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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Jahrespressekonferenz

Eigenlob stinkt

Niedersächsische Seehäfen freuen sich über Bilanz des Güterumschlags für 2019. Frühere Spitzenwerte trotz Milliardeninvestitionen nicht erreicht
Von Burkhard Ilschner
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Was lieber nicht an die große Glocke gehängt wird: Die ausgebauten Häfen sind trotz gestiegenen Umschlags nicht ausgelastet (Emden, 9.3.2018)

Die neun landeseigenen niedersächsischen Seehäfen zeigen sich zufrieden: Rund 53,5 Millionen Tonnen Seegüter seien 2019 in Brake, Cuxhaven, Emden, Leer, Nordenham, Oldenburg, Papenburg, Stade und Wilhelmshaven umgeschlagen worden, verkündeten Mitte der Woche Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU), die Hafenmarketinggesellschaft »Seaports Niedersachsen« sowie die staatliche Hafenverwaltung »Niedersachsen Ports« bei der gemeinsamen Jahrespressekonferenz in Oldenburg.

Geschickte Statistiker finden fast immer einen Bezugswert, der eine aktuelle Zahl im Vergleich prima aussehen lässt: Das Jahresergebnis bedeute einen Zuwachs von rund sieben Prozent gegenüber 2018 (rund 50 Millionen Tonnen) und überträfe selbst »das herausragende Ergebnis des Jahres 2017« (53,4 Millionen Tonnen). Damit nicht genug: Es sei sogar »das beste Ergebnis seit der globalen Finanzkrise im Jahre 2008«.

Dieser Vergleich allerdings ist skurril: Anfang 2009 wurden für das krisenauslösende Vorjahr zwar noch 62,326 Millionen Tonnen Umschlag bilanziert, dieser Wert sackte dann 2009 auf 52,240 Millionen Tonnen ab. Schaut man genauer hin, stellt man zum einen fest, dass schon der 2008er Wert einen Einbruch markiert hatte – zuvor waren bereits Ergebnisse von bis zu 66,6 Millionen Tonnen erreicht worden. Zum anderen muss hier unbedingt erwähnt werden, dass in den vergangenen 15 Jahren in etlichen der Landeshäfen erhebliche Investitionen getätigt und ihre Kapazitäten so beträchtlich ausgebaut und modernisiert worden sind. Wenn aber Steuermilliarden in Flussufer und Küsten versenkt werden, ohne dass dies die Ergebnisse erheblich aufbessert, scheinen Lobeshymnen kaum angemessen.

Gerade eben hat die 2005 gegründete N-Ports ihr Jubiläum gefeiert: Man habe in den 15 Jahren »nahezu eine Milliarde Euro in den Ausbau und die Unterhaltung der Häfen investiert«. In Brake wurde die Anlage nach Norden erweitert, in Cuxhaven an der Elbmündung entstand eine Offshorebasis, Schleusen und Umschlagsanlagen wurden modernisiert, unter anderem in Emden und Wilhelmshaven; wobei hier nicht unerwähnt bleiben darf, dass die Milliarde für den Tiefwasser-Containerhafen Jade-Weser-Port von Niedersachsen nur zu einem kleineren Teil finanziert worden ist. Aktuell freut sich N-Ports darüber, dass die Landesregierung auf ihre noch vor Monaten erwogene Kürzung der Zuschüsse verzichtet; 2020 könnten so rund 40 Millionen Euro in die Landeshäfen investiert werden. Und Althusmann betonte bereits jetzt, es sei geplant, diese Höhe auch 2021 beizubehalten.

Und wofür? Es ist unstrittig, dass ein Wert von sieben Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr sich politisch gut verkaufen lässt, etwa zur Rechtfertigung besagter Investitionen. Untersucht man das aber genauer, zeigt sich schnell, dass auch in den Teilergebnissen einzelner Häfen oder Güterarten viel schöngeredet wird. Zwei Beispiele: Wenn für Cuxhavens Umschlag von »festem Massengut«, was unter anderem Baustoffe meint, für 2019 ein Umschlagsergebnis von 1,02 Millionen Tonnen verkündet wird – ein stolzes Plus von 167 Prozent gegenüber dem Vorjahr –, dann lohnt ein Blick weiter zurück: Während für diese Güterart nämlich 2018 ein Umschlag »fast auf Vorjahresniveau« festgestellt worden war, hatte es in jenem Jahr 2017 gegenüber 2016 ein dickes Minus gegeben. Gründe für derartiges Auf und Ab, das zeigen die Jahresberichte selbst auf, sind unter anderem »unterschiedliche Bautätigkeiten (...) in den jeweiligen Jahren«; zu nennen wäre etwa die Errichtung des Siemens-Gamesa-Werks für Offshorewindkraft oder das »Geschenk« der öffentlichen Hand an den Investor, die Eigeninvestition »Offshorebasis«.

Auch ein Wachstum von 21 Prozent für »flüssiges Massengut« in Wilhelmshaven klingt nach Erfolg, meint aber nur, dass nach dem Vorjahreseinbruch beim Rohölumschlag – vor allem wegen des Niedrigwassers auf dem Rhein als Zufahrt zu den Hinterland-Raffinerien – 2019 eine Art Normalisierung eingetreten ist. Dumm nur, dass die sogenannte Energiewende unter anderem mit einem Ausstieg aus der Kohleverstromung einhergeht und demzufolge zu »stark reduzierten Mengen« beim Kohleumschlag führt. Der Jade-Weser-Port übrigens ist auch in seinem mittlerweile siebten Jahr nicht recht voran gekommen (jW vom 4. Oktober 2017): Der auf eine Kapazität von 2,7 Millionen TEU (Maß für einen Standardcontainer) ausgelegte Hafen verbuchte 2019 mit 639.084 TEU ein Minus von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr – was Betreiber und die Eignerländer Bremen und Niedersachsen nicht hindert, die Planung der nächsten Ausbaustufe fortzusetzen.

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