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Warum Stagnation?

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Die Konjunktur schwächelt vor sich hin. Das gilt für Deutschland. Das offiziell ausgewiesene Wachstum des BIP (Bruttoinlandsprodukt) betrug im letzten Quartal 2019 + 0,1 Prozent. Auch im übrigen Euro-Gebiet wurde diese bedeutende Wachstumsrate im Vergleich zum Vorquartal erreicht. Im ganzen vergangenen Jahr wuchs das BIP gegenüber dem Vorquartal um 1,2 Prozent. Das ist weniger als in den beiden Vorjahren, als in Euro-Europa ein Wachstum um die 2 Prozent erreicht worden war. Einen Aufschwung der Wirtschaft im klassischen Sinne hat es in dieser Region der Welt seit der Finanzkrise von 2007/08 nicht gegeben. Dafür aber noch einen Rückgang des BIP in den zwei Jahren der akuten Euro-Krise von 2012 und 2013. Es ist schon deshalb angemessen, die vergangenen zwölf Jahre als Stagnationsperiode zu bezeichnen. Auch die durchweg verhaltene Inflation von meist um die 1 Prozent und das entsprechend niedrige Zinsniveau sprechen dafür, dass wirtschaftliche Stagnation die richtige Bezeichnung für das leichte Auf und Ab der wirtschaftlichen Tätigkeit ist. Auch die seit der Finanzkrise nur noch mäßige Steigerung der Arbeitsproduktivität gilt diesen Beobachtern als Zeichen für das neue Zeitalter. Da es in dieser Periode keinen »Aufschwung« gab, die Investitionen sehr gemäßigt ausfielen, die Produktionskapazitäten also kaum ausgeweitet wurden, ist entsprechend auch kein größerer Abschwung zu erwarten. Ein Abschwung in einer kapitalistischen Wirtschaft heißt ja nichts anderes, als dass die Produktion der im Aufschwung ausgebauten Kapazitäten nicht mehr genügend Absatz findet.

Dass das Wirtschaftswachstum sei dem Finanzcrash von 2007/08 deutlich geringer ausfällt, ist – trotz des öffentlichen Geredes von der Erholung – den Klügeren unter den Ökonomen auch aufgefallen. Einige haben sogar eine Regelmäßigkeit festgestellt, dass nämlich nationale Volkswirtschaften nach einer gewichtigen Finanzkrise eine längere Stagnationsperiode durchlaufen. Mit am deutlichsten war das in Japan zu beobachten, wo nach dem wahnsinnigen Hyperboom bei Immobilien und Aktien am Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts das »verlorene Jahrzehnt« der 90er folgte. Allerdings ist das eine Untertreibung. Denn Japan verharrt bis heute in der Stagnation.

Soweit die Empirie. Aber die Feststellung, dass einem Finanzcrash ziemlich regelmäßig Stagnation folgt, ist noch keine Erklärung dafür. Dabei ist die Lösung dieses Rätsels nicht wirklich schwer: Überbordender Finanzboom und anschließender Crash sind, ebenso wie die Stagnation danach Auswirkungen derselben Ursache. Sie sind die Reaktion des Großkapitals auf die im Vergleich zur Gewinnausweitung zurückbleibende Endnachfrage oder, anders ausgedrückt, auf die relative Verarmung der Massen und die immer ungleicher werdende Einkommensverteilung. Mit der Aufblähung des Finanzsektors schafft sich der Anlagedruck eine Weile lang Luft, die dann im Crash entweicht. Danach gerät das Kapital dann in einen fast natürlich wirkenden Zustand der Stagnation. Der kann, wie wir derzeit feststellen, durchaus ein Weilchen dauern.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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