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Aus: Ausgabe vom 04.02.2020, Seite 1 / Titel
Kampf gegen Dschihadisten

Eskalation um Idlib

Ankaras Streitkräfte kommen Al-Qaida in syrischer Provinz zu Hilfe. Russisch-türkische Konfrontation droht
Von Nick Brauns
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Unterstützung für Dschihadisten: Türkischer Militärkonvoi rollt am Sonntag durch die syrische Provinz Idlib (Sarmada)

Während sich die syrische Armee auf die Einnahme der Provinzhauptstadt Idlib in der gleichnamigen nordwestsyrischen Provinz vorbereitet, kommt die Türkei den dort in Bedrängnis geratenen Kämpfern des syrischen Al-Qaida-Ablegers Haiat Tahrir Al-Scham (HTS) militärisch zur Hilfe.

Unterstützt von der russischen Luftwaffe haben syrische Regierungstruppen in den vergangenen Tagen den Süden der von der HTS und kleineren dschihadistischen Kampfverbänden kontrollierten Provinz Idlib einschließlich der zweitgrößten Stadt Maarat Al-Numan unter ihre Kontrolle gebracht. In Idlib sind türkische Truppen aufgrund des im Jahr 2017 zwischen Russland, dem Iran und der Türkei geschlossenen Astana-Abkommens mit zwölf Beobachtungsposten zur Überwachung einer Deeskalationszone präsent. Der Zusage, die HTS-Kämpfer aus einer 15 Kilometer tiefen entmilitarisierten Zone zurückzuziehen, kam Ankara allerdings nicht nach.

Bei einem Angriff syrischer Regierungstruppen auf die von HTS besetzte Stadt Sarakib wurden in der Nacht zum Montag sechs türkische Militärangehörige getötet. Die Soldaten hätten sich dort bewegt, ohne die russische Seite darüber vorab zu informieren, erklärte das russische »Zentrum für Aussöhnung in Syrien« am Montag. Türkische Artillerie habe zur »Vergeltung« 46 Ziele der Regierungskräfte beschossen und dabei bis zu 35 »Elemente des Regimes neutralisiert«, behauptete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Montag. Eine Bestätigung durch Damaskus erfolgte bislang nicht. Der türkische Präsident forderte Russland auf, das türkische Militär nicht zu behindern.

Nachdem Erdogan am Freitag mit »extremsten Optionen« gedroht hatte, falls die syrisch-russische Offensive nicht gestoppt werden sollte, überquerten am Sonntag drei türkische Konvois mit über 200 gepanzerten Fahrzeugen und Tiefladern mit Kampfpanzern die syrische Grenze in Richtung Idlib. Von der Türkei unterstützte dschihadistische Söldner griffen aus der türkisch besetzten Region um die Stadt Al-Bab Regierungstruppen im Norden von Aleppo an, um deren Kräfte zu binden. Syrische und russische Flugzeuge flogen daraufhin Angriffe bei Al-Bab. Türkische Truppen könnten Opfer russischer Luftangriffe werden, warnte der russische Auslandssender RT Deutsch am Montag vor dem Risiko einer ungewollten Eskalation zwischen Russland und der Türkei.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind in Idlib mit seinen rund drei Millionen Einwohnern 400.000 Zivilisten auf der Flucht vor den Kämpfen. Viele von ihnen kampieren im Grenzgebiet zur Türkei. Doch Ankara hält die befestigte Grenze für die Schutzsuchenden geschlossen. Die Bundesregierung will den Bau von Flüchtlingsunterkünften in Idlib laut Auswärtigem Amt mit 25 Millionen Euro in diesem Jahr unterstützen. In der vergangenen Woche hatte die Behörde ein Ende der syrisch-russischen Offensive auf Idlib gefordert, während die meisten großen deutschen Medien verharmlosend von einer »Rebellenprovinz« sprechen. Als Weißwäscher der syrischen Al-Qaida-Kämpfer betätigte sich auch der US-Sonderbeauftragte für Syrien, James Jeffrey. Zwar würde HTS als Terrororganisation eingestuft, doch ihre Anhänger verstünden sich als »patriotische Oppositionskämpfer« gegen das »Assad-Regime«, und von ihnen ginge keine internationale Bedrohung aus, behauptete der US-Diplomat.

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