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Aus: Ausgabe vom 08.02.2020, Seite 4 / Inland
Obdachlosenzählung

Kein genaues Bild

Berlin: Nach Obdachlosenzählung liegen erste Ergebnisse vor
Von Sandra Schönlebe
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Gibt es schon lange nicht mehr: Verkauf der Obdachlosenzeitung »Straßenfeger« auf dem Kurfürstendamm (3.12.2014)

Am Freitag hat die Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) in einer Pressekonferenz erste Ergebnisse der von ihr initiierten »Nacht der Solidarität« präsentiert. In der Nacht vom 29. auf den 30. Januar hatten rund 2.600 freiwillige Helfer im gesamten Berliner Stadtgebiet obdachlose Menschen gezählt (jW berichtete). Ziel der Aktion war es, erstmals eine Statistik zu erstellen, um Hilfs- und Beratungsangebote bedarfsgerecht zu gestalten.

Insgesamt wurden mit 1.976 Personen deutlich weniger obdachlose Menschen gezählt als erwartet. Davon wurden 807 bei der Straßenzählung registriert. 942 Personen übernachteten in den Einrichtungen der Kältehilfe – eine Auslastung von 79 Prozent der ca. 1.200 Schlafplätze. 158 Obdachlose hielten sich bei Betriebsschluss in den Bahnhöfen des ÖPNV auf. Hier zählten die Betreiber selbst. 15 befanden sich in den Krankenhäusern der Stadt, 12 in Polizeigewahrsam und 42 im neugeschaffenen Wärmeraum in Berlin-Kreuzberg.

Von den auf der Straße Angetroffenen gaben etwa ein Drittel Auskunft über ihre Lebenssituation. Andere wollten dies nicht oder wurden schlafend vorgefunden. Letztere sollten nicht geweckt werden. 74 Prozent der Betroffenen waren zwischen 30 und 64 Jahre alt.

Überraschend war, dass nur 14 Prozent der Befragten Frauen waren. Breitenbach vermutet, dass viele Frauen »Sofahopping« betreiben oder sich in prekären Situationen mit Männern befinden und sexualisierte Gewalt erleben, um der Obdachlosigkeit zu entgehen, die für sie noch gefährlicher ist als für Männer.

Etwa die Hälfte (49 Prozent) gab an, aus anderen EU-Staaten zu kommen. Ihnen stehen nur selten Sozialleistungen zu, weshalb viele nach dem gescheiterten Versuch eines Existenzaufbaus auf der Straße landen. 39 Prozent gaben an, die deutsche Staatsbürgerschaft zu besitzen. Fast die Hälfte der Befragten (47 Prozent) ist seit mehr als drei Jahren ohne Obdach, ein weiteres Viertel seit länger als einem Jahr, was angesichts der angespannten Wohnungsmarktlage kaum überrascht.

Mit der Zählung konnte die These, dass eine schrittweise Verdrängung an den Stadtrand stattfindet, bestätigt werden. So wurde ein Drittel der 807 angetroffenen Personen außerhalb des S-Bahn-Ringes gezählt – viele davon an der Rummelsburger Bucht. Innerhalb des S-Bahn-Rings zeichnete sich neben den bekannten Schwerpunkten wie am Bahnhof Zoologischer Garten, an Ostbahnhof und Alexanderplatz ein neues Schwerpunktgebiet am Lietzensee in Charlottenburg ab.

Zu beachten ist, dass ausschließlich im öffentlichen Raum gezählt wurde. Hauseingänge, Dachböden, Zelte, Fahrzeuge und Wohnungslose, also Menschen, die temporär einen privaten Schlafplatz haben, konnten nicht erfasst werden. Da die Zählung vorher angekündigt wurde, hatten Menschen, die nicht angetroffen werden wollten, die Möglichkeit, sich zu entziehen. Eine genaue Zahl ist also weiterhin nur schwer anzugeben.

Breitenbach will nun mit Experten der Wohnungslosenhilfe die Ergebnisse auswerten und Maßnahmen in die Wege leiten. Sie sagte: »Dafür, das Elend weiter anzugucken wie in den letzten Jahren, stehe ich nicht zur Verfügung.«

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