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Aus: Ausgabe vom 04.02.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Obdachlosigkeit in der BRD

»Wir ermächtigen und vertreten uns selbst«

Wohnungslose planen bundesweites Treffen. Ein Gespräch mit Dirk Dymarski
Von Oliver Rast
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Oft bleibt nur ein Hauseingang als Schlafstelle für Obdachlose in Berlin

Vielen sozialen Gruppen fehlt es an einer Lobby. Wohnungslosen ganz besonders. Wer steht hinter der Initiative?

Der langjährig obdachlose Aktivist Jürgen Schneider gründete die Webseite Berber-Info und das Armutsnetzwerk. Hier kam im Jahr 2015 die Idee der Wohnungslosentreffen auf, die mit Unterstützung der Stiftung Bethel und »Aktion Mensch« verwirklicht werden konnte. Dabei entstand die Idee, die »Selbstvertretung wohnungsloser Menschen« zu gründen. Sie ist eine Plattform und ein offenes Netzwerk von circa 70 aktiven Menschen. Im Oktober 2019 haben wir einen rechtsfähigen Verein gegründet. Unser Ziel ist, Probleme, die mit Wohnungslosigkeit verbunden sind, öffentlich zu machen. Wir wollen zeigen, dass wohnungslose Menschen sich selbst vertreten können und nicht auf die »Anwaltschaft« von Sozialverbänden und karitativen Einrichtungen angewiesen sind.

Haben die Verbände versagt?

Sie leisten im Rahmen der verfügbaren Plätze Soforthilfe, jedoch fehlen Ressourcen wie Personal, Geld, Schlafplätze, Kleidung. Oftmals ist der Zugang zur Soforthilfe noch an weitere restriktive Bedingungen geknüpft, so dass der Zugang zu diesen Hilfen für einzelne Menschen nicht möglich ist. Diese Einrichtungen fungieren häufig als verlängerter Arm der Mehrheitsgesellschaft und ihrer Werte im Hinblick auf Arbeitsfähigkeit und Wohlverhalten. Sie sind nicht wirklich Anwälte wohnungsloser Menschen. Deshalb: Wir ermächtigen uns selbst und vertreten unsere Interessen.

Welche Sofortmaßnahmen für Wohnungslose gerade in den Wintermonaten fordern Sie?

Menschenwürdige Schlafplätze für alle wohnungslosen Menschen unabhängig von Nationalität, Geschlecht, Aufenthaltsstatus und dem Bezug von Sozialleistungen. Die meisten Schlafplätze müssen in den frühen Morgenstunden geräumt werden. Wir fordern die ganztägige Öffnung aller Angebote. Und: Räumungsurteile als juristische Routine müssen angesichts wachsender Wohnungsnot in Frage gestellt, Zwangsräumungen konsequent verhindert werden. Leerstehende Wohnungen müssen sofort zur Verfügung gestellt und sozialer Wohnungsbau muss sofort gestartet werden.

Wohnungslose gelten weithin als unorganisierbar. Stimmt das?

Schwierig. Eine Organisation erfordert Zeit und Geld, beispielsweise Fahrkarten, Handys, Computer, Treffpunkte. Allerdings verbringen Menschen, die nicht über eine Wohnung verfügen, den Großteil der Tageszeit mit bloßer Existenzsicherung. Dazu zählen das Sichern der nächsten Übernachtungsgelegenheit, Essen beschaffen, Hygiene und dergleichen. Die Arbeit der Selbstvertretung wird nur dann funktionieren, wenn die Finanzierung dauerhaft gesichert ist.

Aktuell findet ein mehrtägiges Koordinationstreffen statt – was wollen Sie koordinieren?

Wir planen, an unterschiedlichen Veranstaltungen mitzuwirken. Dazu zählen der Fachtag der Caritas zur Wohnungslosenhilfe und der Housing Action Day 2020. Auf unserem Treffen werten wir unsere Teilnahmen aus, unsere Anhörung im Bundestag zur geplanten Wohnungslosenberichterstattung und unsere Aktion zur Obdachlosenzählung in Berlin etwa. Wir befassen uns aber auch mit der Frage der digitalen Teilhabe Wohnungsloser.

Mitte des Jahres soll es ein bundesweites Wohnungslosentreffen geben. Wie ist der Stand?

Richtig. Wir planen das Treffen für Ende Juli 2020, es wird dann das fünfte dieser Art s ein. Wir erwarten etwa 120 Teilnehmer. Bis 2021 ist die Finanzierung des Treffens durch die »Aktion Mensch« gesichert. Wir müssen diskutieren, welche Signalwirkung von einem solchen Treffen ausgehen kann. Wir wollen unsere Vernetzung ausbauen und mit der Gründung regionaler Gruppen vorankommen. Und klar, wir wollen die Öffentlichkeit für die Problematik der Wohnungslosigkeit sensibilisieren.

Dirk Dymarski ist Mitglied der Koordinierungsstelle der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen

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