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Aus: Ausgabe vom 08.02.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Siemens-Hauptversammlung in München

Genug ist nicht genug

Siemens-Hauptversammlung: 2019 rund 5,6 Milliarden Euro Profit. Konzernspitze erklärt Pläne zur Aufspaltung in drei Gesellschaften
Von Stephan Müller
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Von Protesten überschattet: Aktivisten demonstrieren gegen den Siemens-Einzelaktionär Blackrock (Hessen, 3.2.2020)

Die Kritik am Chefangestellten des Siemens-Konzerns, Josef »Joe« Käser, wegen dessen »Patzers« im Umgang mit Klimaaktivisten übertönte am Mittwoch auf der Hauptversammlung (HV) in München die durchaus interessanten Darstellungen, die er und sein Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe den Aktionären vortrugen. Die Demonstranten vor den Toren der HV prangerten, wie sich zeigte, zu Recht die »unehrliche Inszenierung« von Siemens »als Klimaschutzkonzern« an.

In ihren Reden wurde die Doppelzüngigkeit von Snabe und Käser deutlich: Siemens sei auf dem Weg zur Nachhaltigkeit. Man bitte um noch etwas Geduld. Im Detail hieß es daraufhin: Im kostspieligen Wettlauf um die Neuaufstellung in Zeiten der Digitalisierung werde nur der Schnellste »nachhaltig« Profit machen. Inzwischen wälze Siemens die Kosten unter dem Titel »Klima« möglichst auf andere ab. Snabe erklärte, Unternehmen müssten in ihren Geschäftsentscheidungen heute und in Zukunft noch stärker berücksichtigen, welche Auswirkungen sie auf die Umwelt haben. Digitale Technologien seien »der große Hebel für nachhaltiges Wirtschaften«. Tatsächlich geht es der Konzernspitze um die »Nachhaltigkeit« ihrer Profite – was sonst. Der Geschäftsbericht für das vergangene Jahr weist einen Gewinn nach Steuern von rund 5,6 Milliarden Euro aus. Die 14 Millionen Euro Salär für Käser sind da schon ebenso abgezogen wie die kleineren Millionenbeträge für die anderen Konzernvorstände, zusammen um die 50 Millionen Euro.

Konkret wurde Käser, als er über die Aufspaltungspläne für Siemens sprach. Die Marke werde fortan aus drei Unternehmen bestehen. Von der Siemens AG abgespalten ist bereits der Medizintechnikbereich »Healthineers«, die Siemens AG ist dort Mehrheitsaktionär. Im Laufe dieses Jahres soll nun die Abtrennung von Siemens Energy stattfinden mit Kraftwerks- und Turbinenbau inklusive der Windenergiefirma Gamesa, die derzeit etwa 40 Prozent des Umsatzes der AG ausmachen. Auch hier wird die Siemens AG Mehrheitsaktionär bleiben. Zur Frage, warum der hochprofitable Laden zerlegt werden soll, lautet die Antwort kurz gesagt: Die geplanten und erreichten 10 bis 12 Prozent Kapitalrendite sind nicht mehr genug. In der AG verbleiben die Bereiche digitale Fabrik und digitale Infrastruktur sowie der Bahnbereich. Der ist zwar ebenso profitabel und »digital« aufgestellt wie die anderen zwei, soll aber separat bleiben, für den Fall, dass eine Fusion – wie sie mit Alstom angestrebt war – wieder auf die Tagesordnung kommt.

Durch die Zerlegung in die drei genannten Aktiengesellschaften soll Siemens’ Börsenwert gesteigert werden. Käser, bei seinem wohl letzten HV-Auftritt zurückblickend auf seine 40 Jahre andauernde Konzernkarriere, hat die Lektion seiner gestürzten Vorgänger Heinrich von Pierer und Peter Löscher gelernt. Die hatten den Gewinn aus der Arbeit der Siemens-Beschäftigten gesteigert, aber nicht »nachhaltig«. »Wir geben unseren Geschäften viel mehr unternehmerische Freiheit und Verantwortung. Dafür fordern wir von den Geschäften schnelleres Wachstum, außerdem höhere, branchenübliche Margen«, so Käser. Was Käser nicht erwähnt, Experten aber sehr wohl wissen, ist, dass spezialisierte Firmen von der Börse höher bewertet werden, weil sie risikoreicher sind. Sie haben den Branchenausgleich der Konglomerate nicht. Für den Spekulanten ist das eine Chance, für die Belegschaft Pech. Deren Arbeitsplätze werden an der Börse mit verhökert.

Die Abspaltungsstrategie wurde selbstredend mit den »Komanagern« der Branchengewerkschaft abgestimmt. Auch hier konnte »Joe« Käser auf seine 40 Jahre Erfahrung zurückgreifen. Jürgen Kerner, Vorstandsmitglied der IG Metall und im Aufsichtsrat der Siemens AG, verteidigt im »Siemens-Dialog« der Gewerkschaft seine Zustimmung zum Vorhaben – gegen den Unmut der Kollegen und örtlichen Betriebsräte – mit der Drohung von Siemens, dass man andernfalls mit einer »Abbauspirale« oder gar einem Verkauf an Konkurrenz aus Asien zu rechnen hätte.

Auf der Hauptversammlung sprach übrigens auch eine Vertreterin von »Fridays for Future«. »Irgendwie wurde ich nicht so richtig gehört«, zeigte sich Helena Marschall hinterher gegenüber der Nachrichtenagentur AFP enttäuscht. Die Schülerin hatte für die Jugend- und Umweltbewegung teilgenommen und die Klimapolitik der Konzernspitze um Käser kritisiert. Marschalls Kritik beschränkte sich jedoch auf einen bloßen Appell an die Verantwortung des Konzerns, die Klimaziele zu erreichen. Siemens müsse sich den »wissenschaftlichen Rahmenbedingungen unserer Zeit« anpassen.

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