Vermehrung der Bevölkerung treiben zur straffen Organisation.« Statt Aufklärung oder gar Veränderung bleibe lediglich, das »Erkannte auszudrücken und dadurch (...) zu helfen, neuen Terror abzuwenden«.

Das klang pessimistisch und fatal und war auch so gemeint. Angelegt war dies schon in dem Aufsatz von 1939, etwa in einer Passage wie dieser: »Im Spätkapitalismus verwandeln sich die Völker zuerst in Unterstützungsempfänger und dann in Gefolgschaften.« An die Stelle konkreter Gesellschaftsanalyse und der in ihr wirkenden Klassen oder wenigstens sozialen Gruppen setzte er die ihrer Herkunft nach gegenaufklärerische Idee, wonach »die Existenz der Individuen« im 20. Jahrhundert »wieder bis in alle Einzelheiten kontrolliert wird«. Damit war weniger die staatliche Überwachung gemeint oder gar eine Manipulationsmaschinerie durch Massenmedien oder Internet, als vielmehr der vorgebliche Verlust der Fähigkeit, soziale Widersprüche zu artikulieren und sie kämpferisch auszutragen. Das gehört für ihn der Zeit vor 1933 an. Nach dem Ersten Weltkrieg, heißt es 1939, habe sich die Frage noch praktisch gestellt: »Die deutschen Arbeiter besaßen die Qualifikation zur neuen Einrichtung der Welt. Sie wurden besiegt.« Und er konstatiert: »Dass nach dem Verrat der eigenen Bürokratie seit 1914, nach der Entwicklung der Parteien zu weltumspannenden Maschinerien zur Vernichtung der Spontaneität, nach der Ermordung der Revolutionäre die Arbeiter sich gegen die totalitäre Ordnung neutral verhalten, ist kein Zeichen von Verblödung. Die Erinnerung an die 14 Jahre hat mehr Reize für die Intellektuellen als für das Proletariat. Der Faschismus hat ihm vielleicht nicht weniger zu bieten als die Weimarer Republik, die den Faschismus aufzog.« Der Blick voraus ist entsprechend düster: »Die Hoffnung der Juden, die sich an den zweiten Weltkrieg heftet, ist armselig. Wie er auch enden mag, die lückenlose Militarisierung führt die Welt weiter in autoritär-kollektivistische Lebensformen hinein.«

Diese Weltsicht behielt Horkheimer, der 1949 an die Universität Frankfurt am Main zurückkehrte und sich von alten Nazis umstellt sah, bis zu seinem Tod am 7. Juli 1973 in Nürnberg bei. Sie drückte sich zeitweilig in einer regelrechten Phobie aus, mit »Links« identifiziert zu werden.

Die Wirkung aber nicht nur seines Aufsatzes von 1939, sondern auch eines großen Teil seines übrigen Werkes, war dem entgegengesetzt. Horkheimers Werk bis hin zu diesem Aufsatz und darüber hinaus, gehört zum Erbe antifaschistischer Literatur. In Zeiten, da die Umwandlung des liberalen Verfassungsstaates hin zu autoritären Herrschaftsformen wieder einmal in vollem Gange ist, der Status der sogenannten Mittelschichten, wozu auch die gutbezahlten Teile der Arbeiterklasse gehören, unsicher geworden ist, das Millionenheer der prekär Beschäftigten in den industrialisierten Ländern ständig wächst und der Imperialismus dabei ist, die Welt in mehrfacher Hinsicht in Flammen zu setzen, lohnt sich ein Blick auf Aussagen Horkheimers zu diesen Themen. Geboren am 14. Februar 1895 verkörperte er zeitweilig den Typus eines mit der Arbeiterbewegung sympathisierenden und sie erforschenden, aber ihr kritische Fragen stellenden parteiunabhängigen Wissenschaftlers, den Lenin nach der Oktoberrevolution als wichtigen Begleiter der Sowjetmacht sah und entsprechend fördern wollte. Unbestätigt, aber denkbar ist, dass Horkheimer sogar für einige Zeit in den 20er Jahren Mitglied der KPD war.

Feuchtwangers Perspektive

Sein 1939 fertiggestellter Text stand nicht allein. Es war Zufall und zugleich kein Zufall, dass der Schriftsteller Lion Feuchtwanger zur selben Zeit Ähnliches notierte – allerdings mit völlig anderer Perspektive. Er schrieb im Oktober 1939 als Emigrant in Frankreich ein Nachwort zu seinem im August desselben Jahres abgeschlossenen Roman »Exil«, dem dritten Teil seines Zyklus »Der Wartesaal«. Darin heißt es: »Inhalt des Roman-Zyklus sind die Geschehnisse in Deutschland zwischen den Kriegen von 1914 und 1939, das heißt der Wiedereinbruch der Barbarei in Deutschland und ihr zeitweiliger Sieg über die Vernunft. Zweck der Trilogie ist, diese schlimme Zeit des Wartens und des Übergangs, die dunkelste, welche Deutschland seit dem Dreißigjährigen Krieg erlebt hat, für die Späteren lebendig zu machen. Denn es wird diesen Späteren unverständlich sein, wie wir ein solches Leben so lange ertragen konnten, sie werden nicht begreifen, warum wir so lange zuwarteten, ehe wir die einzig vernünftige Schlussfolgerung zogen, die nämlich, der Herrschaft der Gewalt und des Widersinns unsererseits mittels Gewalt ein Ende zu setzen und an ihrer Statt eine vernünftige Ordnung herzustellen.« Er sei sich bewusst gewesen, dass er sich »vor den Widersprüchen, vor dem Dialektischen unserer Epoche« nicht drücken durfte. Er sei überzeugt, »dass die ungeheure, blutige Groteske, die sich in uns und an uns allen austobt, enden wird mit dem Sieg der Vernunft über die Dummheit«.

Diese Zuversicht hatte Horkheimer, der prägende Impulse früh aus der pessimistischen Mitleidensphilosophie Arthur Schopenhauers empfangen hatte, wahrscheinlich nie. In der Diagnose der Zeit traf er sich um so mehr mit Feuchtwanger. Das Wort »Gewalt« zur Abwehr der von diesem genannten Barbarei scheute er allerdings, obwohl er die antisemitischen Mordgelüste, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs in Deutschland grassierten, mit größter Aufmerksamkeit und Besorgnis registriert hatte. Der 31. Januar 1933 war für ihn insofern keine Überraschung – er hatte seit dem Hitlerputsch von 1923 genau damit gerechnet und Vorsorge getroffen: Das Stiftungsvermögen des von ihm seit 1932 geleiteten Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main, das nicht zuletzt auf Grund einer Anregung und mit Hilfe von Richard Sorge 1924 gegründet worden war, deponierte er im Ausland. Es wurde zur finanziellen Basis für das Überleben einer Reihe antifaschistischer Autoren im Exil.

Die Texte Horkheimers und Feuchtwangers aus dem Jahr 1939 sind repräsentativ für kämpferische Antifaschisten aus dem Bürgertum in jener Zeit. Ihr Engagement verband diese Intellektuellen mit der Arbeiterbewegung. Wo allerdings die Perspektive, die z. B. Feuchtwanger mit Blick auf die Sowjetunion hatte, schwand, verloren sich auch Engagement und die Bindung an Kommunisten oder Sozialdemokraten. Bertolt Brechts ätzende Bemerkungen in seinem »Arbeitsjournal« über Begegnungen mit Horkheimer in Kalifornien in den 40er Jahre sprechen für sich: Der Dichter hielt den Philosophen für einen ausgemachten »Tui«, einen »Weißwäscher«.

Historische Zäsur 1933

Vor diesem Hintergrund müssen das Leben Horkheimers und die Geschichte der sogenannten Frankfurter Schule, deren Entstehen mit seinem Namen verbunden ist, gesehen werden. Er und die anderen Vertreter der Gründungsgeneration des Instituts für Sozialforschung, in dessen Gebäude sich bis 1933 auch die deutsche Außenstelle der in Moskau entstehenden Marx-Engels-Gesamtausgabe befand, erlebten als junge Leute den Ersten Weltkrieg und die Konterrevolution von 1918/19, die von Anfang an faschistische Züge trug. Sie begriffen den Sozialismus als Alternative, verstanden ihre eigene Tätigkeit als Forscher und Theoretiker als Beitrag zur Abwehr von Faschismus. Als aber die rasche Vernichtung der Menschheit mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki 1945 endgültig zur realen Möglichkeit wurde, reagierten sie weitgehend mit Resignation und Anpassung. In der Auseinandersetzung marxistischer Philosophen mit der Frankfurter Schule im Kalten Krieg stand dies oft im Vordergrund – zu Recht. Das Kokettieren mit dem Marxismus diente ab den 60er Jahren nicht zuletzt dazu, jüngere Generationen der kapitalistischen Länder gegen den Marxismus und erst recht gegen den Leninismus abzuschotten. Das schmälert nicht das, was Horkheimer, Herbert Marcuse, Friedrich Pollock, Theodor W. Adorno und andere gegen Krieg und Faschismus dachten und taten.

Hier seien als ein weiteres Beispiel dafür Horkheimers »Notizen in Deutschland« angeführt. Sie waren vor 1933 entstanden und erschienen erstmals 1934 in Zürich unter dem Pseudonym Heinrich Regius. Sie dokumentieren, dass der Autor zu dieser Zeit seine Epoche als die des Übergangs zum Sozialismus und den Marxismus als dessen adäquate Theorie betrachtete. Der Sieg des Faschismus änderte diese Sicht grundlegend, wie Horkheimer im Vorwort, das auf Februar 1933 datiert ist, festhält: »Dieses Buch ist veraltet. Die in ihm enthaltenen Gedanken sind gelegentliche Notizen aus den Jahren 1926 bis 1931 in Deutschland (...) Da sie der Zeit vor dem endgültigen Sieg des Nationalsozialismus angehören, betreffen sie eine heute schon überholte Welt.«

Die Zeit vor der Machtübergabe an den Faschismus hatte für ihn mit der danach wenig zu tun. In den Notizen aber hält er, anders als 1939, den zukünftigen Gang der Geschichte für offen. Wo die Vorbemerkung ein Ende und einen scharfen Schnitt sieht, wird in ihnen die Möglichkeit eines Neuanfangs gezeichnet. Bereits der erste Text unter dem Titel »Dämmerung« bringt das zum Ausdruck: »Je windiger es um notwendige Ideologien bestellt ist, mit desto grausameren Mitteln muss man sie schützen. Der Grad des Eifers und des Schreckens, mit denen wankende Götzen verteidigt werden, zeigt, wie weit die Dämmerung schon fortgeschritten ist. Der Verstand der Massen hat in Europa mit der großen Industrie so zugenommen, dass die heiligsten Güter vor ihm behütet werden müssen.« Der Imperialismus habe eine neue, feinere – nämlich durch Apologie und Zuchthäuser, Arbeitslosigkeit und Elend charakterisierte – Inquisition an die Stelle der mittelalterlichen mit ihren Holzstößen gesetzt. »Die Gegner der Inquisition haben jene Dämmerung zum Anbruch eines Tages gemacht, auch die Dämmerung des Kapitalismus braucht nicht die Nacht der Menschheit einzuleiten, die ihr heute freilich zu drohen scheint.«

Die Parallele, die Horkheimer zur Renaissance zieht, ist nicht zufällig, sie bleibt in bestimmter Weise ein Grundmotiv seines Denkens. Mit ihr beginnt allerdings später für ihn die »Finsternis der Vernunft«, so der englische Titel seines Buches von 1947, das er auf deutsch als »Kritik der instrumentellen Vernunft« erscheinen ließ. Er setzte damit fort, was er in dem mit Adorno seit Anfang der 40er Jahre verfassten Hauptwerk »Dialektik der Aufklärung« bereits formuliert hatte. Vor 1933 war aber für ihn klar: Die neue Renaissance besteht im Aufbau von Sozialismus.

Theorie und Praxis

Die Haltung dazu ist für ihn sogar ein ethischer Maßstab: »Was für die bourgeoisen Gelehrten ein Übergang von einem zum andern Systemglied ist, ein ›Problem‹ wie andere auch, eine Sache, der sie bestenfalls durch einige verständnisvolle Seiten in einem Lehrbuch ›gerecht‹ werden: die Lösung der Frage, ob die Klassengesellschaft weiterbesteht oder ob es gelingt, den Sozialismus an ihre Stelle zu setzen, entscheidet über den Fortschritt der Menschheit oder ihren Untergang in Barbarei. Wie sich einer zu ihr stellt, bestimmt nicht bloß das Verhältnis seines Lebens zum Leben der Menschheit, sondern auch den Grad der Moralität.« Und weiter: »Es ist bekannt, dass die Bourgeoisie über alles ›diskutieren‹ kann. Diese Möglichkeit gehört zu ihrer Stärke. Im allgemeinen gewährt sie Gedankenfreiheit. Nur wo der Gedanke eine unmittelbar zur Praxis treibende Gefahr annimmt, wo er in der akademischen Sphäre zu ›unwissenschaftlich‹ wird, da hört auch die Gemütlichkeit auf. Die bloße Skepsis ist wesentlich ein Ausdruck dafür, dass die Grenzen der Theorie gewahrt bleiben. Das Gegenteil dieser Skepsis ist weder der Optimismus noch das Dogma, sondern die proletarische Praxis. Wenn der Sozialismus unwahrscheinlich ist, bedarf es der um so verzweifelteren Entschlossenheit, ihn wahrzumachen. Was ihm entgegensteht, sind nicht die technischen Schwierigkeiten seiner Durchführung, sondern der Machtapparat der Herrschenden.«

Die praxisferne Beschäftigung mit Marxismus im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb erscheint Horkheimer damals als ebenso bloß betrachtend, als kontemplativ wie der sogenannte Marxismus der II. Internationale. Damit hatte er recht, und das gilt bis hin zur »Neuen Marx-Lektüre« der Gegenwart. Das vor allem in der Sozialdemokratie vorherrschende Marxismusverständnis, wonach dieser eine ökonomistische Methode zur Vorhersage eines ohnehin unausweichlichen Sozialismus ist, hat sich ebenfalls in das 21. Jahrhundert hineingerettet. Horkheimer hat zu dieser Betrachtung von Sozialismus als einer »Naturnotwendigkeit« klassisch formuliert: »Wenn aber die Skepsis schlecht ist, so ist die Gewissheit um nichts besser. Die Illusion des naturnotwendigen Eintritts der sozialistischen Ordnung gefährdet das richtige Handeln kaum weniger als der skeptische Unglaube. Wenn Marx den Sozialismus nicht bewiesen hat, so hat er gezeigt, dass es im Kapitalismus Entwicklungstendenzen gibt, welche ihn möglich machen. Die an ihm Interessierten wissen, wo sie anzugreifen haben. Die sozialistische Gesellschaftsordnung wird von der Weltgeschichte nicht verhindert, sie ist historisch möglich; verwirklicht wird sie aber nicht von einer der Geschichte immanenten Logik, sondern von den an der Theorie geschulten, zum Bessern entschlossenen Menschen oder überhaupt nicht«.

Zweifel an der Existenz gesellschaftlicher Kräfte, die dazu in der Lage sind, finden sich allerdings auch in den Notizen. Letztlich sieht Horkheimer niemanden, der in der Lage wäre, Entfremdung zu überwinden. Denn allen Gliedern der Gesellschaft trete »die von ihnen selbst in ihrer gesellschaftlichen Tätigkeit geschaffene Wirklichkeit als etwas Fremdes, nach dem sie sich zu richten haben«, gegenüber. Es gebe so »zwar viele Urheber, aber kein bewusstes und somit freies Subjekt der gesellschaftlichen Verhältnisse, und die Menschen müssen sich den Zuständen, die sie doch fortwährend selbst hervorbringen, als einem Fremden, Übermächtigen unterwerfen.«

Dennoch: Horkheimers Weltsicht kippt noch nicht in pessimistischen Fatalismus um wie im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Entscheidend bleibt zu diesem Zeitpunkt für ihn, dass der Kapitalismus Menschen hervorbringt, die ein Lebensinteresse an einer anderen, einer sozialistischen Gesellschaft haben. Allerdings hebt er Veränderungen in der Arbeiterklasse hervor, die den Prozess zumindest verlangsamen: »Heute passt der Name des Proletariats als einer Klasse, welche die negative Seite der gegenwärtigen Ordnung, das Elend, an ihrer eigenen Existenz erfährt, so verschieden auf ihre Bestandteile, dass die Revolution leicht als eine partikulare Angelegenheit erscheint. Für die beschäftigten Arbeiter, deren Lohn und langjährige Zugehörigkeit zu Gewerkschaften und Verbänden eine gewisse, wenn auch geringe Sicherheit für die Zukunft ermöglicht, bedeuten alle politischen Aktionen die Gefahr eines ungeheuren Verlusts. Sie, die regulären, ordentlichen Arbeiter, befinden sich im Gegensatz zu jenen, die auch noch heute nichts zu verlieren haben als ihre Ketten.«

Arbeit und Elend sind aus seiner Sicht auf verschiedene Träger verteilt, eine Unterschicht des Proletariats erfahre alle Leiden der Klasse in konzentrierter Weise: »Diese unmittelbar und am dringendsten an der Revolution interessierten Arbeitslosen besitzen aber nicht wie das Proletariat der Vorkriegszeit die Bildungsfähigkeit und Organisierbarkeit, das Klassenbewusstsein und die Zuverlässigkeit der in der Regel doch in den kapitalistischen Betrieb Eingegliederten. Diese Masse ist schwankend, organisatorisch ist wenig mit ihr anzufangen. Den Jüngeren, die nie im Arbeitsprozess standen, fehlt bei allem Glauben das Verständnis der Theorie.« Am Sozialismus seien so zwar alle Mitglieder der Arbeiterklasse interessiert, aber die einen nur verschwommen, die anderen ohne das nötige Rüstzeug. Das drücke sich in der Existenz der beiden Arbeiterparteien aus. Alles zusammengenommen verurteile »die Arbeiter zur faktischen Ohnmacht«.

Ohne politische Konsequenz

Hier ist unschwer zu sehen: Das trifft den Kern auch heutiger Debatten zur Arbeiterklasse und ihren Organisationen. Charakteristisch für Horkheimer ist aber auch, dass er seine Beobachtungen nicht weiterführt zu politischen Konsequenzen. Den Kommunisten wirft er vor: »Die Prinzipien nehmen nicht durch die Menge des theoretisch verarbeiteten Stoffs eine zeitgemäße Gestalt an, sondern werden undialektisch festgehalten. Die politische Praxis entbehrt daher auch der Ausnutzung aller gegebenen Möglichkeiten zur Verstärkung der politischen Positionen und erschöpft sich vielfach in erfolglosem Befehlen und moralischer Zurechtweisung der Ungehorsamen und Treulosen.«

Lässt sich das als distanziertes Wohlwollen interpretieren, gilt den Sozialdemokraten nur Trauer: »Im Gegensatz zum Kommunismus hat der reformistische Flügel der Arbeiterbewegung das Wissen um die Unmöglichkeit einer wirksamen Verbesserung der menschlichen Verhältnisse auf kapitalistischem Boden verloren. Alle Elemente der Theorie sind ihm abhandengekommen, seine Führung ist das genaue Abbild der sichersten Mitglieder: viele suchen sich mit allen Mitteln, selbst unter Preisgabe der einfachen Treue, auf ihren Posten zu erhalten; die Angst, ihre Stellung zu verlieren, wird nach und nach der einzige Erklärungsgrund ihrer Handlungen.«

Der Marxismus werde als ärgerlicher Irrtum abgetan, jeder präzise theoretische Standpunkt sei verhasster als das Bürgertum. Ihre Ideologen seien Nachfahren des bürgerlichen Positivismus insofern, als sie gegen die Theorie und für die Anerkennung von Tatsachen seien. Sie gingen aber noch darüber hinaus, indem sie auch noch die Erkenntnis von Tatsachen relativierten. »Alternative Fakten« sind keine Erfindung aus den USA der Gegenwart. Das Resultat, so Horkheimer, sei ein praxisferner Schematismus: »Die Prinzipien dieser späten demokratischen Philosophie sind selbst noch ebenso starr wie die ihrer Vorgänger, aber dabei so abstrakt und zerbrechlich, dass ihre Autoren eine unglückliche Liebe zum ›Konkreten‹ gefasst haben, das sich doch nur dem aus der Praxis entspringenden Interesse erschließt. Das Konkrete ist ihnen der Stoff, mit dem sie ihre Schematismen füllen, er wird bei ihnen nicht durch die bewusste Parteinahme im geschichtlichen Kampf, über dem sie vielmehr zu schweben glauben, organisiert.« Die Sozialdemokraten hätten so stets viel zuviel Gründe, die Kommunisten zuwenig. Die einen lieferten eine Vielfalt der Gesichtspunkte, die anderen beriefen sich statt auf Gründe auf Autorität. Dennoch gelte: »In beiden Parteien existiert ein Teil der Kräfte, von denen die Zukunft der Menschheit abhängt.«

Horkheimer spricht auch aus, wo er »Dämmerung« im Sinn von Renaissance sieht: »Im Jahr 1930 wirft die Stellung zu Russland Licht auf die Denkart der Menschen. Es ist höchst problematisch, wie die Dinge dort liegen. Ich mache mich nicht anheischig zu wissen, wohin das Land steuert; zweifellos gibt es viel Elend. Aber wer unter den Gebildeten vom Hauch der Anstrengung nichts verspürt und sich leichtsinnig überhebt, wer sich in diesem Punkt der Notwendigkeit zu denken entzieht, ist ein armseliger Kamerad, dessen Gesellschaft keinen Gewinn bringt. Wer Augen für die sinnlose, keineswegs durch technische Ohnmacht zu erklärende Ungerechtigkeit der imperialistischen Welt besitzt, wird die Ereignisse in Russland als den fortgesetzten, schmerzlichen Versuch betrachten, diese furchtbare gesellschaftliche Ungerechtigkeit zu überwinden, oder er wird wenigstens klopfenden Herzens fragen, ob dieser Versuch noch andauere.« In der Oktoberrevolution und der Existenz von Sozialismus sieht er zu dieser Zeit das für sein eigenes Denken Bestimmende: »Als Kant die ersten Nachrichten über die Französische Revolution bekam, soll er seinen gewohnten Spaziergang von da an geändert haben. Auch die Philosophen der Gegenwart wittern Morgenluft, aber nicht für die Menschheit, sondern für das scheußliche Gespensterreich ihrer Metaphysik.«

Mit dem Faschismus an der Macht und dem von ihm vorbereiteten und begonnenen Weltkrieg ändert sich, wie gesagt, das alles grundlegend. Nicht die Revolution ist nun oberster Gegenstand von Theorie, sondern die Konterrevolution. An die Stelle einer sich Dialektik aneignenden Aufklärung tritt die »Dialektik der Aufklärung«: Nicht Anspruch der Vernunft, sondern deren Zerfall. Allein Erstarrung, nicht Veränderung soll Thema von Philosophie sein. Den versteinerten Verhältnissen wird nicht ihre eigene Melodie vorgespielt, sondern die Versteinerung als gegeben proklamiert. Ein wahrhaft metaphysisches Gespensterreich, das den Sieg über den Faschismus, die Befreiung kolonial unterdrückter Völker und die Verhinderung des nächsten Weltkriegs durch den Sozialismus ignoriert. Horkheimer hat mit seinen frühen Schriften seine späten Arbeiten widerlegt. Auch das gehört zur Geschichte der Konterrevolution im 20. Jahrhundert.

Arnold Schölzel ist ehemaliger Chefredakteur von junge Welt.

Debatte

  • Beitrag von Josie Michel-Brüning aus Jülich (14. Februar 2020 um 16:12 Uhr)
    Vielen, vielen Dank an Arnold Schölzel für diese Erinnerung an die Schriften Horkheimers !

    Sie kommt meiner Meinung nach genau zum richtigen Zeitpunkt.

    Gegen alle Resignation und auch von Horkheimer schon ausgedrückten Pessimismus: Vielleicht hilft es ja doch noch, mit seiner Hilfe das »Erkannte auszudrücken und dadurch (...) zu helfen, neuen Terror abzuwenden«.

    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Franz Anger: Zweierlei Vernunft Dass der Philosoph Max Horkheimer sich vom gescheiten Sympathisanten der kommunistischen Arbeiterbewegung zu einem griesgrämigen Pessimisten à la Schopenhauer gewandelt habe, ist wahr. Unwahr hingegen...
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