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10.02.2020
- → Feuilleton
Die Augen öffnen
Mein Archiv kann mich mal, mir geht jede an der Nachwelt orientierte Sammelwut ab. Ich werfe alle Materialien weg, habe ich ein Buch durchgelesen. Dann warte ich auf die Depression. Das scheint mir der richtige Weg.
Doch manchmal ist es gut, etwas aufzuheben. Christa Unzners Mutter Thea hat beispielsweise ihre Tagebücher in ihrem Haus in Schöneiche bei Berlin aufgehoben, auf dem Dachboden verborgen. Bis zu ihrem Tod lagen sie dort. Aus einem hat Tochter Christa nun ein starkes Antikriegsbuch gemacht.
Christa Unzner trat bisher hauptsächlich als Illustratorin in Erscheinung, nun zeigt sie zum ersten Mal ihr Talent als Graphic-Novel-Autorin und -Zeichnerin. Und wie! Aus dem Tagebuch ihrer damals 19jährigen Mutter, geschrieben in den Monaten vor Kriegsende, schuf sie ein achtenswertes Drama, das in seiner Einfühlsamkeit begeistert.
Thea lebt und arbeitet als Kriegsverpflichtete auf dem Land in Protzen nördlich von Berlin. Die Sowjetarmee steht nicht mehr weit, der Ort wird evakuiert, sie werden auf der Flucht von den sowjetischen Soldaten eingeholt, es geht zurück zum zerstörten Gut, dann macht sie sich auf den Weg zu Fuß nach Berlin zu ihrer Familie. Ihr passiert nichts, sie ist überrascht vom Verhalten der sowjetischen Soldaten, doch die Erlebnisse und schrecklichen Berichte über die Untaten der Deutschen haben ihr die Augen geöffnet. »Ich schäme mich, Deutsche zu sein«, schreibt die verzweifelt Thea in ihr Tagebuch.
Christa Unzner schafft es vortrefflich, die Ängste, jugendlichen Träume und die Schrecken des Krieges zu verknüpfen. Ihre Zeichnungen sind behutsam, fragmentarisch und auf bestimmte Punkte der Erlebnisse konzentriert. Ihre Graphic-Novel-Debüt ist innig, ohne überladen zu wirken – ein wunderbares Buch.
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