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Aus: Ausgabe vom 01.02.2020, Seite 4 / Inland
Obdachlosenzählung

Keine Obdachlosen am Reichstag

Berlin: Eindrücke von der »Nacht der Solidarität«
Von Sandra Schönlebe
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Szene unter einer Brücke am Berliner Bahnhof Zoologischer Garten nach Einbruch der Dunkelheit (29.1.2020)

In der Nacht auf den 30. Januar 2020 fand in Berlin die »Nacht der Solidarität« statt. Ein deutschlandweit einmaliges Projekt, mit dem die Zahl der Obdachlosen der Stadt erfasst werden soll, um Hilfsangebote besser planen zu können. Das Projekt ist nicht unumstritten.

3.700 Freiwillige hatten sich angemeldet, um bei der »Nacht der Solidarität« dabei zu helfen, eine realistische Statistik der Obdachlosen in Berlin zu erstellen. Bisher gab es nur grobe Schätzungen. Seit Jahren fordern Interessenverbände und Sozialarbeiter mehr Gelder, die Lage in einigen Unterkünften ist desolat und nur durch den Einsatz von Ehrenamtlichen überhaupt noch zu bewältigen. Organisiert wurde die Aktion von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Kritik gab es im Vorfeld seitens der außerparlamentarischen Linken sowie einiger Obdachlosenverbände (jW berichtete).

Im Zählbüro in den Räumen der Stadtmission am Hauptbahnhof, eines von insgesamt 61, fanden sich etwa 50 Zählerinnen und Zähler ein. Sie sollten die Umgebung in zwölf Teams absuchen. Mitarbeitende der Bahnhofsmission waren kurzfristig dienstverpflichtet worden, da einige krankheitsbedingt verhindert waren. Sie und andere Erfahrene im Bereich der Sozialarbeit waren es, die jeweils eines der 615 Teams leiteten. Neben der Leitung sollten in jedem Team Studierende der sozialen Arbeit beteiligt sein. Im Zählbüro in der Lehrter Straße waren sie jedoch nur vereinzelt vertreten. Rentner, Psychologen, Erwerbslose fanden sich mit Krankenpflegern, Architekten oder Schülern zusammen; von 18 bis Ende 60 waren hier alle Altersgruppen vertreten.

Alle wurden auf den Verhaltenskodex hingewiesen. Eine offene Begleitung durch die Presse war untersagt, Fotos durften nicht angefertigt werden, niemand sollte geweckt oder gestört werden, und die Privatsphäre war zu wahren. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass nur öffentliche Bereiche zu betreten waren, keine Baustellen oder Hauseingänge. Alle gesprächsbereiten Obdachlosen sollten ein paar Fragen beantworten: Alter, Sprache und Herkunft, Geschlecht, die Dauer der Obdachlosigkeit und mit wie vielen Menschen und Tieren die Betroffenen zusammenleben.

Ab 22 Uhr begannen die Rundgänge durch die Abschnitte, die auf laminierten Karten eingezeichnet waren, um Doppelzählungen zu vermeiden. Das Team der Autorin bestand neben einer Sozialarbeiterin aus zwei Angehörigen der Bundeswehr. Es bewegte sich im Gebiet um den Reichstag und in Teilen des Tiergartens. In den abgesperrten Bereichen rund um die Regierungsgebäude fanden sich erwartungsgemäß keine Personen, die zu erfassen waren. Unter einem Unterstand bei einem Spielplatz dann die erste Person im Schlafsack. Wecken kam nicht in Frage, also wurde ein Kreuz bei »Zählung« gesetzt.

Dann ging es Richtung Norden, wo in der Vergangenheit schon öfter Camps geräumt worden waren. Hier ist es weniger hell, es kommen kaum Passanten vorbei. In zwei Zelten brannte Licht. Noch mal zwei »Zählungen«. Daneben lag ein Mann im Schlafsack auf einer Bank. Ein weiteres Kreuz. Dann ging es zurück ins Zählbüro, um die Unterlagen abzugeben. Mit Ausnahme der Gruppe um den Hauptbahnhof, wo 16 Personen gezählt wurden, erlebten alle in etwa ähnliches. Keine bis wenige Personen gesichtet, befragt werden konnte niemand, da alle schlafend angetroffen wurden. An Hotspots wie um den Bahnhof Lichtenberg oder am Alexanderplatz dürfte es anders ausgesehen haben. In den Bahnhöfen selbst zählten Mitarbeiter der S- und U-Bahn nach Betriebsschluss. Konkrete Zahlen werden am 7. Februar erwartet. Es ist dann an der Senatsverwaltung, zu beweisen, dass sie wirklich etwas verändern will – und es nicht nur um ein Gutfühlevent mit PR-Wirkung ging.

Debatte

  • Beitrag von Renate C. aus B. (31. Januar 2020 um 21:08 Uhr)
    In der letzten Motz ist zu dieser erbärmlichen Ehrenamtsfarce ein sehr aufschluss- und kenntnisreicher Artikel zu lesen, der die Ursache für dieses Getue in den jahrzehntelangen Versäumnissen der zuständigen Senatsverwaltungen aufzeigt. Sehr zu empfehlen!
  • Beitrag von manfred g. aus b. ( 2. Februar 2020 um 15:11 Uhr)
    Es ist zu befürchten, dass für die Bedrängtesten unter den Schwächsten kaum Verbesserungen eintreten werden. Zum Beispiel diejenigen, die keine Papiere mehr haben und von Justiz und Behörden ihres Herkunftslandes bedrängt und verfolgt werden. Geschütztes Wohnen muss doch für alle und jeden möglich sein, auch ohne dass Formalien im Wege stehen. Die halbe Welt lebt ohne formalistische Idenditätspapiere! Und man sollte nicht vergessen: Erst in der Nazizeit hat das formalistische Identitäts- und Meldewesen die heute noch wirkende Bedeutung erlangt und wurden Obdachlose in ihrer Hilfsbedürftigkeit in die berüchtigten Lager als Asoziale mit schwarzem Winkel deportiert. Das weitere ist bekannt.

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