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Aus: Ausgabe vom 10.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
Reden ist Silber

Hallo

Von Gerhard Henschel
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In einem »Leitfaden für gendersensible Sprache bei der Hansestadt Lübeck« hat das dort beheimatete Frauenbüro allen Angestellten der Stadtverwaltung verbindlich vorgeschrieben, »Rollenklischees und Stereotypen« (gemeint sind: Stereotype) zu vermeiden, was auch bedeute, dass beispielsweise der Ausdruck »Not am Mann« vermieden werden solle, und in sämtlichen Korrespondenzen, Formularen, Vordrucken, Anträgen und Berichten der Gender-Doppelpunkt (»Mitarbeiter:innen«, »Senator:innen«, »Kolleg:innen«) zu verwenden sei. Anstelle von »Schüler:innen« sei allerdings der Plural »Lernende« erlaubt. Und als Anrede in Briefen, heißt es in dem Leifaden, böten sich »(je nach Kontext) ›Hallo‹, ›Guten Tag‹ o. ä. an«. Von dieser Regel gebe es freilich Ausnahmen: »In diesem Zusammenhang ist allerdings zu beachten, dass es heute in manchen Kontexten (noch) unangemessen ist, eine andere Anrede als ›Sehr geehrte Frau/sehr geehrter Herr‹ bzw. ›Sehr geehrte Damen und Herren‹ zu verwenden. Manche Dinge brauchen Zeit, um in den Köpfen anzukommen. In diesen Fällen darf auf diese Formulierungen weiterhin zurückgegriffen werden.«

Die Feststellung, dass manche Dinge Zeit bräuchten, um in den Köpfen anzukommen, hat einen leicht genervten Unterton und einen Subtext, der sich ungefähr in die folgenden Worte fassen lässt: »Leider Gottes gibt es ja auch heute noch kapriziöse Spießer:innen, die auf die altmodische Anrede ›Sehr geehrte Frau‹ bzw. ›Sehr geehrter Herr‹ Wert legen, weil es in deren Köpfen noch nicht angekommen ist, dass der Staat seine Bürger:innen lieber mit dem Gruß ›Hallo‹ anlabern möchte, und daher lassen wir diesem verstockten Friedhofsgemüse vorläufig noch seinen Willen, obwohl wir den Tag herbeisehnen, an dem endlich auch die letzten Lübecker:innen begriffen haben werden, dass wir hier alle gute Kumpel:innen sind, vom derzeitigen Bürgermeister bis hinab zu den ärmsten Geflüchteten, denen wir ihre Abschiebung mit der gendersensiblen Anrede ›Hallo, Herr Zaidan‹ oder ›Guten Tag, Frau Ibrahim‹ ankündigen …«

Warum aber, hochverehrte Hansestadt Lübeck, sagst Du dann nicht gleich »Hallihallo«, »Guten Tacho« oder »Hallöchen Popöchen« zu Deinen Einwohnenden? Sind etwa auch diese netten Grußformeln noch nicht in den Köpfen angekommen? Nein? Dann solltest Du in die Hände spucken, Dich ans Werk machen und den Betonköpfen alles darin noch nicht Angekommene einhämmern. Es sei Dir jedoch gestattet, bis dahin auf die Anrede »Hollaritti« zurückzugreifen. Denn manche Dinge brauchen Zeit.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus Nürnberg (10. Februar 2020 um 08:02 Uhr)
    In einem politischen Buch über China konnte ich vor kurzem von einer »Bäuerinnenklasse« lesen, die ich bis dato noch nicht kannte. Ja, die deutsche Sprache ist in der Tat reformbedürftig, was die wahre Bedeutung von Weiblein und Männlein betrifft. Aber ist es nicht ungerecht, andere relevante Gruppen außen vor zu lassen? Ich denke da z. B. an neue Sprachregelungen für Kinder beiderlei Geschlechts, an völlig auf dem Kopf stehende Klassenbegriffe wie »Arbeitnehmer« und »Arbeitgeber«, aber auch an gedankenlos verwendete religiöse Formulierungen bis hin zu ethnischen Benennungen wie »Serbensteak« oder »Zigeunerschnitzel«, von »Mohrenkopf« ganz zu schweigen. Bleibt allerdings die Frage – kann man bei konsequent rigoroser Anwendung überhaupt noch verständlich kommunizieren? Ich für meinen Teil bin dabei, das für mich pragmatisch zu lösen. Rassistische oder offen diskriminierende Begriffe sind für mich sowieso absolut tabu, ansonsten bemühe ich mich, ohne dabei zu verkrampfen. Als eingefleischter Atheist verwende ich z. B. trotzdem tagtäglich das in Bayern obligatorische »Grüß Gott« und denke mir dabei: »Gott sei Dank gibt es den überhaupt nicht.«
  • Beitrag von Klaus L. aus Halstenbek (10. Februar 2020 um 08:56 Uhr)
    Tja, das kommt dabei heraus, wenn man Leuten, die arbeitswillig und machtbewusst sind, einen gutbezahlten Posten gibt, die ihn nun mit irgendwas ausfüllen müssen. In Orwells »1984« haben die Oberen versucht, die Menschen mit Neusprech zu dressieren. Lübeck sollte einfach mal größer denken und dem neoliberalen Kapitalismus mitsamt seinem »Krieg ist Frieden«-Getöse die Vokabeln wegnehmen. Wer die Sprache beherrscht, steuert vielleicht sogar die Köpfe jener, die uns wirklich schaden. Es wäre den Versuch wert.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Fred D. Schlicke: Bilden und unterhalten Liebe Schwerarbeiter, die Ihr an meiner jungen Welt sorgfältig arbeitet. Ich kann ja nicht nur Kreuzworträtsel lösen, nicht nur meckern wie neulich wegen der Zeichnungen, die sich mir nicht erschließe...

Regio:

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