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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Durch die schwarze Brille

Jakob Dobers stellt sein neues Soloalbum in der Berliner Kantine am Berghain vor
Von Markus von Schwerin
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Songs übers Verschwinden letzter Freiräume und über rechte Philosophen: Jakob Dobers

Donnerwetter, der schwarzgelockte Bartmann, der da in dottergelbem T-Shirt und Jeansjacke auf einer Berliner S-Bahnbrücke posiert und seine Augen hinter einer dunklen Seventies-Sonnenbrille versteckt, schaut ganz schön finster drein.

Beim Cover von Jakob Dobers’ Soloalbum »Der Rest vom Licht« müssen selbst die mit der Berliner Antifolkszene Vertrauten zweimal hinsehen, um die männliche Hälfte des beliebten Duos Sorry Gilberto zu identifizieren. Denn auch wenn der schlaksige Hüne in den Sorry-Gilberto-Videos immer wieder beweist, dass er neben der Schauspielerin und Sängerin Anne von Keller ebenfalls keinen schlechten Mimen gibt, bringt man die Pimp-Pose nicht ohne weiteres mit der Bühnenpräsenz des Ukulele spielenden Geschichtenerzählers zusammen.

Doch die Zeit, als Berlin sich nach Brooklyn zur zweiten Hochburg der Freefolkbewegung zu mausern schien und sich im Schokoladen oder im »Madame Claude« Expats wie Jeffrey Lewis, Freschard und André Herman Düne begrüßten, liegt über zehn Jahre zurück. Insofern kann Dobers, der bereits anno 1991 von der Lüneburger Heide in den Prenzlauer Berg zog (und heute in Neukölln lebt) kurz mal sein Lächeln verlieren und den »Rest vom Licht« konstatieren. Wobei der Titelsong, mit dem die LP ausklingt, schon ein Jahrzehnt auf dem Buckel hat und sich auch in seinem Akustikarrangement von den übrigen zwölf Liedern unterscheidet, die alle auf die Kraft verzerrter E-Gitarren und einer stoisch straighten Rhythmusgruppe setzen.

Was wiederum mit den Inhalten bestens korrespondiert, wenn etwa das Verschwinden der letzten Freiräume in der Wahlheimat beschrieben wird: »Und auch wenn die Brachen zwischen den Häusern / Nur Lücken für die sind, die sie veräußern / Bis endlich der Zauber zerbricht – die Aquatones singen für dich.« Die immer abrufbereiten lebensfrohen Gesänge der New Yorker Doo-Wop-Truppe aus den 50er Jahren stehen im Refrain hier für die Methode des Erzählers, sich bei aller wahrgenommenen Tristesse nicht die Laune verderben zu lassen.

Dobers ist es gelungen, die Lakonik seiner englischsprachigen Sorry-Gilberto-Texte auch bei den neuen deutschsprachigen Stücken zur Geltung zu bringen. Was sie deutlich von den Liedern unterscheidet, die Dobers für seine erste Band Zimtfisch schrieb. Die feierte um die Jahrtausendwende zwar in der Kleinkunstszene große Erfolge, wurde aber von der damaligen Indiepoppolizei trotz einer CD bei Alfred Hilsbergs Label »What’s so funny about« ignoriert.

Nun waren zu perlenden Pianoklängen gebotene Kontemplationen wie »Ein trauriger Mann läuft am Strand entlang und beschäftigt sich mit seinem Leben / Er weiß nicht, hat er was falsch gemacht, oder hat es sich bloß so ergeben« wohl tatsächlich eher dazu geschaffen, in Dobers Elterngeneration ein wohlwollendes Schmunzeln wachzurufen als bei gleichaltrigen Die-Sterne-Fans zu punkten. Doch wenn er jetzt zu rückwärts laufenden Psychedeliagitarren die Marc-Jongen-Masche in zwei Zeilen zusammenfasst (»Rechte Philosophen träumen von der Tiefe, träumen vom Leid / Sie sitzen nackt im Sessel und benutzen die Begriffe – wie ein Überkleid«), zeigt Dobers, dass sich die jahrelange Beschäftigung mit den Silver-Jews-Platten des jüngst verstorbenen David Berman im eigenen Werk wunderbar niedergeschlagen hat.

Jakob Dobers: »Der Rest vom Licht« (Staatsakt/Bertus/Zebralution)

Record-Release-Konzert mit Band und Matching Outfits, heute, 20 Uhr, Kantine am Berghain

Regio:

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