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Aus: Ausgabe vom 11.02.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Ärztemangel in Lateinamerika

Feindbild Ärzte

Nach Attacken durch Boliviens Putschistenregime fehlen kubanische Mediziner. Gesundheitssystem in südamerikanischem Land vor Kollaps
Von Volker Hermsdorf
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Wieder zurück in Kuba: Wie diese Ärzte, die in Brasilien im Einsatz gewesen waren, mussten mittlerweile auch die in Bolivien arbeitenden Mediziner ihren Einsatzort verlassen (23.11.2018, Havanna)

Drei Monate nach dem Sturz von Präsident Evo Morales am 10. November sind immer mehr der elf Millionen Einwohner Boliviens ohne medizinische Versorgung. Kuba hatte 750 Spezialisten zu deren Sicherheit nach Hause geholt, als vier Tage nach dem Staatsstreich unter der selbsternannten »Übergangspräsidentin« Jeanine Áñez sechs Mitglieder seiner Ärztemission inhaftiert und mehrere medizinische Helfer von Schlägern des Putschistenregimes angegriffen und misshandelt worden waren. Nach Abreise der kubanischen Mediziner und des Abbruchs der diplomatischen Beziehungen durch das Putschregime steht das bolivianische Gesundheitssystem vor dem Kollaps.

»Um einen Neurochirurgen, Dermatologen, Ohrenarzt oder andere Fachmediziner aufzusuchen, müssen meine früheren Patienten jetzt mehr als neunzehn Stunden auf einem beschwerlichen Weg in die Stadt Trinidad reisen. Mit dem Flugzeug dauert es zwar nur eine Stunde, aber das können sich die überwiegend armen Menschen nicht leisten«, erklärte Dr. Juan José Pulido López Ende Januar in einem Interview des Onlineportals Cubadebate. Der kubanische Arzt war nach Einsätzen in Venezuela und Ecuador von Februar 2018 bis November 2019 in Bolivien tätig, zunächst rund 90 Kilometer westlich der brasilianischen Grenze im bolivianischen Teil des Amazonasbeckens, in der Stadt Riberalta. Außerhalb des Zentrums dieser Ortschaft lebt ein großer Teil der knapp 80.000 Einwohner in Hütten aus Holz und Lehm, deren Dächer aus Palmenzweigen bestehen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung zählt sich zu indigenen Gruppen.

Das Departamento Beni, in dem die Stadt liegt, gehört zu den medizinisch unterversorgten Gebieten Lateinamerikas. Dr. Pulido López und seine Kollegen bauten die kleine Klinik »Rene Salazar« im Zentrum der Stadt Stück für Stück zu einem Gesundheitszentrum aus. »Zum ersten Mal in ihrer Geschichte konnte die Klinik neurochirurgische Dienste, Intensivpflege, dermatologische und HNO-Behandlungen anbieten. Wir konnten eine Kontrolle der wichtigsten Risikofaktoren sowie einen Rückgang übertragbarer Krankheiten erreichen und dadurch Hunderte Patienten retten«, berichtet der Arzt. Ein von den Kubanern ebenfalls eingerichtetes augenärztliches Zentrum versorgte täglich rund 50, teilweise aus Brasilien angereiste Patienten. Diese Mediziner führten im Durchschnitt 18 Operationen pro Tag durch.

Seit dem Staatsstreich ist das Geschichte. Die Fachärzte sind weg, das augenärztliche Zentrum, die Praxen und Therapieeinrichtungen in Riberalta wurden geschlossen. Die Putschisten hatten nicht lange gefackelt. Sie warfen Kuba wegen Havannas Solidarität mit dem gestürzten Präsidenten Morales eine »feindselige Haltung« vor, beschuldigten die kubanischen Ärzte, hinter den landesweiten Protesten zu stecken und diese zu finanzieren. Was tatsächlich hinter dem konstruierten Vorwand steckte, der schließlich zum Abbruch der Mission führte, wurde schon bald deutlich. Im Januar 2020 erklärte Putschpräsidentin Jeanine Áñez, dass der unter Morales begonnene 13 Jahre währende Einsatz kubanischer Ärzte das Land mehr als 140 Millionen Dollar gekostet habe. Dieses Geld sei vor allem dafür genutzt worden, »den Castro-Kommunismus zu finanzieren, der das kubanische Volk unterjocht und versklavt«, behauptete sie.

Das so erzwungene Ende der Mission soll Kuba finanziell schaden, trifft aber vor allem die bolivianische Bevölkerung. »In Santa Cruz wurde die Augenklinik geschlossen, in den Gemeinden Guayaramerín, Yacuíba und Vallegrande gibt es keine Intensivstationen mehr, im Krankenhaus von Montero fehlen die Fachärzte, in Cochabamba sind mindestens zwölf Gesundheitszentren ohne Ärzte, und in El Alto, der zweitgrößten Stadt des Landes, stehen den Einwohnern 23 medizinische Fachrichtungen weniger zur Verfügung«, zählt die ehemalige Leiterin der in Bolivien tätigen Medizinerbrigade, Dr. Yoandra Muro Valle, im Interview mit Cubadebate nur einige der Konsequenzen auf. Als Antwort auf die Angriffe von Áñez rechnete Havannas Außenminister Bruno Rodríguez der Putschregierung vor, dass nach dem Abzug der kubanischen Ärzte in Bolivien bereits knapp eine halbe Million medizinische Behandlungen ausgefallen seien. In dieser Zeit, so Rodríguez, hätten fast 1.000 Frauen auf Geburtshilfe verzichten müssen, zudem seien 5.000 chirurgische Eingriffe und mehr als 2.700 Augen-OPs nicht durchgeführt worden. »Dies sind nicht nur Zahlen, sondern Menschen«, schrieb Rodríguez am 22. Januar per Twitter.

In nur drei Monaten haben die Putschisten das Gesundheitswesen des Landes teilweise wieder auf den Zustand zurückgeworfen, der bis zu Beginn der ersten Amtszeit des linken Präsidenten Morales im Jahr 2006 herrschte. Auch dank der kubanischen Ärzte war es dessen Regierungen in 13 Jahren gelungen, die durchschnittliche Lebenserwartung von 62 auf 69 Jahren zu erhöhen. Unter Morales konnte der Anteil der Kinder, die vor Erreichen des fünften Lebensjahrs sterben, von 6,9 auf knapp drei Prozent gesenkt werden. Trotz solcher Erfolge stand das Gesundheitswesen zum Zeitpunkt des Putsches aber noch immer vor großen Herausforderungen. Laut »Ärzte ohne Grenzen« ist Bolivien zum Beispiel das Land mit dem weltweit höchsten Vorkommen an Chagas-Fällen. Diese durch Wanzen übertragene tropische Infektionskrankheit führt bei zehn Prozent der Infizierten zum Tode. Der nach dem Putsch herrschende Ärztemangel lässt ihnen kaum Überlebenschancen.

Am 15. Februar, 18 bis 20 Uhr in der jW-Ladengalerie in Berlin (Torstraße 6): Solidarität mit dem sozialistischen Kuba! Reiseberichte, Diskussionen und Livemusik: Mit Aufklärung und Wahrheit gegen konterrevolutionäre Desinformation! (u. a. mit jW-Korrespondent Volker Hermsdorf)

Hintergrund: Zielscheibe Ärztemissionen

Im August 2006 entwickelte Emilio González, ein vom ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush an die Spitze der Einwanderungsbehörde gesetzter Exilkubaner, das US-Regierungsprogramm »Cuban Medical Professional Parole« (CMPP). Das Programm sollte medizinisches Fachpersonal aus Kubas internationalen Hilfsmissionen mit der Zusage von Einreise- und Aufenthaltserlaubnis sowie gut bezahlten Jobs in den USA zur Desertion verleiten. González bezeichnete die Arbeitseinsätze der Ärzte als »staatlich sanktionierten Menschenhandel«. Bush sah seine Chance, die international gelobten Entsendungen zu diskreditieren und die kubanische Regierung zu demütigen.

Sein Nachfolger Barack Obama äußerte sich im Dezember 2014 dagegen anerkennend. »Kuba schickte Hunderte von Ärzten nach Afrika, die dort Ebola bekämpfen«, erklärte er und schlug vor, »dass wir Seite an Seite gegen die Verbreitung dieser tödlichen Krankheit kämpfen«. Gut zwei Jahre später beendete er das CMPP-Programm gegen den Widerstand der Republikaner und exilkubanischer Contras.

Unter Donald Trump wurde der medizinische Internationalismus Kubas erneut zur Zielscheibe. Die USA initiierten eine mit Millionen Dollar finanzierte Propagandakampagne, um Auslandseinsätze kubanischer Mediziner herabzuwürdigen. Durch Beseitigung der – von der Weltgesundheitsorganisation geförderten – Kooperationen, die der Inselrepublik Devisen einbringen, will Trump sein erklärtes Ziel, »die kubanische Wirtschaft zu erdrosseln«, schneller erreichen. Als erster folgte ihm der faschistische Machthaber Brasiliens Jair Bolsonaro, der noch vor seinem Amtsantritt ankündigte: »Wir werden die Kubaner hinauswerfen«. Wie die brasilianische Zeitschrift Carta Capital enthüllte, hatte Bolsonaro die Strategie zur Beendigung des zwischen Brasilien und Kuba vereinbarten Programms »Mais Médicos« bereits Monate zuvor mit dem ultrarechten republikanischen US-Senator Marco Rubio entwickelt. (vh)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Heinrich hopfmüller: Kollateralschäden Was ist schon die Gesundheit der Bevölkerung wert, wenn sie erstens indigen ist und man zweitens Lithium verkaufen und kaufen kann? Für eine solche Win-win-Situation nimmt die Bundesregierung einen Ko...

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