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Aus: Ausgabe vom 08.02.2020, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Mojito

Von Hervé Cherbourg

Frau Wunder ist auf Dienstreise in Georgien und hat mich gebeten, sie noch einmal hier zu vertreten mit einem Reisebericht nebst Rezept. Ich will ihr den Gefallen tun:

Der Karneval auf der kanarischen Insel La Palma war und ist der einzige Faschingsumzug in Europa, dessen Besuch ich allen empfehlen möchte, die ihn noch nicht erlebt haben. Kostüme und Rituale dieses Volksfestes verweisen auf die Geschichte der Palmeros, die im 19.Jahrhundert weitgehend verarmt waren: Viele mussten auswandern. Gen Westen schipperten sie auf alten Fischerbooten über den Atlantik und landeten in Kuba, wo einige tatsächlich als Plantagenbetreiber reich wurden und Jahrzehnte später auf großen Seglern in die alte Heimat zurückkehrten.

Unter den skeptischen Blicken der zu Hause gebliebenen Bauern gingen die nunmehr feinen Herrschaften am Hafen von Santa Cruz von Bord, weiß gekleidet und in Begleitung von Kofferträgern und einer drallen schwarzen Dienerin mit knallbunter Küchenschürze. Stolz stellten die Rückkehrer ihren sozialen Aufstieg heraus: Vater mit Panamahut und dicker Zigarre, Mutter im Seidenkleid, Kinder mit Spitzenkrägelchen und Fächer. So zeigen es zeitgenössische Gemälde im Heimatmuseum.

Die Urszene wird auch dies Jahr wieder auf dem Carneval palmero mit dem ironischen Namen »Dìa de los Indianos« am 24. Februar von Tausenden Spaniern und ihren Gästen nachgespielt. Vom Hafen aus wandert die weiß gekleidete Menge durch die Straßen von Santa Cruz, um sich bei kubanischer Musik mit Babypuder zu bewerfen – eine höhnische Anspielung auf das Flohpulver, mit dem sich die damaligen Schiffsreisenden bei ihrer Ankunft behandeln mussten, um kein Ungeziefer einzuschleppen.

Damen in langen Kleidern halten Sonnenschirme über ihre Köpfe, Herren in weißen Anzügen tragen antike Lederkoffer oder Vogelkäfige mit Papageien durch die Gegend, Kinder toben quietschend durch die Babypuderwolken. Einige schwarz geschminkte dicke Männer mit knallrotem Lippenstift und karibischen Frauenkleidern spielen die schwarze Dienerin, die »Negra Tomasa« – den eigentlichen Star des Karnevals. Die »Negra Tomasa«, quasi ein Transvestit, hat das Vorrecht, junge Männer im Vorbeigehen abzuknutschen. Auch ich komme in den Genuss ihrer feuchtfröhlichen, homoerotischen Herzlichkeit, die ich schon nach dem zweiten Mojito völlig normal finde:

Fünf Stengel Minze in einem 300-ml-Glas mit einem Mörser leicht zerdrücken. Zwei gehäufte TL braunen Rohrzucker und zwei TL Zuckersirup dazugeben. Das Glas mit zerstoßenem Eis auffüllen. Zwei cl Limettensaft und fünf cl »Havana Club« darübergießen und mit Mineralwasser auffüllen. Mit einem Minzstängel dekorieren.

Hustend tanze ich mich durch die Babypuderorgie von einem Mojito-Verkaufsstand zum nächsten, empfange Komplimente für die vielen Kussmünder auf meinem Gesicht – »que guapo!«–, trage stolz Kubafahnen vor mir her und schäme mich überhaupt nicht für diese meiner Wesensart doch eigentlich fremden Ausgelassenheit. Es ist eben endlich mal eine politische Massenveranstaltung mit durchweg gut angezogenen Menschen.

Die »Negra Tomasa«, quasi ein Transvestit, hat das Vorrecht, junge Männer im Vorbeigehen abzuknutschen. Auch ich komme in den Genuss ihrer feuchtfröhlichen, homoerotischen Herzlichkeit, die ich schon nach dem zweiten Mojito völlig normal finde.

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