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Aus: Ausgabe vom 14.02.2020, Seite 8 / Ansichten

Abgehängte Kriegstreiber

NATO und russische Militärtechnik
Von Jörg Kronauer
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Die russischen Hyperschallwaffen waren Thema bei dem gestern zu Ende gegangenen Treffen der NATO-Außenminister (Brüssel, 12. Februar)

Ob da was nach hinten losgegangen ist? Da rüstet die NATO seit Jahren stolz gegen Russland auf, protzt mit ihrer neuen Schnellen Eingreiftruppe, der NATO-»Speerspitze«, stationiert Bataillone in größtmöglicher Nähe zur russischen Grenze; die Vereinigten Staaten tragen zudem mit ihrem größten Manöver in Europa seit einem Vierteljahrhundert – mit »Defender Europe 2020«, das die Mobilmachung in Richtung Osten probt – richtig dick auf. Und Russland – wankt es jetzt endlich unter dem Druck des westlichen Militäraufmarschs und der Wirtschaftssanktionen? Nun, rund läuft es für Moskau sicherlich nicht. Doch ist es der russischen Militärindustrie offenkundig gelungen, im potentiell massenmörderischen Wettrüsten zumindest an einer Stelle etwas in die Offensive zu kommen: Mit ihren neuen Hyperschallwaffen hat sie selbst die NATO-Vormacht USA auf dem falschen Fuß erwischt.

Die russischen Hyperschallwaffen waren Thema bei dem gestern zu Ende gegangenen Treffen der NATO-Außenminister. Die Raketenabwehr des Militärbündnisses könne bereits die Luft-Boden-Rakete »Kinschal«, die wohl zehnfache Schallgeschwindigkeit erreiche, nicht unschädlich machen, hieß es am Rande der Zusammenkunft. Das gelte erst recht für den Hyperschallgleiter »Awangard«, der mit mehr als zwanzigfacher Schallgeschwindigkeit fliege und sich dabei auch noch in Wellenbewegungen fortbewegen könne. Ende Dezember hat Russland eine erste Raketeneinheit mit neuen »Awangard«-Gleitern ausgestattet. Die Vereinigten Staaten haben ihnen bislang nichts entgegenzusetzen. »Die nahezu konkurrenzlose weltweite Überlegenheit in der Militärtechnologie«, derer sich die NATO-Staaten in den vergangenen Jahrzehnten erfreut hätten, sei inzwischen »gefährdet«, urteilte unlängst die einstige stellvertretende NATO-Generalsekretärin Rose Gottemoeller. Die stählerne Selbstgewissheit, in der sich die westlichen Staaten lange Zeit wiegen konnten, sie beginnt zu schwinden.

Was tun? Die Vereinigten Staaten sind bemüht, im Rüstungswettlauf aufzuholen. Die Air Force ist dabei, eine Hyperschallrakete für ihre Kampfjets zu bauen, wohl etwas Ähnliches wie die russische »Kinschal«; allerdings wird sie keine Atomsprengköpfe tragen können. Auch will das Pentagon ein neuartiges Abwehrsystem entwickeln, das angeblich in Zukunft Hyperschallraketen abfangen soll. Der Westen muss sich mit lästigen Aufholmaßnahmen beschäftigen: In Sachen Hyperschallwaffen ist er zum ersten Mal gegenüber Russland punktuell in Rückstand geraten.

Ganz unabhängig davon: Dass der Rüstungswettlauf immer weiter eskaliert, macht die Welt noch unsicherer, als sie es ohnehin schon ist. Zeit also, dem Wahnsinn ein Ende zu setzen und die herrschenden Kräfte im Westen, die Russland wohl um jeden Preis niederwerfen wollen, zu etwas zu zwingen, was sie aus eigenem Antrieb kaum täten – nämlich abzurüsten.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Walter Schumacher, Aachen: Wer rüstet hier nach? Da hat Kronauer aber (unabsichtlich?) was ganz Problematisches geschrieben: Er tut so, als ob Russland jetzt vorrüstet und die armen USA nachrüsten müssten. Kronauer bedient alle falschen Framing-Voru...
  • Istvan Hidy: Wertewestliche Scheinheiligkeit Muskelspiele der Rüstungsindustrie: Mit »Defender Europe 2020« spielt sich die NATO mit ihrer neuen »schnellen Eingreiftruppe« in unmittelbarer Nähe der Grenze gegen Russland auf. Aber das sind schon ...
  • Istvan Hidy: Ohne Weitsicht Die Sachlage, die Sie einwandfrei beschreiben, wirft jede Menge Fragen auf: Warum hatte das riesige, überteure US-Spionagesystem Merkels statt Putins Telefon abgehört? Arbeitet die US-Waffenwirtschaft...

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